Kann Gott grausam sein?

Wie kann Gott das zulassen? Mit dieser so häufig gestellten Frage, die im Grunde die Frage der Theodizee (das Problem, das Weltübel mit einem gütigen und allmächtigen Gott in Einklang zu bringen) wollen wir uns hier nicht einmal mehr beschäftigen. Ganze Bibliotheken sind mit Abhandlungen darüber gefüllt worden. Sondern die Frage betrifft dich und mich in unserem persönlichen Leben ständig. Deshalb hier einige Gedanken zu dem Leben von betroffenen Christen hierzu, die zwar auch nicht die Frage der Theodizee lösen können, aber vielleicht doch helfen können, das Leid in unserem Leben anzunehmen.
Die berühmte, längst verstorbene Schauspielerin und Theater-Intendantin Ida Golda Ehre hat ihren Memoiren den Titel gegeben: „Gott hat einen größeren Kopf.“
Ihre jüdische Mutter hatte ihr diesen Rat mit auf den Lebensweg gegeben: „Denk immer daran, dass Gott einen größeren Kopf hat als du.“
Wir können also mit unserem kleineren Kopf Gott nicht erfassen und vollständig begreifen, wie der Apostel Paulus an die Philipper schreibt, dass der Heilige Geist (der Friede Gottes) all unser Begreifen übersteigt.
Und doch erschreckt es uns und ängstigt viele, dass Gott selbst so vielen seiner treuesten Diener unsägliches Leid zumutet. Ja, manche Christen verlieren darüber ihren Glauben.
Hier drei Beispiele, wie Gottes treue Zeugen und „Mitarbeiter“ leiden müssen.
Der erste Fall: Die evangelische Corrie ten Boom hatte mit ihrer Schwester und der Hilfe ihres Bruders, eines reformierten Pfarrers, in ihrem Elternhaus in Haarlem in den Niederlanden als Mitbegründerin einer Organisation zur Hilfe für verfolgte Juden zahlreiche Juden versteckt, bis sie verraten wurde und mit ihrer Schwester in das KZ Ravensbrück kam. Ihre Schwester wurde an ihrer Seite von den Nazis zu Tode gequält und ihr Bruder starb später an den Folgen der Misshandlungen durch die Nazis. Corrie überlebte und vergab ihren Peinigern und den Mördern ihrer Schwester. Sie brachte es sogar über sich, nach dem Krieg einem dieser Täter die Hand zu reichen. Nach dem Krieg wurde sie als „Tante Corrie“ eine der bekanntesten Verkünder ihrer Zeit. Sie wurde Zeugin Christi bis an die „Grenzen der Erde“ und führte durch ihr persönliches, unermüdliches Wirken und ihre Bücher ungezählte Menschen zu Jesus Christus. Sie war ein Fels in der Brandung. Ihren Lebensabend verbrachte sie in Kalifornien, wo sie im Alter von 91 Jahre starb. Diese treue Jüngerin Christi, die in ihrem Leben so schrecklich gelitten hatte, wurde die letzen fünf Jahre ans Bett gefesselt, wo sie einen Schlaganfall nach dem anderen erlitt.
War das etwa Gottes grausamer Lohn für ihr vorbildliches lebenslanges Zeugnis für Christus? So fragten viele entsetzte Menschen. Ist Gott wirklich so grausam? Tante Corrie hätte diese Frage niemals gestellt.
Der zweite Fall ist die selige, bald heilige Mutter Theresa. Wir alle sind noch Zeugen für das unbeschreiblich Große, dass sie in tiefer Demut und aus Liebe zu Christus und den Menschen vollbrachte. Und doch erfuhren wir nach ihrem Tode, dass sie 50 Jahre in unendlichem Leid durch die Dunkelheit der „Gottesferne“ hatte gehen müssen. An ihr wurde das Wort des Psalmisten wahr: „Du hobst mich aus der Tiefe und stelltest mich auf einen Felsen. Doch dann hast Du Dein Antlitz verborgen. Da bin ich erschrocken.“
Das dritte Beispiel ist das der Mutter Angelica, die aus nichts anderem als ihrem absoluten Gottvertrauen den größten religiösen (katholischen) Fernsehsender der Welt EWTN und ein Netz von Rundfunkanstalten gründete und in den berühmten Sendungen „Mother Angelica Live“ wie Tante Corrie zahllosen Menschen Halt und Glauben gab. Sie litt in ihrem ganzen Leben an vielen schrecklichen Krankheiten und blieb doch oft fröhlich und im Grunde immer optimistisch, dem Psalm 34 des großen Königs David folgend: „Die auf Ihn schauen, deren Antlitz wird leuchten.“ Sie hat durch ihr Wirken die amerikanische Kirche verändert und reformiert. Und nun muss sie im hohen Alter das Schicksal von Tante Corrie teilen. Es traf sie ein Schlaganfall nach dem anderen.
