Wie können die verstrockneten Wurzeln neu belebt werden?

Neuentdeckung des Katechumenats
Ist vom bundesweiten Gesprächsprozess ein Neuaufbruch im Glauben ausgegangen, ein Impuls für die kirchliche Erneuerung? Nach fünf Jahren Gesprächsprozess wurde in Würzburg nach siebenstündiger Debatte von den 300 Delegierten bei neun Gegenstimmen und drei Enthaltungen eine Abschlusserklärung verabschiedet. Sie bejaht „das Ziel einer geschlechtergerechten Kirche. Sie fordert die Bischöfe auf, die Einschränkungen zu beseitigen oder auf deren Beseitigung hinzuwirken, die eine echte Teilnahme wiederverheirateter Geschiedener am Leben der Kirche kaum möglich machen (Vergleichsweises gilt für eingetragene Lebenspartnerschaften Homosexueller).“ (Tagespost 15.09.15).
Reinhard Marx nannte den Dialogprozess einen wichtigen Schritt: Die Kirche habe „neue Formen des vertrauensvollen Miteinanders „erprobt“. Denen, die den Dialogprozess als folgenlos kritisierten, hielt er entgegen, es sei eine Liberalisierung des Arbeitsrechtes für kirchliche Mitarbeiter, eine stärkere Beteiligung von Frauen an kirchlichen Führungspositionen und eine neue Debatte über Ehe, Familie und Sexualität erfolgt. In den fünf Jahren des Dialogprozesses standen die bekannten Reizthemen wie Zölibat, Diakonat der Frau oder der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen im Mittelpunkt der Debatten.
Kardinal Marx verkauft die nahezu vollständige Aufgabe von Forderungen nach einer Lebensführung gemäß den Geboten Gottes und der katholischen Moral bei kirchlichen Angestellten als eine Errungenschaft. Damit gibt die deutsche Ortskirche sogar bei ihren rund 700.000 Mitarbeitern das auf, was von allen Katholiken gefordert wird.

Hoffnungsvolle und glaubensstarke Christen sind das Salz der Erde
Bischof Rudolf Voderholzer erklärt in seiner Stellungnahme: „Das Dokument bleibt in einer Nabelschau stecken, die einer ausgeprägten Innenperspektive geschuldet ist. Es fehlt die Begeisterung der frohen Botschaft, deren Bekenner sie hinaustragen sollten in alle Welt“. Stattdessen herrsche ein mutloser Grundton vor. „Hoffnungsvolle und glaubensstarke Christen wirken in die Gesellschaft hinein und sind Salz der Erde.“ Voderholzer sieht die „Aufgabe der Kirche darin, sich im Dialog den Herausforderungen der Welt zuzuwenden und mitten in der Welt Zeugnis abzulegen für Christus“ (Tagespost 15.09.15). Wenn ein Delegierter (Bernd Wehner) zum Gesprächsprozess anmerkte: „Der Notstand der Kirche heute bestehe … in einer Krise des Glaubens“, so traf er den eigentlichen Punkt und bestätigte, was der junge Theologieprofessor Joseph Ratzinger bereits 1958 (!) konstatiert hatte: „Die Statistik täuscht. Das dem Namen nach christliche Europa ist seit langem zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen heraus auszuhöhlen droht. Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst.“ Das heißt, dass die Betroffenen „sich nicht mehr einfach den Glauben zueignen, sondern eine sehr subjektive Auswahl aus dem Bekenntnis der Kirche zu ihrer eigenen Weltanschauung machen (Qu: Hochland I/59 zitiert nach Wolfgang Marx „40 Jahre Neokatechumenat in St. Philipp Neri – München Neuperlach“, S. 22). „Nur wenn die Kirche anfängt sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft zu erreichen vermögen, die sich bisher noch in der Illusion gefallen können, als wären sie gar keine Heiden“ (Das neue Volk Gottes, Pattmos-Verlag 1969, S. 325 f u. 330, zitiert nach Wolfgang Marx „40 Jahre Neokatechumenat in St. Philipp Neri – München Neuperlach“, S.22)

