Der Versuch, das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus vorwegzunehmen

Am Ende der römischen Bischofssynode zu Ehe und Familie gab es ein Medienecho, in dem sich Enttäuschung, ja Verärgerung ausdrückten. „Viel Lärm um nichts“ – „Die Bischofssynode zeigt, dass die katholische Kirche auf der Stelle tritt“ (Augsburger Allgemeine Zeitung vom 23.10.2015). Warum diese Verärgerung? Das Ergebnis der Beratungen entsprach nicht den Erwartungen der Medien zur Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion, zur Aufwertung homosexueller Partnerschaften, etc. Sätze im gleichen Artikel wie „Die Bewahrer haben sich durchgesetzt“, „Die von Franziskus und den Reformern erhofften Öffnungen auf der Synode blieben aus“, „Die katholische Kirche ist heute etwa so klug wie vor zwei Jahren“ unterstreichen diesen Frust.
Nun liegt das angekündigte nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus noch nicht vor, das Aufschluss bringen wird, was z.B. „Barmherzigkeit“ oder „Dezentralisierung“ für die strittigen Fragen konkret bedeuten. Die Spannung und die Unsicherheit sind groß. Medienüberschriften wie „Alle blicken auf Franziskus“ (AZ 22.10.15), „Alle warten auf den Papst“, „nach der Familiensynode im Vatikan fragen sich zahlreiche Katholiken, wie es nun weitergeht: Das aber muss Franziskus entscheiden“ oder „Der Vorhang zu – und alle Fragen offen“, „Starker Mediendruck von außen“ (Tagespost 24.10.15). Guido Horst sagt dazu:
„Noch unklarer ist, welcher Art der mediale Druck war, der auf der Synode lastete – und wer diesen Druck ausüben wollte. Von Anfang an konnte die Bischofsversammlung nicht unbeschwert arbeiten, sondern wurde – anscheinend nach einem genauen Zeitplan – von der internationalen Presse auf Nebengleise geführt. Auch Kardinäle, Ortsbischöfe oder interessierte Gläubige lesen säkulare Medien und erhielten ein verzerrtes Bild.“ Warum dieser Mediendruck? Es ging um die Interpretationshoheit über das Geschehen. Der Medienexperte Professor Norbert Bolz äußerte einmal: „Wenn man über Jahrzehnte die Praxis der Massenmedien beobachtet, dann weiß man … es geht … nicht so sehr um Aufklärung, sondern um Sensation … es geht um Skandale und Sensationen, um das Empörungspotential von Entscheidungen“ (Die Tagespost 14.3.2013, S. 11). Den Medien geht es aber nicht nur um Sensationen und Unterhaltung des Publikums, sondern auch um handfeste Kirchenpolitik. Denn die katholische Kirche ist das letzte Bollwerk, das einer schrankenlosen Selbstbestimmung im Wege steht. Sie soll deswegen auf das Niveau jener kirchlichen Gemeinschaften eingeebnet werden, die alles absegnen. Deswegen warten die Medien nicht auf das nachsynodale Schreiben des Papstes. Sie suchen es vorwegzunehmen und den Boden für das aufzubereiten, was kommen soll. Zu diesem Zweck werden Bischöfe, Theologieprofessoren, Pfarrer und prominente Laien aufgeboten. Kardinal Marx erklärte zur Synode: „Der Text öffnet Türen.“ Was gemeint ist, hat Marx oft genug geäußert, bis hin zur Ankündigung eines nationalen Sonderwegs. Der Freiburger Theologe Eberhard Schockenhoff: „Ich bin sicher, dass Schreiben des Papstes die Deutlichkeit enthalten wird, die manche jetzt noch vermissen.“ Schockenhoff weiter „die Synode habe die in einigen deutschen Kirchengemeinden übliche Praxis bestätigt, wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen nicht mehr von der Kommunion auszuschließen. ‚Das was sich bisher als bewährte Praxis gezeigt hat, kann gestärkt weitergehen‘“ (Konradsblatt 44.2015). Aus der Diözese Augsburg kommt Dekan Helmut Haug zu Wort: Er hätte sich eine deutlichere Festlegung gewünscht, dass Wiederverheiratete, „die womöglich seit Jahrzehnten eine gute Ehe führen … wieder vollwertige Mitglieder der Kirche werden können“ (AZ 29.10.15). Der Tutzinger Pfarrer Peter Brummer, der sich in der reformorientierten Priesterinitiative Augsburg engagiert, äußerte sich: „Ich gehe davon aus, dass eine Dezentralisierung kommen wird … wir brauchen ein offenes Gespräch … mit Menschen in unterschiedlichen Lebens- und Familiensituationen“. Pfarrer Karl Feser, Sprecher der Pfarrer-Initiative Deutschland aus dem Bistum Würzburg stellt fest: „Zahlreiche Pfarrer lassen Wiederverheiratete nach Gesprächen zur Kommunion zu.“ Er sei nur einer von vielen (AZ, 29.10.15). Hildegard Schütz, die Vorsitzende des Diözesanrates im Bistum Augsburg, Leiterin einer kirchlichen Schule, spricht sich ebenfalls für die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion aus.
