Wie wollen wir sterben?

Noch im Oktober hat die Joseph-Höffner-Gesellschaft den Band an alle deutschen Bischöfe sowie an über 100 Bundestagsabgeordnete versandt, um noch in die aktuelle Debatte hineinwirken zu können. Wie die Entscheidung am 6. November ausgefallen ist, wissen wir alle. Gleichsam grotesk klingen müssen da die belobigenden Worte der ökumenischen Erklärung zum neuen §217 StGB, der die Beihilfe und Anstiftung zum Suizid durch Angehörige oder Nahestehende gerade nicht konsequent verbietet und so sozialen Druck auf alle schwerkranken und älteren Menschen ausübt, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Unabhängig vom Beschluss des Bundestages wird die Debatte um „Sterbehilfe“ und Sterbebegleitung in einer älter werdenden Gesellschaft weitergehen und noch weiter an Brisanz gewinnen.
Sehr klar positioniert hat sich zu diesem Thema von Anfang an der Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki. Durch eine Predigt im Kölner Dom und einen vielbeachteten Vortrag vor der Joseph-Höffner-Gesellschaft gab er auch den Anstoß für den vorliegenden Band, der das Thema „Sterbehilfe“ interdisziplinär beleuchtet. Woelki geht der Frage nach, was es bedeute, in Würde zu sterben, und stellt dabei heraus: Es ist mit der Würde des Menschen vereinbar, alt, schwach und krank zu sein. Am Lebensende schwach zu sein, beeinträchtigt die Würde nicht, allein gelassen zu werden schon.
Der Verfassungsrechtler Christian Hillgruber geht der Frage nach, wie der Wunsch nach einem „selbstbestimmten“ Tod und die Beihilfe zum Suizid im Lichte des Grundgesetzes zu bewerten ist. Dem Recht auf Selbstbestimmung stehen hier zwei Rechtsgüter gegenüber: das Recht auf Leben, aus dem eine staatliche Schutzpflicht zugunsten des Lebens und der allgemeinen Achtung vor dem Leben folgt, sowie die Menschenwürde. Wenn wirklich von einer freien, als Selbstbestimmung zu achtenden individuellen Entscheidung die Rede sein soll, muss der Sterbende vor dem (wirklichen oder auch nur gefühlten) Druck seiner Umgebung in Richtung Suizid effektiv geschützt werden. Die Gefahr einer Verfälschung des wirklichen Willens des Sterbenden ist als hoch einzuschätzen, zumal es sich beim Suizid um einen irreversiblen Akt handelt. Zusätzlich trifft den Staat eine Schutzpflicht aus der Menschenwürdegarantie – als Schutz des Suizidenten vor der „Entwertung seiner selbst“ sowie als Schutz vor Dritten. Auch der Gehilfe macht sich letztlich die „Wertung“ des Lebensmüden, sein Leben sei nichts mehr wert, zu eigen. Darin aber liegt eine vom Staat in Erfüllung seiner Schutzpflicht abzuwehrende Missachtung des in der Menschenwürde gründenden Eigenwerts jedes menschlichen Lebens.
Der Medizinethiker Giovanni Maio zeigt auf, dass sich hinter dem Wunsch nach einer Legalisierung der „Sterbehilfe“ letztlich ein Menschenbild verbirgt, das Alt-, Krank- und Gebrechlichwerden als Schwundstufen des Menschseins betrachtet. So sei der assistierte Suizid nichts anderes als eine ethische Resignation der Medizin und unserer gesamten Gesellschaft: „Wer für den assistierten Suizid als Regelleistung ist, entscheidet sich lieber dafür, den leidenden Menschen selbst abzuschaffen, anstatt die Gründe für den Verlust des Lebenswillens aus der Welt zu schaffen. Dass wir in einer Ära leben, in der diese verkappte Form der Entsolidarisierung von den verzweifelten Menschen zur humanen Wohltat deklariert wird, hat viele Gründe, die es kritisch zu beleuchten gilt.“
Christoph von Ritter, Chefarzt und Professor an der Universität München, legt eingehend dar, warum Ärzte nicht töten dürfen. Er kritisiert „semantische Tricks, mit denen man das Problem verharmlost“, etwa indem man nicht von Euthanasie, sondern von „Sterbehilfe“ spricht, oder verengend auf qualvolles Sterben und unerträgliche Leiden hinweist. Folglich werde dann der Arzt „zum Erlöser vom Leib und zum Herrscher über Leben und Tod stilisiert“. Besonders wichtig ist sein Hinweis auf die Korrelation von selbstbestimmtem Sterbewunsch und Depression. In den weitaus meisten Fällen sei Depression die entscheidende Ursache für den Wunsch, das Leben zu beenden oder beenden zu lassen. Eine besondere Kostbarkeit seines Aufsatzes sind seine Ausführungen über die „ars moriendi“, die bereits im frühen Mittelalter mit Anselm von Canterburys „admonitio morienti“ einsetzt und die ihren tiefsten Grund im christlichen Glauben an den Tod und die Auferstehung Christi findet.
Im letzten Aufsatz des Bandes seziert der Sozialethiker Manfred Spieker die im Bundestag diskutierten Gesetzentwürfe zum assistierten Suizid. Er kommt zu dem Ergebnis, dass mit Ausnahme des Entwurfs Sensburg/Dörflinger alle Entwürfe die Suizidbeihilfe von Angehörigen und Ärzten legalisieren, ja sogar in zwei Fällen die Suizidbeihilfe zum ärztlichen Behandlungsangebot machen wollen. Besonders interessant ist sein Blick auf die Niederlande und die Folgen der dort gültigen Legalisierung der Beihilfe zum Suizid. Damit werde Ärzten die Macht gegeben zu definieren, was lebenswert, aussichtsreich oder erträglich sei. Sie ermögliche nicht nur die Tötung auf Verlangen, sondern auch die Tötung ohne Verlangen, die einen erheblichen Teil der niederländischen Euthanasiefälle ausmacht.

Georg Dietlein

Rainer Maria Kardinal Woelki / Christian Hillgruber / Giovanni Maio / Christoph von Ritter / Manfred Spieker: Wie wollen wir sterben? Beiträge zur Debatte um Sterbehilfe und Sterbebegleitung, F. Schöningh Verlag GmbH, Paderborn 2016, 112 S.
ISBN: 978-3506784353

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