Integration – eine gewaltige Herausforderung

Seit Ende vergangenen Jahres bringen die Medien vorrangig Meldungen über die nicht endenden Flüchtlingsströme aus Syrien und weiteren Ländern. Inzwischen sinkt die Zustimmung zur „Willkommenskultur“ der deutschen Bundeskanzlerin, noch nicht aber die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen. Die Ängste verstärken sich, weil eine europäische Lösung nicht in Sicht ist, und in den Bürgerkriegsländern Millionen auf der Flucht oder in Lagern in Jordanien und im Libanon sowie in der Türkei sind und nach Europa wollen.
Selbst wenn die Forderungen nach Grenzkontrollen und schnellerer Abschiebung von Flüchtlingen und einer Obergrenze der Zuwanderung in den Vordergrund getreten sind, bleibt die Integration angesichts einer Million Flüchtlinge, die sich 2016 nach den Prognosen um eine weitere Million erhöhen kann, das wichtigste Thema.
Dazu hat sich auch der Präsident des päpstlichen Migrantenrats Antonio Maria Veglio geäußert: „Flüchtlinge haben aus der Sicht des Vatikan die Pflicht, sich in ihren Aufnahmegesellschaften zu integrieren. Dies meine vor allem das Erlernen der Sprache und den Respekt vor der Kultur des neuen Landes … die Neuankömmlinge hätten sich nicht nur um ihre unmittelbaren Lebensbedürfnisse, wie Einkommen und Wohnungen zu kümmern, sondern sollten ‚persönliche Anstrengungen‘ zur Integration unternehmen … dafür müssten sie auch zu ‚Veränderungen ihrer eigenen Identität‘ bereit sein. Umgekehrt müsse die Gesellschaft aber auch die Identität von Flüchtlingen achten und ihnen die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe geben, damit sie sinnvoll zum Gemeinwohl beitragen … An die Medien appellierte Veglio verantwortungsvoll und wahrheitsgemäß über Flüchtlinge zu berichten.“ (Die Tagespost 19.1.16)
Es bleibt zu hoffen, dass die Bischöfe in den Ländern der europäischen Union nicht nur soziale Maßnahmen für die Flüchtlinge bedenken, sondern sich an ihren primären Auftrag erinnern, nämlich das Evangelium an sie zu verkünden, d.h. den tabuisierten Missionsauftrag wahrnehmen. Davon hört man wenig.
Die Integration der Flüchtlinge ist vorrangig eine kulturelle Aufgabe und eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Dazu haben wir in dem teilweise konfusen Durcheinander von Medien und politischen Wichtigtuern die klarsten Aussagen und ein Konzept von Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerbundes und langjährigem Leiter eines Gymnasiums (Optimismus reicht nicht – Realismus ist angesagt“ die Tagespost 9. Januar 2016).
Josef Kraus rechnet uns vor:
Wir haben rund 1 Mio. Flüchtlinge (2015). Der größte Teil (70%) davon sind junge volljährige Männer. Damit bleiben rund 300.000 Frauen, Jugendliche und Kinder. Die Kultusministerkonferenz (KM) geht von 200.000 Schulpflichtigen aus. 2016 werden es 500.000 werden, weil die jungen Männer ihre Familien nachholen.
Die Kultusministerkonferenz errechnete für 2014/15 rund 2,3 Mio. zusätzliche Kosten für die Schulbildung. Nicht eingerechnet sind die Kosten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das sind 4.000 Euro pro Person und Monat.
Die schulpflichtigen Flüchtlingskinder brauchen eine intensive Vollzeitbeschulung von max. 15 pro Gruppe. Das ergibt für 2016 rund 33.000 Klassen je 1,5 Lehrer bei Vollzeitbeschulung, in der Summe 55.000 Lehrer. Diese Kosten 2,5 Mrd. Euro pro Jahr.
Das Konzept für berufsintegrierende Klassen ist ein Jahr für die Erlernung der deutschen Sprache, ein zweites Jahr für die Berufsorientierung. Die meisten Erfahrungen und Erfolge in der Integration von Migrantenkindern haben die Hauptschulen.
Migrantenkinder sind in Sachen Bildung Risikogruppen. Lt. Pisa 2003 erreicht Deutschland im getesteten Schwerpunktbereich Mathematik 503 Punkte. Das ist international ein mittlerer Wert. Die deutschen Schüler ohne Migrationshintergrund erzielen 527 Punkte, deutsche Schüler mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil 508 Punkte, Kinder zugewanderter Familien 454 Punkte und Kinder der ersten Migrantengeneration 432 Punkte. Zwischen diesen vier Gruppen liegt eine Lern- und Leistungsdifferenz von fast drei Schuljahren. (vgl. Tagespost 9. Jan. 2016)
Die reale Herausforderung bei der Integration der Flüchtlinge besteht – nach Josef Kraus – darin, „dass es sich hinsichtlich kultureller, religiöser und geographischer Herkunft um eine sehr heterogene Gruppe handelt“.
„Das A und O der späteren Integration ins Regelschulsystem sind das wenigstens rudimentäre Beherrschen der deutschen Sprache, sowie Basiskenntnisse über deutsches und europäisches Recht, deutsche und europäische Geschichte, deutsche und europäische Geographie sowie deutsche und europäische Kultur.“ (Tagespost 9. Jan. 2016)
„Die CSU will Zuwanderer künftig in der bayerischen Verfassung zur Achtung der deutschen ‚Leitkultur‘ verpflichten. Und diese Verfassungsänderung soll mit allen politischen und rechtlichen Möglichkeiten durchgesetzt werden“. Der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion Thomas Kreuzer fordert: „Integration muss eine Richtung haben: Wir wollen keine Parallelgesellschaften, keine Multi-Kulti-Gesellschaften, sondern wir wollen einen ganz klaren Maßstab, was wir bei der Integration erwarten: Wir denken hierbei an die Leitkultur“ (Augsburger Allgemeine Zeitung 19.2.16).
Um diese Leitkultur mit Inhalt zu füllen, brauchen wir eine Werte¬diskussion, konkret und offen. Dabei dürfen sich weder die Parteien, noch andere gesellschaftliche Gruppen um die Gretchenfrage herumdrücken: Wie hältst du es mit Gott und der Religion? Denn sie sind die Basis einer Wertegemeinschaft! Ohne diese Wertebasis werden die sogenannten „Europäischen Werte“ zu Verschiebebahnhöfen, wo jedes Land sich selbst der Nächste ist, wie die aktuelle Situation zeigt.

Hubert Gindert

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