Reformer und Wegbereiter in der Kirche: Gertrud von Nivelles

Der Merowingerkönig Chlodwig I. ließ sich um 498 taufen. Iroschottische Mönche missionierten auf dem Festland, damit das Christentum die Bevölkerung durchdringt. Der hl. Bonifatius (um 673 – 754) baute schließlich für die Kirche nördlich der Alpen eine Organisation auf und band sie eng¬er an Rom. Zwischen Chlodwig I. und Bonifatius, also zur Zeit der Evangelisierung des späteren Frankenreiches, lebte die hl. Gertrud (626 – 659). Sie war die Tochter von Pippin dem Älteren (um 580 – 640), einem Hausmaier der Merowinger, und seiner Frau Itta (592 – 652), auch Iduberga genannt.
Nach dem Tod Pippin des Älteren stiftete Itta eine Abtei in Nivelles, die sie als Äbtissin leitete. Mit 14 Jahren trat Gertrud in dieses Kloster ein und leitete nach dem Tod ihrer Mutter das Kloster bis zum eigenen Tod.
Gertrud ist eine typische Heilige des Frühmittelalters. Sie tat alles, um das Christentum im Merowinger-Reich zu verwurzeln:
Sie förderte die Irenmission auf dem Festland. So schenkte sie dem irischen Wandermönch, dem hl. Foillan (um 600 – 655), bei Namur (Belgien) Land, auf dem dieser 650 die Abtei Fosses gründen konnte. Fouillan lehrte auch in Gertruds Abtei in Nivelles und lebte in einem benachbarten Männerkloster, für welches Gertrud ein Spital bauen ließ.
Wie ihre Mutter Itta, so stand auch Gertrud einem Kloster vor. Vielleicht gründete Gertrud um 650 auch die Benediktinerinnenabtei Karlburg (Unterfranken). Klöster waren damals in mehrfacher Hinsicht Leuchttürme des Christentums: Einmal wurde in ihnen gebetet und Liturgien gefeiert. Zweitens wurde in ihnen, nach der Völkerwanderungszeit, die Wissenschaft wieder entwickelt und gepflegt und in Klosterschulen wurde unterrichtet. Drittens waren die Klöster die einzigen Sozialeinrichtungen und besonders für die arme Bevölkerung segensreich. Durch die Liebe zum Nächsten wurde von Klöstern aus die Bevölkerung christlich durchdrungen.
Die Nonnen im Kloster Nivelles hielt Gertrud an, sich mit großer Hingabe um Arme, Gebrechliche und Kranke zu kümmern. Gertrud organisierte in ihrem Kloster Krankenfürsorge und gab den fahrenden Schülern und Wandergesellen zu essen. Das Kloster sollte sowohl um das Seelenheil, als auch um das körperliche Heil der Menschen besorgt sein. Diese Verbindung überzeugte bei der Evangelisierung Europas.
Getrud war vernetzt mit bedeutenden Christen. So pflegte sie Kontakte zur hl. Modesta einer Äbtissin in Trier, dem hl. Chlodulf von Metz, ihrem Schwager, zur hl. Gudula von Brüssel, welche in ihrem Kloster Nivelles erzogen worden war. Einerseits konnte sie durch diese enge Vernetzung Anfeindungen widerstehen. Andererseits strahlte dieses Geflecht Gutes aus, was schon daran erkennbar ist, dass drei aus ihrem Bekanntenkreis später als Heilige verehrt wurden.
Gertrud, die selbst hochgebildet war, bemühte sich um die Bildung der weiblichen Jugend. Der Vorwurf, dass im frühen Mittelalter Mädchen jede Bildung, da anscheinend völlig nutzlos, verweigert wurde, trifft jedenfalls hier nicht zu.
Gertrud war eine hervorragende Kennerin der Bibel. Sie setzte sich dafür ein, dass auch die Mädchen die Bibel kennen lernen. Auch hier stimmt die Ansicht nicht, dass die Bibel, besonders in weiblichen Klöstern, keine Rolle spielte und die Bedeutung der Bibel für ein christliches Leben erst im 16. Jahrhunderts entdeckt werden musste.
Das Beispiel der hl. Gertrud zeigt, dass schon im frühen Mittelalter Frauen in Kirche und Politik Einfluss haben konnten. So erreichte Gertrud, freilich mit Förderung ihres Bruders, dass ihr Kloster in Nivelles zum wichtigsten Hauskloster der Pippiniden wurde.
Am Beispiel der hl. Gertrud sieht man, dass auch im frühen Mittelalter die Kirche weder bibel- noch frauenfeindlich war, dass die Klöster in religiöser und sozialer Hinsicht Leuchttürme waren, die ausstrahlten, so dass der christliche Glaube sich immer mehr im Volk verwurzelte.  (Photo: Wikipedia)

Alois Epple

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Januarheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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