Den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen!

Mir ist bewusst, dass sich über das Thema der Feindesliebe leichter schreiben lässt, als es in die Tat umzusetzen. Aber ohne ein gründliches Wissen lässt sich dieses Gebot Jesu kaum umsetzen. Befragen wir deshalb die Heilige Schrift und bitten wir Jesus um seine Gnade, damit wir das Gebot der Feindesliebe in unserem Herzen annehmen und dann auch leben können. Jesus weiß genau, was in uns Menschen vorgeht und er verlangt nichts von uns, was er uns nicht vorgelebt und wozu er uns nicht seine Hilfe gibt.
Der heilige Johannes schreibt „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4,16). Jesus fordert deshalb von uns die Gottes- und die Nächstenliebe: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft (Dtn 6,4f). Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Lev 19,18). Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Mk 12,30f). „An diesen beiden Geboten hängt das Gesetz samt den Propheten“ (Mt 22,40).
Wer unser Nächster ist, macht uns Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37) deutlich: Eben die Person, die gerade unsere Hilfe nötig hat. Dabei bleibt der Herr aber nicht stehen, der sein Leben hingibt als Sühnopfer für die Vielen (Mk 10,45; Joh 15,13). Er bittet sogar beim Vater für seine Henker und damit auch für uns alle, die wir ihn durch unsere Sünden an das Kreuz gebracht haben, um Vergebung: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 24,34). Mit dieser Vergebungsbitte lebt uns Jesus die Feindesliebe vor, die er in der Bergpredigt verkündet: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden. Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,43-48).
Jesus verlangt von uns, für unsere Feinde zu beten, sie zu segnen und auch denen Gutes zu tun, von denen wir nichts erwarten können, dann wird unser Lohn im Himmel groß sein (Lk 6,27.30.35). Wenn der Herr sogar erwartet, dass wir demjenigen auch die linke Wange hinhalten, der uns auf die rechte Wange geschlagen hat (Lk 6,29), ist damit nicht gemeint, dass wir uns weiter willenlos verprügeln lassen, sondern den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen sollen. Zudem offenbart diese Haltung dem Schläger den fehlenden Respekt. Jesus wird vor dem Hohen Rat geschlagen und stellt dem unverschämten Täter die Frage, warum er ihn schlage (Joh 18,23), schlägt aber nicht zurück und zeigt dem Schläger so seine Grenzen auf.
Seine grenzenlose Liebe auch für seine Feinde beweist Jesus durch sein Kreuzesopfer und ebenso die Märtyrer durch ihr Sterben (Eph 2,13f). Auch Stephanus betet für seine Mörder mit den Worten „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“ (Apg 7,60). Dieses liebende Gebet war sicher nicht ohne Wirkung für die von Jesus bewirkte Bekehrung des Saulus zum Paulus. Immer wieder müssen wir bedenken, dass wir Liebe nicht mit irgendwelchen schönen Gefühlen gleichsetzen dürfen. Die Liebe zeigt sich in erster Linie in unseren Taten, was uns besonders bei der Feindesliebe weiterhelfen wird. Wenn Gott uns dabei auch noch Zufriedenheit und Freude schenkt, was er gerne tut, steigert sich unser Glück. Klammern wir uns aber nicht an die Gefühle, sondern schreiten wir mit der Gnade Gottes, ohne die wir nicht die von uns geforderte Liebe leben können, zur Tat. Beginnen wir damit im Gebet. Gott besiegt das Böse durch das Gute (Röm 12,21), er will die Feindschaften durch Güte überwinden und so den Kreis des Bösen unterbrechen. Gott, unser Schöpfer (Mt 5,44), ist gütig (Lk 6,35), vollkommen (Mt 5,48) und barmherzig (Lk 6,36). Die Bereitschaft des Vergebens spielt bei Gott eine zentrale Rolle. Er kann uns nicht vergeben, wenn wir nicht unseren Mitmenschen vergeben, da es uns in diesem Fall an der Reue und dem Willen zur Umkehr fehlt. Deshalb beten wir auch im Vater unser: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern (Mt 6,12).
Wir kennen alle das Gleichnis von den beiden Schuldnern (Mt 18,23-35), das uns diesen Sachverhalt näher bringen will. Der Herr erlässt demjenigen, der ihm 10.000 Talente, also eine unvorstellbare große Summe schuldet, diesen Betrag. Dieser aber ist nicht in der Lage, seinem Mitknecht 100 Denare zu schenken und Erbarmen mit ihm zu haben. Wenn wir ganz ehrlich mit uns sind, handeln wir oft ähnlich an unseren Mitmenschen. Gott erlässt uns unsere Schuld in der heiligen Beichte und wir denken und reden schlecht über unsere Mitmenschen oder sind hartherzig. Es liegt an uns, erst unseren Balken aus unserem Auge zu ziehen, bevor wir uns um den Splitter des Nächsten kümmern (Mt 7,3).
Natürlich gibt es auch eine Ordnung in der Liebe: Gott geht über alles! Paulus mahnt uns, allen Menschen Gutes zu tun, vorzüglich aber unseren Glaubensgenossen (Gal 6,10). Damit ist kein Mensch ausgeschlossen – auch nicht die Armen Seelen, für die wir beten sollen (2 Makk 12,45).
Werfen wir noch einen Blick in das Alte Testament, wo uns das Gebot der Gottes- (Dtn 6,4f), Nächsten- (Lev 19,18) und Feindesliebe auch schon von Gott vorgestellt wird. Man soll die Fremden nicht unterdrücken, sondern als Einheimische behandeln (Lev 19,17f.33f; Dtn 10,19) und Feindschaften beenden (Sir 28,6f), die Feinde speisen (Spr 25,21), sie nicht schadenfroh behandeln (Spr 24,17) und ihnen ihr Eigentum zurückerstatten (Ex 23,4f). Deuteronomium 32,35 wendet sich gegen die Rache und in 4 Makkabäer 2,14 wird die Feindesliebe im Krieg gefordert. Die Kombination dieser Stellen ergibt, dass man nicht nur mit feindlichen Volksgenossen den Frieden suchen soll, sondern mit allen Feinden. Exodus 23,24 (Aug um Aug, Zahn um Zahn) schützt die Täter im Sinn der ausgleichenden Gerechtigkeit vor unbarmherziger Vergeltung, was Jesus in der Bergpredigt aufgreift und zu seinem umfassenden Gebot der Feindesliebe ausbaut, das schon im Alten Testament – wie wir gesehen haben – grundgelegt wurde. Jesus erfüllt durch sein Leben die 10 Gebote, die er in der Bergpredigt verdeutlicht und präzisiert.
Nehmen wir immer wieder neu unser Kreuz in der Nachfolge Jesu Christi auf uns. Geben wir nicht auf, nutzen wir die Schätze, die uns Jesus schenken will, bitten wir ihn darum auch für unsere Mitmenschen, nicht nur für uns selbst. Denken wir daran, unsere Seele immer wieder in der heiligen Beichte von Jesus reinigen zu lassen. Bitten wir die Gottesmutter um ihre Hilfe, die ihre Liebe besonders unter dem Kreuz ihres Sohnes unter Beweis gestellt hat:

Maria, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in unsere Seelen ein. Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen, bilde unser Herz nach deinem Herzen.

P. Andreas Hirsch FSSP

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Februarheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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