Kann die strapazierte „Dezentralisierung“ der Kirche in wichtigen Fragen der kirchlichen Lehre zu einer Kirchenspaltung führen? Dazu äußerte sich Professor Stephan Haering. Er hat den „Lehrstuhl für Kirchenrecht“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Haering sagte in einem Interview mit der AZ (5.11.15) zur Dezentralisierung: „Den Bischofskonferenzen und Ortsbischöfen sollen spezifische Kompetenzen übertragen werden. Dazu liegen aber noch keine konkreten Ergebnisse vor im Sinne neuer kirchenrechtlicher Regelungen oder gar neuer Lehraussagen“. Auf die Frage, ob die Deutsche Bischofskonferenz dann künftig entscheiden könne, wiederverheiratet Geschiedene zur Kommunion zuzulassen, äußerte Haering: „… Der Grundsatz wird schon immer bleiben, dass das, was von der übergeordneten Rechtsinstanz geregelt ist, von der untergeordneten Rechtsinstanz beachtet werden muss. In Sachen des Glaubens muss die Einheit der Kirche gewahrt werden.“ Und weiter „eine Aufspaltung der Kirchenlehre ist … sicher nicht möglich. Was den Bereich von Glaube und Sitte betrifft, wird die Doktrin auf jeden Fall einheitlich bleiben … ein Bischof könnte, das wäre denkbar, einzelne wiederverheiratete Geschiedene nach einer sorgfältigen Prüfung ihres Falles wieder förmlich zur Kommunion zulassen, im Rahmen der Bedingungen des geltenden apostolischen Schreibens ‚Familiaris Consortio‘“. Dieses Schreiben von Johannes Paul II. vom 25.10.1980 lässt eine solche Möglichkeit nur zu, wenn die beiden Partner „sich verpflichten, völlig enthaltsam zu leben, d.h., sich der Akte zu enthalten, welche den Eheleuten vorbehalten sind“.
Artikelüberschriften wie „Alle blicken auf Franziskus“ (AZ, 29.10.15) suggerieren bei manchen die Vorstellung, der Papst könne alles nach seinem Gusto regeln. Dem ist aber nicht so. Der Papst steht nicht über der Lehre der Kirche. Er dient ihr. Papst Franziskus hat das schon oft betont. So müssen wir noch einmal fragen, was würde es bedeuten, wenn eine gültig geschlossene Ehe nicht mehr als solche gelten würde und geschiedene Wiederverheiratete zur Kommunion zugelassen werden würden? Der Philosoph Robert Spaemann sagt in der Schrift „Ehescheidung und Kommunion“, erschienen im Grignion Verlag, Altötting: „Was nun die eheliche Gemeinschaft betrifft, so ist die katholische Kirche die einzige Institution der Welt, die das vor Gott gegebene Versprechen ernst nimmt … dazu gehört eine Einstellung zum Leben, die die Bereitschaft zum Opfer einschließt. (S.6)“. Spaemann fragt: „Ist die Kirche im Begriff zu kapitulieren?“ (S.8). „Die zur Zeit in der katholischen Kirche diskutierte Frage ist: Kann der geschiedene Wiederverheiratete zur heiligen Kommunion zugelassen werden? und: Kann die Kirche für das neue Paar einen Segnungsgottesdienst einführen? … Es würde bedeuten, dass der Standesbeamte eine schwere Sünde – den außerehelichen Beischlaf – in eine Gott gefällige Handlung verwandelt, auf die ein Priester den Segen Gottes herabrufen darf (S.10) … Nun möchten die Promotoren der Vergebung als Bedingung der eucharistischen Gemeinschaft Schuldbekenntnis und Reue verlangen, nicht aber das Einzige, was Bekenntnis und Reue glaubwürdig macht, die Beendigung des ehebrecherischen Verhältnisses (S. 11) … Der Ehebrecher möchte gerne wieder zur Kommunion. Er ist bereit, ein Schuldbekenntnis abzulegen, nicht aber den Preis zu zahlen: künftige Enthaltsamkeit“ (S. 15) … Es wird auch geltend gemacht, dass in zweiten Beziehungen auch sittliche Werte verwirklicht werden … was ist die Treue zum Komplizen im Ehebruch wert, wenn jeder Akt der Treue zugleich ein Akt der Untreue gegen den rechtmäßigen Ehepartner ist? Auch in der Mafia werden Haltungen und Handlungsweisen hochgehalten, die für sich genommen Tugenden wären, z.B. Treue, Zuverlässigkeit, Einstehen für den Anderen, interne Gerechtigkeit, Mut (S.18) … wer das Anomale, das Unnatürliche der Scheidung und Wiederverheiratung am unmittelbarsten erlebt, sind die Kinder. Von ihnen sollte deshalb eigentlich vor allem die Rede sein … und sie sind auch bei Scheidungen die Hauptleidtragenden. Aber auch der verlassene Teil scheint, wo es um diese Fragen geht, viel weniger der Aufmerksamkeit wert als der ‚Täter‘“ (S. 20).
Die oft gehörte Behauptung, dass geschiedene Wiederverheiratete wegen ihrer Sünde nicht mehr Mitglied der kirchlichen Gemeinschaft wären, stimmt nicht. Wäre dem so, dann wären alle ausgeschlossen, weil alle Sünder sind. Worum es tatsächlich bei der Synode ging, war, um es mit Robert Spaemann zu sagen: „Dass die Schönheit der Botschaft des Evangeliums erneut zum Leuchten gebracht wird.“

Hubert Gindert

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Januarheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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