Wie kann Gott so grausam sein, und viele seiner Treuen so „belohnen“.
Wir wollen uns mit diesen drei Frauen dieses Denken abgewöhnen. Es macht keinen Sinn zu fragen: Warum? Wir können höchstens fragen: Wozu?
Jetzt am Abend meines Lebens habe ich mir abgewöhnt, mich mit der Frage „Warum“ zu beschäftigen und hoffe, dass ich noch ganz dahin komme, wohin die Gründerin der Darmstädter evangelischen Marienschwestern, Mutter Basilea Schlink, kam, indem sie täglich betete: „Mein Vater, ich verstehe Dich nicht. Aber ich vertraue Dir.“ Das ist mir die beste Möglichkeit mit all dem Leid umzugehen: Es im Vertrauen darauf, dass Gott den Sinn kennt, anzunehmen.
Eine(r) der großen Heiligen hat einmal gesagt, dass Gott seine Freunde schrecklich behandelt. „Aber er tut ihnen kein Unrecht; denn er hat seinen Sohn genauso behandelt.“
Gott hat die Welt durch sein eigenes Leiden erlöst. Also muss das Leid einen Sinn haben; denn Gott hätte ja auch die Welt anders erlösen können. (Einige Theologen mögen mir hier widersprechen). Und so habe ich für mich drei Punkte gewonnen aus meinen Betrachtungen, Gebeten und dem eigenen Leiden.
Wir sind erstens nicht Gottes Ratgeber. Den Gott, den man begreifen kann, ist ein von Menschen gemachter Götze der eben „begreifbar“ ist. Gott lässt uns von sich und seinen Plänen nur das verstehen, was wir zum Leben brauchen und was er uns sehen lassen will. Und das ist viel und ausreichend. Und so sagt der Psalmist: „Er hat Mose seine Wege wissen lassen und das Volk Gottes sein Tun.“ Das ist genug und reicht für unseren Pilgerweg zum Himmel.
Zweitens denke ich, dass Gott manche seiner Treuen das Fegfeuer im Leid auf dieser Erde noch durchschreiten lässt, damit sie am Ende gleich in die himmlische Stadt einziehen können.
Drittens sehe ich das Leid ganz als Teilhabe am Leiden und am Opfer Christi: dass ich – wie Paulus sagt – mit meinem Leiden, das ergänze, was am Leiden Christi noch fehlt. Ja, ist denn das Leiden Christi unvollständig? Nein! Aber wir folgen damit dem Wort des Herrn: „Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Und so ist es denn eine alte christliche Erfahrung, die ich auch immer wieder machen darf, dass wer Gott sein Leiden aufopfert für andere, für die Bekehrung der Sünder und die Erneuerung der Kirche aus dem Heiligen Geist, großen Trost und auch Kraft geschenkt bekommt. Aus dieser Kraft konnte der lutherische Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt, der vier seiner Kinder begraben musste und bei der Geburt des fünften am Sterbebett seiner jungen Frau saß und diese Erkenntnis niederschrieb ( O Haupt voll Blut und Wunden):
„Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod und lass mich schaun dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will glaubensvoll fest an mein Herz dich drücken: Wer so stirbt, der stirbt wohl.“
Es ist nicht leicht, dahin zu kommen; denn das Leid kann unermesslich und kaum erträglich sein. Und hier gilt wieder ganz besonders Jesu Wort aus den Abschiedsreden (Joh. 15,5): „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Nur an seiner Hand können wir unser Leid ertragen und aufopfern in dem Bewusstsein, dass der Sinn auch unseres Leidens im Kreuzesleiden Christi liegt und der Weg ins Paradies IMMER über Golgatha führt.
Wir sind auf unserem Weg durch den Advent nur noch wenige Tagereisen von der Grotte in Bethlehem entfernt. Auch an Weihnachten wird in der Welt gelitten und gestorben.
Und so hat dann der so schwer geprüfte Paul Gerhardt unsere Frage, ob Gott grausam sein kann, in einem der schönsten Weihnachtslieder ( „Fröhlich soll mein Herze springen“) beantwortet:

„Sollt uns Gott nun können hassen,
der uns gibt,
was er liebt
über alle Maßen?
Gott gibt, unserem Leid zu wehren,
seinen Sohn
aus dem Thron
Seiner Macht und Ehren.“

Michael Schneider-Flagmeyer

Siehe hierzu auch kath.net und die Bemerkung am Ende der Betrachtung:

http://www.kath.net/news/53358

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