Donum Timoris Dei – Die Gabe der Furcht Gottes

Schon in den Sprichwörtern 1,7 steht: „Gottesfurcht ist der Anfang der Erkenntnis; nur Toren verachten Weisheit und Zucht.“ Das 21. Kapitel von Thomas von Kempens ‚Nachfolge Christi‘ beginnt mit: „Willst du im Guten vorwärtsschreiten, so bewahre dein Herz in der Furcht Gottes und sei nicht zu frei, d.h. behalt deine Sinne in guter Zucht und überlass dich nicht der törichten Freude.“ In beiden Zitaten wird darauf hingewiesen, dass Gottesfurcht etwas mit „Zucht“ zu tun hat. Gottesfurcht erlaubt kein ausschweifendes, an kein göttliches Gesetz gebundenes Leben. Aus den Sprichwörtern kann man gar folgern, dass ein zuchtloses Leben Dummheit ist, nur etwas für Toren.
Papst Franziskus sagte am 11. Juni 2014 in einer Katechese sagte: „Wenn wir von der Gottesfurcht durchdrungen sind, dann werden wir dahin geführt, dem Herrn mit Demut, Fügsamkeit und Gehorsam nachzufolgen“. Wenn also Gottesfurcht Demut bedeutet, so ist das Gegenteil von Gottesfurcht Hoffart. Dann steht der Erzengel Michael für Gottesfurcht und Luzifer für das Gegenteil. Ihm fehlte die Gottesfurcht. Deshalb wurde er aus dem Himmel gestoßen. Keine Gottesfurcht zu haben ist also teuflisch.
All dies muss man bedenken, wenn man diese Abbildung verstehen will: Die Personifikation der ‚Gottesfurcht‘ befindet sich hier in einem Rundtempel, einem Gotteshaus. Hier zeigt sich die Furcht vor Gott, indem man vor ihm hinkniet. In jüdischer Tradition hat sie demütig ihr Haupt bedeckt, denn Gottes Gegenwart, vor der sie sich fürchtet, ist stets über ihr. Durch ein ovales Fenster bricht Licht in das Gebäude und fällt auch auf das Gesicht der Personifikation, die deshalb etwas furchtsam zusammenschrickt. Mit einem Finger der linken Hand weist sie auf ihre Stirn, als hätte sie erkannt, wie wichtig die Furcht vor Gott ist. Hier ergeben sich auch Parallelen zur Verkündigung an Maria. Wie bei dieser Personifikation dargestellt, so erschrickt zuerst auch Maria über die Rede Gabriels, dann denkt sie nach, was dieser Gruß bedeuten soll, der Engel nimmt ihr etwas von ihrer Furcht vor Gott, und schließlich spricht sie demütig: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte!“ (Lk 1, 30-38).
Als einzige Personifikation hat diese „Gabe des hl. Geistes“ Flügel. Sie sind schwierig zu interpretieren: Vielleicht erinnern sie an den Erzengel Michael, welcher den gottesunfürchtigen Luzifer stürzte. Diese Flügel könnten aber auch auf den Erzengel Gabriel hinweisen, welcher zu Maria sagte: „Fürchte dich nicht“ (Lk 1, 30) oder an den Verkündigungsengel auf den Feldern von Bethlehem. Auch der Gloriaengel beginnt seine Botschaft mit „Fürchtet euch nicht!“ (Lk 1, 8, 9). Und letztlich könnten die Flügel an die Hl. Geist Taube erinnern.
In raschem Voranschreiten setzt die Personifikation der Furcht Gottes ihren rechten Fuß auf die liegende Mondsichel. Im Text darunter steht, dass, im Gegensatz zum Mond, der immer zu- und abnimmt, die Gottesfurcht stets zunimmt. Wer also diese „Himmelsgab“ hat, der wird immer gottesfürchtiger. Deshalb schreitet die Personifikation auch entschlossen vorwärts.
Im aufgewehten Zipfel des Umhangs der Personifikation verbirgt sich ein Hase, dessen Furchtsamkeit und Ängstlichkeit größer als die aller anderen Tiere ist. Deshalb ist er auch ein Attribut von Timor und Metus. Hier steht der Hase für die rechte Furcht, die Furcht Gottes.
Nebenbei sei erwähnt, dass besonders im 18. und 19. Jahrhundert Gottesfurcht sogar ein Vorname wurde. Das bekannteste Beispiel hierfür ist der deutsche Dichter Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769).

Alois Epple

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Novemberheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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