Was wird aus den päpstlichen Ermahnungen an die DBK?

Die Bischöfe der Teilkirchen besuchen turnusgemäß alle fünf Jahre die Apostelgräber in Rom und den Nachfolger des heiligen Petrus. Das gibt dem Papst die Möglichkeit, den Zustand der Ortskirche anzusprechen und sie, wenn notwendig, auf die eigentlichen Ziele auszurichten. Die Bischöfe der deutschen Ortskirche hatten im November 2015 ihren Ad-Limina-Besuch in Rom. Der Heilige Vater zeigte sich über die Kirche in Deutschland außerordentlich gut informiert und konnte die Gesamtsituation sehr konkret darstellen.
Nachdem Franziskus auf die „außergewöhnlichen Zeitumstände“ mit den hunderttausenden Kriegsflüchtlingen hingewiesen und die „große Unterstützung, der Kirche in Deutschland durch die vielen Hilfsorganisationen für die Menschen in aller Welt“ erwähnt hatte, kam er auf die innere Befindlichkeit der Kirche in Deutschland zu sprechen, die er als eine dahinsiechende und absterbende Kirche beschrieb. Sie sei zwar „überall im sozialen und caritativen Bereich professionell engagiert“ und „auch im Schulwesen überall aktiv“. Aber Franziskus machte deutlich, dass darauf zu achten ist, „dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt“. Denn nur dann „sind sie ein nicht zu unterschätzender positiver Faktor für den Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft“. Diese kirchlichen Einrichtungen waren noch einmal gemeint, als Franziskus forderte, „dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden müssen“.
Hier werden sich die Katholiken in Deutschland daran erinnern, dass die Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrsversammlung am 27.4.2015 mehrheitlich die Weichen in die ganz andere Richtung gestellt hat, obwohl das Bundesverfassungsgericht am 20.11.2014 die kirchlichen Rechte bezgl. der Einforderung der bisherigen Loyalitätsverpflichtungen festgestellt hatte, dass die Kirche von ihren Mitarbeitern verlangen kann, dass diese den kirchlichen Glauben teilen und die kirchlichen Moralvorstellungen auch persönlich einzuhalten haben. Statt dessen hat sich die Kirche in Deutschland sich dafür entschieden, ihre Einrichtungen dem Geist der Zeit anzupassen. Nun geht es aber nach Papst Franziskus nicht darum, dass die Kirche mit ihren mehr als 700.000 Mitarbeitern nach dem Staat der größte Arbeitgeber bleibt, sondern dass ihre Einrichtungen der eigentlichen Aufgabe treu bleiben und „missionarischer werden“. Diesem Ziel dient wahrlich nicht die Liberalisierung des kirchlichen Arbeitsrechts.
Papst Franziskus nannte danach die fehlende Vitalität und missionarische Kraft ohne Umschweife beim Namen: Den Rückgang des sonntäglichen Gottesdienstbesuches – er liegt unter 10%, 1950 waren es 50,2% – . Die „Erosion der Katholischen Kirche in Deutschland“ zeige sich weiter, dadurch, dass „die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das Gott geweihte Leben haben drastisch abgenommen“.

„Was können wir dagegen tun?“

Papst Franziskus resigniert nicht vor dieser dramatischen Situation, sondern fragt, „was können wir dagegen tun?“ und weist auf das Beispiel der ersten Christen hin. Er erinnert an die „treuen Mitarbeiter des heiligen Paulus Priska und Aquila: „Als Ehepaar verkündeten sie mit überzeugenden Worten, vor allem aber mit ihrem Leben, dass die Wahrheit, die auf der Liebe Christi gründet, wirklich glaubwürdig ist“. Am Vorbild von Priska und Aquila machte Papst Franziskus deutlich, worauf es ankommt, nämlich auf die Mitarbeit „vom heiligen Geist inspirierter Ehrenamtlicher“. Die Kirche in Deutschland geht aber den anderen, nicht zukunftsfähigen Weg. Der Papst wies auf diesen Irrweg hin, wenn er von der „Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche“ sprach und vermerkte: „Es werden immer neue Stellen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“.

Das Gebot der Stunde

Papst Franziskus „das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung… dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in allen Bereichen expansiver und offener ist, dass die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des Aufbruchs versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“. Was Papst Franziskus hier fordert, sind keine kosmetischen Korrekturen, sondern ist eine komplette pastorale Neuausrichtung, eine Wende um 180°!
Als erfahrener Seelsorger kennt Franziskus die Schwierigkeiten, die sich einer solchen Neuausrichtung in den Weg stellen: „Die Rahmenbedingungen der heutigen Gesellschaft sind… nicht unbedingt günstig. Es herrscht eine gewisse Weltlichkeit vor. Die Weltlichkeit verformt die Seelen, sie erstickt das Bewusstsein für die Wirklichkeit“. Andererseits „sagt uns unser Glaube, dass Gott der immer zuerst Handelnde ist. Diese Gewissheit führt uns zunächst ins Gebet.

Wie können die Menschen die Botschaft Gottes wieder verstehen?

Dazu der Seelsorger Franziskus: „Wir müssen bei den Menschen sein. Mit der Glut derer, die als Erste das Evangelium in sich aufgenommen haben, und jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wieder zu gewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf“.
Bischöfe werden sich fragen müssen, ob sie auf ihren Firmreisen und Pfarrvisitationen die Menschen tatsächlich erreichen.
Während in Deutschland im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und in Laiengremien von „Dialogprozessen“ mit den Bischöfen auf Augenhöhe gefaselt wird, erinnert Papst Franziskus die Bischöfe daran, dass es im Zusammenhang mit der Neuevangelisierung „unerlässlich“(!) ist, „dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens des in der lebendigen Gemeinschaft der universalen Kirche überlieferten und gelebten Glaubens in den vielfältigen Bereichen seines Hirtendienstes gewissenhaft wahrnimmt“.