Das Wort von Joseph Ratzinger dass die Katholiken „sich nicht mehr einfach den Glauben zueignen, sondern eine sehr subjektive Auswahl… zu ihrer eigenen Weltanschauung machen“ erleben wir in der deutschen Ortskirche und in ihren Pfarrgemeinden. Katholiken verhalten sich z.B. in Bezug auf Ehescheidungen, Zusammenleben ohne Trauschein, etc. kaum anders als Nichtchristen. Warum? Weil viele Katholiken, wie repräsentative Umfragen zeigen, nicht mehr an einen persönlichen Gott, ein Leben nach dem Tod und eine Verantwortung für ihr Tun glauben.

Pfarrer machen in dieser Situation einen eher hilflosen Eindruck. Sie suchen Rat bei Kommunikations- und Marketingexperten, die die Kirche nicht als Leib Christi, sondern als ein wirtschaftliches Unternehmen betrachten. Um „Außenstehende“ mit der Kirche in Kontakt zu bringen und leerstehende Pfarrheime auszulasten, werden sogenannte „niederschwellige“ Angebote und Veranstaltungen durchgeführt mit Tanz- und Bastelkursen, Kegelabenden und Vorträgen, die mit dem Glauben der katholischen Kirche wenig zu tun haben. Die Menschen lernen Gebäude, aber nicht den Glauben der Kirche kennen. Betriebsamkeit verdeckt die geistliche Leere.

Um Kinder zurückzugewinnen und über sie mit den Eltern in Kontakt zu kommen, werden vielerorts bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion und Firmung große Anstrengungen unternommen. Das Resultat ist bekannt: Kinder und Eltern sind am Kommunion- und Firmtag anwesend. Am nächsten Sonntag sind Ausschlafen, Fußball und ein Ausflug wieder wichtiger als der Besuch der heiligen Messe. Ein Lichtblick sind allenfalls einige Kinder, die der Pfarrer für den Ministrantendienst begeistern kann. Ähnliches gilt für jene „Augenblickserfolge“, wie sie bei religiösen Festen und Events auftreten.

Bei den Maßnahmen zur Bewahrung der Schöpfung spricht man viel von „Nachhaltigkeit“. Sie wäre auch bei den Bemühungen um einen Neuaufbruch im Glauben entscheidend.

Warum die Versuche einer Neu¬evangelisierung vor Ort dem Begießen von Pflanzen gleichen, die schon bis zu den Wurzeln vertrocknet sind, dazu äußert sich der erfahrene Pfarrer Wolfgang Marx der Münchner Stadtpfarrei St. Philipp-Neri. Er sieht den eigentlichen Grund dafür im fehlenden Ort zu einer bewussten Entscheidung für den Glauben der Kirche. Aus Tradition werden die Kinder getauft und nehmen am schulischen Religionsunterricht teil. Dazu gehört dann noch, an der Erstkommunion und an der Firmung teilzunehmen.

Der Rückgriff auf die Kirche der ersten Jahrhunderte
Wenn jemand Christ in der jungen Kirche der ersten Jahrhunderte werden wollte, nahm er den Weg des Taufkatechumenats auf sich. Dieser konnte bis zu zwei Jahre dauern. Er diente dem Kennenlernen des Glaubens und der persönlichen Erprobung. Am Ende stand die Entscheidung für die Kirche und die Aufnahme in sie.
Das Wort Katechumenat ist wieder in die Diskussion gekommen z.B. als „Ehekatechumenat“. Den Anstoß dazu gaben u.a. die massenhaften Ehescheidungen und die zunehmende Anzahl von Anträgen auf Eheannulierungen, weil junge Leute heute oft heiraten, ohne sich über die Konsequenzen einer Eheschließung im Klaren zu sein.

