Ist die Kirche in Deutschland noch bereit, ihrem eigentlichen Auftrag nachzukommen?

„Überlegungen zur „Neuen Grundordnung des kirchlichen Dienstes“.
Arnd Küppers und Peter Schallenberg von der „Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle“ in Mönchen-Gladbach nehmen im Verbandsorgan des Vereins „katholischer deutscher Lehrerinnen e.V. (VkdL), Heft 1, 2016, Stellung zur „Neuen Grundordnung des kirchlichen Dienstes“.
Die Autoren sprechen unter „Pluralisierung des Sozialen“ über „Die Wirklichkeit der kirchlichen Arbeitswelt, die sich gewandelt hat und differenzierter geworden ist“. Küppers und Schallenberg sehen in dieser „Pluralisierung“ den Anlass für den sozialen Wandel in der Gesellschaft. Diesem „gesellschaftlichen Wandel“ könne sich die Kirche nicht entziehen. Denn „Institutionen wie die Kirche, die eine wichtige Rolle in Staat und Gesellschaft beanspruchen und diese in Deutschland auch tatsächlich so wie rechtlich abgesichert wahrnehmen, haben diese Wahl nicht. Eine Wagenburgmentalität ist für die Kirche keine Option, jedenfalls dann nicht, wenn sie sich nicht selbst zu einer Gesellscahft irrelevanten Großsekte herabwürdigen will“.
Was ist die Bedeutung der katholischen Kirche im gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben in Deutschland? Das ist eine Frage der Betrachtungsweise. Gemessen an den rund 700.000 Mitarbeitern in kirchlichen Diensten, ist die Kirche ein wirtschaftliches Großunternehmen. Sie verfügt über ein Kirchensteuereinkommen von über 5 Mrd. Euro. Mit statistisch rund 24 Mio. Mitglieder ist die Kirche scheinbar ein politisches Schwergewicht. Betrachtet man allerdings ihren Einfluss auf das politische Geschehen, z.B. in der Gesetzgebung, dann ist dieser eher marginal. Das Gleiche gilt für die Bedeutung der Kirche im kulturellen Leben, z.B. in Medien, in Film und Literatur. Das kann auch gar nicht anders sein. Die christliche Botschaft und der Glaube der Kirche erreichen nur noch rund 9% der Katholiken, die am Sonntag eine Kirche aufsuchen. Die Kraft des Glaubens und die missionarische Ausstrahlung hängen aber vom geforderten sakramentalen Mitvollzug insgesamt ab. Dazu gehört z.B. auch die Teilnahme am Bußsakrament. Letztere wird auf rund 1% geschätzt. Zieht man das mit in Betracht, wie weit ist dann die Großkirche von einer Großsekte entfernt?
Unter der Überschrift „Arbeitgeber Kirche“ heißt es im Bericht von Küppers und Schallenberg … dass so große Strukturen und Institutionen … sich selbstverständlich nicht von dem oben skizzierten Wandel abkoppeln können … und weiter „d.h. u.a., dass sich auch die Mitarbeiterschaft der Kirchen heute pluraler zusammensetzt als vor 20 oder gar 50 Jahren“. Unter dem Stichwort „Die christliche Dienstgemeinschaft und der soziale Wandel“ wird der Grund für die Anpassung des „kirchlichen“ Dienstes an die Pluralisierung offen genannt: „Gerade bei Caritas und Diakonie sind inzwischen viele und eine wachsende Zahl von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht mehr getauft. Das kann auch gar nicht anders sein. Wollten Diakonie und Caritas nur noch Christinnen und Christen einen Arbeitsvertrag geben, dann könnten sie in vielen Gegenden Deutschlands ihren Betrieb nicht mehr aufrechterhalten“.
Persönliche Lebensführung und Loyalitätsanforderungen an Mitarbeiter im kirchlichen Dienst spielen praktisch keine Rolle mehr. Unter der Überschrift „Kein Kündigungsautomatismus“ wird das näher ausgeführt und festgestellt: „Hier zeigt sich, wie radikal die neue Grundordnung gegenüber der alten Fassung entschärft worden ist.“
Die Deutsche Bischofskonferenz hat mehrheitlich am 27. April 2015 diese „Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse“ beschlossen. Sie bleibt aber die Antwort schuldig, was diese Institution, die sich mit dem Namen „kirchlich“ schmückt, mit dem eigentlichen Auftrag der Kirche noch zu tun hat. In dem Aufsatz von Küppers und Schallenberg zur neuen Grundordnung heißt es im Untertitel: „Arbeitsrechtliche Konsequenzen, sozialethische und theologische Anmerkungen“. Man hätte erwarten können, dass die Verfasser einige Aussagen von Benedikt XVI. aus seiner Freiburger Rede vom 25. September 2011 auch in Betracht gezogen hätten, wo der Papst von einer Kirche spricht, die „sich in dieser Welt einrichtet, selbst genügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht“. Papst Benedikt erinnert in dieser Rede an die eigentliche Aufgabe der Kirche: „Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen und wieder offen auf Gott hin zu werden … Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein“. Der Papst tritt dem Vorwurf eines Rückzugs aus der Welt in ein „Nischendasein“ entgegen, wenn er sagt: „Umso mehr ist es wieder an der Zeit, die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen, d.h. natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil. Eine vom Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade auch im sozial-caritativen Bereich den Menschen, den Leidenden wie auch ihren Helfern, die besondere Lebenskraft des christlichen Glaubens zu vermitteln.“
Die eigentliche Frage ist, ob die katholische Kirche noch die Kraft hat, den Weg der Entweltlichung zu gehen und ein missionarisches Zeugnis abzulegen, um sich „besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuzuwenden, wirklich weltoffen zu sein“?