Die Ausbildung an den theologischen Fakultäten im Einklang mit der Kirche

Der Bischof soll als „treu sorgender Vater“ seinen Dienst wahrnehmen. Was Papst Franziskus damit meint, führt er konkret aus: Er soll „die theologischen Fakultäten begleiten und den Lehrenden helfen, die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten. Die Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspricht nicht der akademischen Freiheit… das sentire cum ecclesia (Mitfühlen mit der Kirche) muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen“.
Angesichts des Zustandes an manchen katholischen Fakultäten, gibt es für die Bischöfe gerade hier einiges zu regeln.
Franziskus spricht sich nicht dafür aus, sich aus den staatlichen Universitäten zurückzuziehen. Denn „die Präsenz der katholischen Fakultäten an den staatlichen Bildungseinrichtungen ist eine Chance, um den Dialog mit der Gesellschaft voranzubringen“. Man muss nur bereit sein, ihn auch mutig und glaubensstark zu führen.

Die überregionale Bedeutung der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Papst Franziskus setzte sich in seiner Rede an die deutschen Bischöfe ausdrücklich für den Ausbau der katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt ein. Sie ist „von großem Wert für ganz Deutschland… ein entsprechender Einsatz der gesamten Bischofskonferenz wäre daher wünschenswert, um ihre überregionale Bedeutung zu stärken“. Die katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt könnte, wenn der Appell des Papstes umgesetzt würde zu einem theologischen Kraftzentrum in Deutschland werden, wie wir das heute mit Heiligenkreuz bei Wien und seiner Hochschule Papst Benedikt XVI. erleben.

„In der Beichte beginnt die Reform der Kirche“

Auch in den Pfarrgemeinden muss dem Bischof „in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen“. Papst Franziskus hob besonders die Beichte und die Eucharistie hervor. „Das bevorstehende Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken… in der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass… dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet“. Das klingt bestimmt und nicht nach „kann“ oder „vielleicht“ etc..

„Ohne Priester gibt es keine Eucharistie“

Papst Franziskus drängt darauf, „die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen… die wertvolle Mitarbeit von Laienchristen im Leben der Gemeinden… darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden… ohne Priester gibt es keine Eucharistie“. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Weiheamt und dem allgemeinen Priestertum, der anerkannt bleiben muss und nicht verwischt werden darf.

Die Kirche ist Anwalt für das Leben: „Hier gibt es keinen Kompromiss“

Franziskus wendet sich noch einmal direkt an die Bischöfe, wenn er abschließend vom „nicht hoch genug einzuschätzenden Auftrag des Bischofs… für das Leben“ spricht. „Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein und darf keine Abstriche darin machen… Wir können hier keine Kompromisse eingehen“.
Keine Kompromisse? Als am 6. November 2015 der Deutsche Bundestag ein Gesetz beschlossen hat, wonach aktive Suizidbeihilfe durch Angehörige, Ärzte und besonders nahestehende Personen möglich ist, hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zusammen mit dem ZDK-Präsidenten und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland „allen, die in Politik, Zivilgesellschaft, Kirchen und Religionsgemeinschaften an dieser für unser Land guten Entscheidung mitgewirkt haben“, gedankt, obwohl sich aktive Sterbehilfe gegen das fünfte Gebot, die Lehre der Kirche und gegen das, was Joh. Paul II. in „Evangelium Vitae“ ausgeführt hat, richtet. Dies ist umso erstaunlicher als die deutschen Bischöfe noch 2014 in ihrem Flyer „Sterben in Würde“ geschrieben haben: „aus ethischer Sicht ist die Beihilfe zur Selbsttötung – sowohl durch Organisationen als auch durch Ärzte oder anderen nahestehenden Personen abzulehnen“.

Die Rede von Papst Franziskus an die deutschen Bischöfe anlässlich ihres Ad- Limina-Besuchs 2015 kann in ihrer Bedeutung für die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Tatsache, dass diese Ansprache in den Medien, auch in den katholischen, klein geschrieben oder übergangen wurde, darf niemand verwundern, der die Situation in Deutschland kennt. Die Hoffnung der kirchenverbundenen Katholiken richtet sich auf die reformwilligen Bischöfe. Wenn sie den steinigen Weg der Reformen einschlagen, verdienen sie jede Unterstützung der Gläubigen. Es darf nicht erneut eine Ignoranz geben, so wie es mit den Vorschlägen zur Entweltlichung der Kirche geschehen ist, die Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache am 25. September 2011 in Freiburg gemacht hatte.

Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Was wird aus den päpstlichen Ermahnungen an die DBK?

  1. Bei der „Rede“ des Papstes sollte bedacht werden, daß der Papst die gar nicht gehalten hat. Er hat sie lediglich in Schriftform verteilt.
    In ei­nem In­ter­view mit Erz­bi­schof Rein­hard mit dem Dom­ra­dio liest man:
    »KNA: Welche Re­so­nanz hat die­se Re­de ge­fun­den?

    Marx: Wir ha­ben uns in der Bi­schofs­kon­fe­renz noch nicht da­rü­ber aus­ge­tauscht, zu­mal der Papst die Re­de ja nicht ge­hal­ten son­dern uns nur aus­ge­teilt hat…«

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