Die Wiederbelebung des Taufkatechumenates heißt, dass in den meisten Fällen bereits Getaufte eine bewusste Entscheidung für den Glauben der katholischen Kirche vollziehen. Es ist eine Neubekehrung vom Unglauben zum Glauben, eine Umkehr, die sich auf das gesamte Leben auswirkt. Diese Entscheidung ist ein Versprechen, vergleichbar einem Gelöbnis. Ein feierlicher Akt, der häufig in der Osternacht vollzogen wird. Man fühlt sich an die Vereidigung der neuen Schweizer Gardisten erinnert, die jedes Jahr am 6. Mai stattfindet im Gedenken an das Jahr 1527, als 147 von den 189 Gardisten bei der Verteidigung des Papstes ihr Leben ließen. Sie schwören noch heute „selbst ihr Leben“ für den Papst hinzugeben.

Pfarrer Marx beschreibt in seinem Rückblick auf „40 Jahre Neokatechumenat in St. Philipp-Neri – München – Neuperlach“ wie sich eine Bekehrung auf das Leben der gesamten Pfarrgemeinde auswirkt. Diese Veränderung hat mit der neokatechumenalen Bewegung zu tun, die sich in seiner Pfarrei entfalten konnte. Pfarrer Marx verschweigt nicht die Schwierigkeiten des Nebeneinanders von neokatechumenaler Bewegung und „normalem“ pfarrlichen Leben. Er tabuisiert auch nicht die Schwierigkeiten, die bei der Scheidung der Geister auftreten, wenn Bekehrung und Umkehr vom Gewohnten geschehen.

Ein Neuanfang ist nicht ausschließlich an eine bestimmte geistliche Bewegung gebunden. Entscheidend ist die Bereitschaft, einen wirklichen Neuanfang zu machen.
Die katholische Kirche kennt in ihrer zweitausendjährigen Geschichte viele Wellen des Aufbruchs und des Niedergangs, der aufgegriffenen und verspielten Chance mit den Personen und Ordensgründern, die hinter den Reformen standen. Auch heute gibt es geistliche Bewegungen, die einen Neuanfang im Glauben auslösen können. Die eigentliche Ursache ist in jedem Fall Gott, der sie bewirkt. In der Beurteilung gilt immer das, was in dem Wort „an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ zum Ausdruck kommt.
Wenn Wolfgang Marx nach 40 Jahren Bilanz als Pfarrer zieht, kann er zu Recht sagen: „Am Ende meiner Dienstzeit in St. Philipp-Neri gab es zwölf Gemeinschaften der neokatechumenalen Bewegung (jeweils mit 25 bis 40 Personen). Wir durften sieben(!) Primizen feiern, viele Hochzeiten, in denen immer etwas von der ursprünglichen Schönheit der Liebe aufleuchtet“… und er nennt weiter:
„dass die Ehen stabil bleiben,
dass Kinder den Eltern wichtiger sind als Berufstätigkeit und Karriere,
dass Gott die Macht hat, ihnen trotzdem alles zu geben, was sie zum Leben brauchen,
dass die Jugendlichen anfangen, sich ernsthaft mit dem Wort Gottes zu beschäftigen und regelmäßig an den Liturgien teilnehmen,
dass ihre konkreten Ziele nicht Spaß am Sex, sondern eine ernsthafte christliche Ehe und Familie sind,
dass das Bußsakrament und die Feier der Eucharistie als lebensnotwendige Elemente für das Hineinwachsen in eine christliche Gemeinschaft erkannt und praktiziert werden,
dass eine Liebe zur Kirche entsteht, so wie sie ist,
dass mit dem Papst auch das Lehramt als authentische Auslegung der Glaubenswahrheiten angenommen wird.“

Das Bild der von Pfarrer Marx geschilderten Gemeinde spiegelt das Bemühen katholischer Christen wieder, di ernsthaft bemüht sind, den Glauben, nicht aber einen religiösen Hochleitungssport, zu leben. Das Meiste davon geschieht unauffällig und im gewöhnlichen Alltag.

Hubert Gindert

Das Bild gibt Taufe bzw. Tauferneuerung und Aufnahme in die neokatechumenale Gemeinschaft als Zeichen der Bereitschaft zu einem neuen Leben in Christus wieder. Pfarrei St.Philipp Neri, München-Neuperlach

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Novemberheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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