Gedanken zum neuen Buch von Reinhard Kardinal Marx: „Kirche überlebt“, Kösel –Verlag München 2015.

Die Aussagen und Darlegungen des Kardinals lassen sich zunächst in folgende Punkte zusammenfassen:
1. Als mystischer Leib des inkarnierten Gottessohnes Jesus Christus ist die Kirche Teil der Geschichte. Sie ist „Weggefährtin“ der Menschen bei deren Gang durch die Geschichte. Kein Zeitalter ist – um meinerseits auf Leopold von Ranke zu sprechen zu kommen – „näher zu Gott“.
2. Marx plädiert für eine entschlossene Annahme der Moderne durch die Kirche. Der Kampf gegen den Modernismus sei sinnlos gewesen und verloren gegangen. Kirche dürfe nicht derart hinter der Gegenwart herhinken, dass sie als etwas wie ein „Kulturerbe“ wahrgenommen werde.
3. Der Kardinal erweist sich als Sachwalter und Weiterdenker der Konzilskonstitution „Gaudium et spes“ mit deren positiv-optimistischer Weltsicht. Gern zitiert er die optimistischen Dicta des heiligen Papstes Johannes XXIII.
4. Der Sozialethiker Marx erklärt die Prinzipien der Soziallehre als uneingeschränkt anwendbar auch auf die Kirche. Da er besonders das Subsidiaritätsprinzip hervorhebt, kommt er zu Forderungen nach Dezentralisation und Synodalisierung.
Bei der Lektüre des Buches fällt auf, dass sein Verfasser offensichtlich das Böse und vor allem die Aktivitäten des bösen Feindes in der Geschichte entweder nicht kennt oder ausblendet. Dieses geschichtstheologische Manko durchzieht m. E. das ganze Buch. Ich sehe hier die zentrale Problematik dieser Arbeit.
Marx selbst attestiert dem II. Vatikanum Situationsgebundenheit, wenn er etwa schreibt, die beeindruckenden Formulierungen dieses Konzils seien heute vielleicht nicht mehr möglich. Da sich das II. Vatikanum weniger dogmatisch definierend, sondern mehr pastoral verstand, ist diese Situationsgebundenheit nicht überraschend. Pastoral ist immer situations- , d.h. zeit- , orts- , und anlassbezogen. Dann aber muss er sich fragen und fragen lassen, ob seine Haftung an „Gaudium et spes“ nicht genau jene Charakterisierung als „Kulturerbe“ verdient, vor der er die Kirche bewahrt sehen möchte.
Was das Subsidiaritätsprinzip und die von Marx daraus gefolgerte Dezentralisation der Kirche anbetrifft, kommt er an einer Stelle auf den Einwand zu sprechen, das gefährde die Einheit der Kirche. Auf diesen Einwand geht Marx nur unzulänglich ein. Da es nur eine Wahrheit gibt, findet die Regel der Subsidiarität gerade zur Zuständigkeit der Zentrale. Denn verschiedene Zuständigkeitsträger können die – eine – Wahrheit nicht zuverlässig absichern. Und diese – eine – Wahrheit findet sich im kirchlichen Raum an vielen Stellen wieder bis hin zur Liturgie und Katechese. Auch wenn Marx das eigens dementiert, wirkt sein Hantieren mit der Subsidiarität schon wegen seiner Stellung als Bischof und Vorsitzender einer Bischofskonferenz als innerkirchliche Machtverteilungsoption.

Bernhard Mihm

Der Rezensent Bernhard Mihm ist Jurist und war Hauptamtlicher Stadtrat und Stadtverordnetenvorsteher in Frankfurt/Main

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2 Antworten auf Gedanken zum neuen Buch von Reinhard Kardinal Marx: „Kirche überlebt“, Kösel –Verlag München 2015.

  1. Mathias Wagener sagt:

    Offenbar macht Marx einen Kotau vor dem „Zeitgeist“, der von kirchenfernen Leuten inszeniert wird. Es gibt nur in technischen Dingen eine Moderne oder wie man immer das sehen will, die Glaubensinhalte sind gleichbleibend. Der Ausgangsbericht trifft die Situation genau.

  2. Ralf Vormbaum sagt:

    „Marx plädiert für eine entschlossene Annahme der Moderne durch die Kirche.“

    Im Grunde erklärt Kardinal Marx damit den theologischen Bankrott, denn mit dem Satz wird ja implizit ausgesagt, dass die Katholische Kirche in ihrer Lehre in der Vergangenheit irrte. Warum sollte ein Mensch dann noch am Irrtum festhalten. Kardinal Marx thematisiert nicht einmal, was genau unter „Moderne“ zu verstehen ist. Welchen Wahrheitsbegriff hat die „Moderne“? Das positivistische Weltverständnis kennt nur sehr eingeschränkte, also bloß relative „Wahrheiten“, besser gesagt Seins-Zustände, die sich problemlos auch in der Zeit widersprechen können. Kann man auf solchen Scheinwahrheiten Glauben aufbauen? Und wie sieht denn die Moderne solche zentralen Glaubensinhalte, wie den Glauben an die Auferstehung? Bestreiten nicht gerade die Verfechter der „Moderne“, dass es eine Auferstehung gibt und wie verträgt sich Erlösung mit dem Denken der „Moderne“, in dem man alles, was nicht sinnlich erfassbar ist als Hirngespinst abtut? Interessant ist auch, wie die unterschiedlichen Sichtweisen des Glaubens und des säkularen Denkens auf Wirklichkeit und was darunter zu verstehen ist, mit einander harmonieren können sollten. Die „Moderne“ besteht auf Beweisbarkeit. Wie bitte, lässt sich Gott, seine Trinität, beweisen? Kann da Kardinal Marx auch nur andeutungsweise eine tragende Antwort geben oder schwebt da nicht das ganze ideologische Glaubensgebäude in der Luft? Wirklich erschreckend ist, dass sich Kardinal Marx offenbar mit diesen Fragen erst gar nicht belasten will. Er hat also längst das über Bord geworfen, was einer Anpassung der Kirche an die „Moderne“ im Wege stehen könnte und das ist in letzter Konsequenz der Glaube selbst. Gott wird in dieser modernen Sichtweise zu einer abstrakten Größe, die uns eigentlich nichts mehr angeht. Im modernen Verständnis einer verzeitlichten Offenbarung, tritt diese ins Nebulöse, nicht Deutbare zurück. Was will dann aber Herr Marx noch verkünden? Das Evangelium oder nur die neuesten Moral-Trends im Trödlerladen der unterschiedlichen Weltanschauungen? Was ist dann überhaupt noch Moral, wenn sie sich im Subjektiven auflöst, also immer das moralisch gerechtfertigt ist, was man selbst für gut und richtig hält? Gibt da Herr Marx tiefere Antworten? Und werden in diesem modernen „Glauben“ nicht der Hirte zum bloßen Sozialingenieur und die Kirche zu einer mit anderen konkurrierenden staatlichen Einrichtung? Es gibt viele Weg, die den Glauben sukzessive verdunsten lassen, einer davon ist der, den Kardinal Marx beschreitet.

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