Hubert Gindert

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2 Antworten auf Ist die Kirche in Deutschland noch bereit, ihrem eigentlichen Auftrag nachzukommen?

  1. Eduard Werner sagt:

    Gott lässt die Sonne bekanntlich über Gerechte und Ungerechte scheinen. Wir haben Bischöfe, die sich sehr bemühen, den Glauben weiterzugeben. Wir haben aber auch Diözesen, in denen das Gegenteil angestrebt wird. Wenn beispielsweise bei einer mehrtägige Fortbildung von Religionslehrern in einer westdeutschen Diözese nur der abgesetzte Professor Halbfass und ein sehr liberaler evangelischen Theologe referieren dürfen, kann man doch sehen, dass die Umorientierung der Kirche nicht mehr hintergründig, sondern schon offen betrieben wird. Wenn in einer anderen Diözese der Chef der Priesterausbildung, ein Jesuit, ganz offen homosexuelle Paare kirchlich segnet, dann ist doch offensichtlich, dass der Selbstzerstörung der Kirche nicht mehr entgegengetreten wird. Die Kirche ist kraftlos. Sie wird dennoch nicht untergehen, weil Christus sagte: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“ Aber die Kirche in Deutschland wird in großen Teilen untergehen. Viele unserer Kirchenfunktionäre kommen zwar aus unserer Mitte, sie haben aber nach dem ersten Johannesbrief 2, 19 nie zu uns gehört. Ihr Ziel ist die totale Verweltlichung: Weg mit dem Zölibat, her mit mit der Gutheißung der Abtreibung, mit der Gutheißung der Ehescheidung,her mit Gender – Ideologie. Nach dieser heiß ersehnten Verweltlichung kann man gut leben, weil die Kirche dann von der Welt nicht mehr angegriffen, nicht mehr lächerlich gemacht wird. Die Gehälter fließen mindestens noch eine Generation weiter.

  2. Michael Rieger sagt:

    Die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle in Mönchengladbach war die letzte Wirkungsstätte von Gustav Gundlach, dem großen Sozialphilosophen unter Pius XI. und Pius XII. Dies sei nur eingangs erwähnt, um einmal den Abstand zwischen jener Katholischen Soziallehre alter Schule und den heute in Mönchengladbach zutage geförderten Ergebnissen sichtbar zu machen.
    Gehen wir doch der aufgeworfenen Frage nach, „ob die katholische Kirche noch die Kraft hat, den Weg der Entweltlichung zu gehen und ein missionarisches Zeugnis abzulegen“. Anders gefragt: Hat sie noch die Kraft, um damit „ihrem eigentlichen Auftrag“ nachzukommen, nämlich die Welt christlicher zu machen?
    Offensichtlich müssen Zweifel angemeldet werden. Denn wenn die Kirche darauf verzichtet, ihren Mitarbeitern eine christlich orientierte Lebensführung abzuverlangen, ja, diese nicht einmal mehr getauft sein müssen, dann werden die Fundamente dieser kirchlichen Einrichtungen letztlich doch austauschbar und beliebig.
    Und doch: Die Kirche hat noch Kraft – oder besser, sie könnte angesichts ihrer Größe und ihrer Reichweite eine enorme Kraft, einen bedeutenden Einfluss haben. Die Frage ist wohl eher, ob sie noch den Willen hat, ihrem Auftrag nachzukommen, der, es sei noch einmal gesagt, darin besteht, die Welt christlicher zu machen?

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