Wachet und betet – Jesu Auftrag im Ölgarten an die Seinen

Die Bibel berichtet uns davon, dass Jesus nach dem Letzten Abendmahl in den Ölgarten gegangen ist, um dort zu beten – vor seinem Leiden und seinem Tod. Er bat seine Jünger, insbesondere Petrus, Jakobus und Johannes, ihn dorthin zu begleiten und mit ihm zu wachen, die Jünger aber schliefen ein. Und sie schliefen fest, als der Herr im Gebetsdialog mit seinem Vater darum bat, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe. Gleichwohl war Jesus am Ende bereit, sich auf den Willen des Vaters einzulassen.
Den schlafenden Jüngern indessen sagte er bei seiner Rückkehr ein Wort der Ermahnung, einen Satz, der nachdenklich macht: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Mt 26,41).
Jesus will auf diese Weise den Jüngern den Sinn des Wachens und Betens bewusst machen. Und Petrus, der besonders angesprochen wird, wird wieder einmal vom allzu hohen Ross herabgeholt: Hatte er doch zuvor noch gesagt, er werde immer für den Herrn da sein und ihn nie verleugnen, so zeigt sich jetzt wieder, dass er sein hehres Ziel nicht durchhalten kann. Denn ist nicht auch das Verschlafen angesichts des angstvollen Gebetes Jesu ein Zeichen dafür, dass ich mich auf das Leiden des Herrn nicht einlassen möchte? Übrigens: Bei Matthäus und Markus versprechen auch die anderen Jünger, ihrem Meister nie untreu zu werden – und auch sie schlafen ein.
Mir kommt hier der bekannte Dialog zwischen Petrus und dem Herrn in den Sinn, nachdem Jesus ihn zum Fels der Kirche ernannt hat. Da weist Jesus auf die Notwendigkeit seines Leidens und Sterbens hin, und Petrus weist ihn heftig zurecht: „Nein, Herr, das darf nicht geschehen!“, woraufhin Jesus ebenfalls sehr scharf mit den Worten „Satan, geh mir aus den Augen“ reagiert (vgl. Mt 16,21-23). Dass sein Herr und Meister leiden muss, ist für Petrus unerträglich, doch das bedeutet auch, dass der Apostel Gottes Willen zur Seite schiebt, denn das Leiden Jesu gehört zum Plan Gottes dazu – genauso wie Gott uns Situationen nicht erspart, in denen auch wir unser Kreuz tragen müssen.
„Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet“, sagt der Herr zu den schlafenden Jüngern. Wachet – daraus lese ich daher auch die Aufforderung, offen zu sein für den Willen Gottes, Leiden annehmen zu können und nicht nur wegzuschieben, um am Ende dann doch zu verzweifeln. Beten ist dann die Alternative zum Verdrängen, ist die große Hilfe, um Leiden annehmen zu können und daran im Glauben und der Hoffnung zu wachsen.
Beten heißt hier vor allem: mit Gott in Beziehung zu treten. Ein Beispiel dafür ist der bekannte Isenheimer Altar, den der Maler Matthias Grünewald gestaltet hat. Er befand sich ursprünglich in einem ehemaligen Hospital der Antonitermönche für Schwerstkranke. Da sich der Altar mit seinem Kreuzigungsbild im Krankensaal befand, konnten die Patienten in der Advents- und Fastenzeit auf den leidenden Herrn schauen, um dort Trost zu erfahren, aber auch im Wissen, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern wir durch den Kreuzestod Jesu zum Ewigem Leben erlöst sind – was die Auferstehung ausdrückt, die der Altar zeigt, wenn er geöffnet ist. Den Kranken im Antoniterhospital standen Leiden und Tod, das eigene und das ihrer Mitpatienten, täglich vor Augen, aber sie begegneten ihm im Bewusstsein, dass Gott mit ihnen ist und zwar als der Schmerzensmann und als der Auferstandene.
Heute sind hierzulande die vielen Kreuze, die es gibt, nicht so gegenwärtig wie damals im Hospital der Antoniter. Unsere Gesellschaft neigt auch dazu – wie die Jünger im Ölgarten – die Augen vor dem Leiden zu verschließen und nicht auf Christus zu schauen, der letztlich aber den wahren Trost spendet und als Sohn Gottes Hoffnung schenkt.
Als Christen sollten wir auf Christus nicht nur als den Gekreuzigten und Auferstandenen, sondern auch als den Wachenden und Betenden im Ölgarten blicken. Er schaute dem Leiden, das auf ihn zukam, ins Gesicht – er wusste, dass es dem Erlösungsplan des Vaters entsprach und wich ihm deswegen nicht aus. Aber er blieb mit dem Vater im Gebet verbunden und konnte sich so auf seinen Willen einlassen. Auch am Kreuz, vor seinem Tod, wird er noch einmal beten – den Psalm 22, der zwar mit der Klage beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ (Ps 22,2), dann aber in tiefem Gottvertrauen endet: „Vom Herrn wird man dem künftigen Geschlecht erzählen, seine Heilstat verkündet man dem kommenden Volk; denn er hat das Werk getan“ (Ps 22,31-32).

Raymund Fobes

(Fotonachweis: A. Läpple: Das Kreuz, Pattloch-Verlag S. 33)

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