Stephanus wird auch heute gesteinigt

Der heilige Stephanus ist ein aktueller Glaubenszeuge im Jahr der Barmherzigkeit welcher, wie Jesus bei der Kreuzigung, sagte: „Herr rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ Er verzieh auch dem Christenverfolger Saulus, der bei der Steinigung dabei war und der später zum größten Missionar der Kirche wurde. Die Verzeihung des Stephanus hatte also weitreichende Folgen.
Zum Stephanstag versammelte liebe Schwestern und Brüder in Christus,
das wichtigste Wort des heutigen Festtages ist jenes, das Stephanus vor dem gleichen Gericht gesprochen hat, das Jesus zum Tode verurteilt hatte: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg 7,56). Weil er das glaubte und bekannte, wurde er zum Tode verurteilt; weil er sich in lebendiger Gemeinschaft mit dem am Kreuz verstorbenen und auferstandenen Herrn sah, rief er wie dieser sterbend: „Jesus nimm meinen Geist auf!…Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ Damit begann die bis zum heutigen Tag reichende Reihe christlicher Märtyrer, denen Jesus im heutigen Evangelium vorraussagte: „Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10;22). – Wo aber lebt und stirbt Stephanus heute?
I.
Stephanus heute –
weltweit
In einer Sendung des Deutschlandfunks wurde gestern festgestellt, dass es heute ca. 100 Millionen verfolgte Christen gibt, die meisten von ihnen in Ländern mit islamischer Mehrheit. Ich möchte Ihnen davon zwei ganz konkrete Beispiele erzählen:
1. Stephanus im Flüchtlingszelt
In meiner Weihnachtspost fand ich auch eine ungewöhnliche Weihnachtskarte: Die Geburt Jesu wird darauf in einem hell erleuchteten Zelt vor dem Hintergrund einer dunklen orientalischen Großstadt dargestellt. Ein kleines Mädchen kommt inmitten der Dunkelheit zum Zelt und winkt dem Jesuskind grüßend zu, wie das wohl auch die Hirtenkinder in Bethlehem getan haben. Das Foto ist in der katholischen Pfarrei Mareillia in Erbil/Irak entstanden, wo hunderte durch den „Islamischen Staat“ vertriebene christliche Familien in Zelten Aufnahme gefunden haben. Das Bild entstand im Irak, wo große Teile des Landes vom Terrorismus des „Islamischen Staates“ beherrscht werden. Ähnliche, von vertriebenen Christen bewohnte Zeltstädte, kann man im Libanon oder in Jordanien finden. Aber auch in manchen Ländern Europas, wo verfolgte Christen in ihrer Flucht eine neue Zukunft suchen. Noch wichtiger aber ist, dass die Kirche in diesen Ländern (Syrien, Afghanistan, Irak) trotz allem versucht, christliches Leben weiterzuführen und den Menschen zu helfen, nicht den letzten Ausweg in der Flucht suchen zu müssen.
2. Stephanus im
Kölner Hauptbahnhof
Einem ganz konkreten „Stefanus heute“ ist einer unserer Bonner Theologiestudenten, mit denen ich zusammen im Collegium Albertinum wohne, im Kölner Hauptbahnhof begegnet. Als er durch die Halle ging, fragte ihn ein junger Mann, der fast kein Deutsch und auch kaum Englisch verstand, wo der Zug nach Köln-Pulheim abfährt, dort sei seine Unterkunft. Da unser Priesteramtskandidat vor seinem Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr im Libanon verbracht hatte, konnte er ein wenig arabisch sprechen. Darüber war der junge Mann aus dem Irak hoch erfreut und versuchte dann auch trotz der sprachlichen Schwierigkeiten zu erzählen, warum er hier sei: Seine Familie, die in einem extrem islamistisch geprägten Teil Iraks lebt, habe erfahren, dass er Christ werden wolle. Darauf beschloss seine Sippe, ihn umzubringen, was ihm sein jüngerer Bruder unmittelbar davor mitteilte. So verließ er Hals über Kopf seine Heimat, gelangte in die Türkei und von da nach Köln. Jetzt ging es um die Frage, wie er den Weg zum katholischen Glauben weitergehen könne. Eine arabische Bibel hatte er schon bei sich. Unser Student fand heraus, dass in Bonn einmal im Monat eine Hl. Messe in arabischer Sprache stattfand, an der unser „Stephanus“ vor wenigen Tagen zu seiner Freude erstmals teilnahm. Dort traf er auch einen Diakon, der sich bereit erklärte, ihn durch Katechesen tiefer in den katholischen Glauben einzuführen und ihn so auf die Taufe vorzubereiten.

II.
Stephanus heute –
hier bei uns
Gibt es auch hier bei uns Situationen, die Glaubensentscheidungen auf Leben und Tod verlangen? Dies kann immer dann der Fall sein, wenn wir herausgefordert sind, uneingeschränkt „Ja“ zum Leben und „Ja“ zum Sterben zu sagen. Dafür zwei aktuelle Beispiele:
1. Unser „Ja“ zum Leben
Einer der Laien-Theologen, inzwischen Vater von drei Kindern, der bei mir in Bonn vor 10 Jahren seine Doktorarbeit schrieb, ist inzwischen stellvertretender Leiter von ProFemina e.V.. Es handelt sich dabei um eine größtenteils mit Spenden finanzierte ökumenische Einrichtung, die Frauen in Schwangerschaftskonflikten hilft. Ihr Standort ist Heidelberg und neuerdings auch München. Die Beratung erfolgt vor allem nach einer Kontaktaufnahme über das Internet, in der sich Frauen in Not melden, was dann zu langen Gesprächen mit Beraterinnen führt. Eine solche Frau schrieb jetzt kurz vor Weihnachten an ProFemina: „Es ist jetzt ein Jahr her, als ich erfuhr, dass ich schwanger war. Mein Freund hatte mich verlassen und fast alle anderen in meinem Umfeld meinten, ich würde es nicht schaffen. Ich war 23, hatte mein Studium noch nicht abgeschlossen, keinen festen Job, keine Wohnung mit funktionierender Heizung , es war Schimmel an den Wänden. Nun habe ich mich in meiner Not an ProFemina gewandt. Durch unzählige stundenlange Telefonate wurde mir klar, dass ich mein ganzes Leben zerstören würde, wenn ich auf die anderen höre und ihnen zu Liebe mein geliebtes Baby abtreibe … Mittlerweile hat sich alles, naja, fast alles zum Guten gewendet. Mein kleiner Sonnenschein ist nun knapp fünf Monate alt, er ist gesund, ich bin erwachsen geworden, habe mein Leben in den Griff bekommen. Der Vater will leider keinen Kontakt, aber sonst sind alle furchtbar erleichtert, dass ProFemina mich auf den richtigen Weg gebracht hat und mich dabei unterstützt hat, mich für mein Kind zu entscheiden. Mir kommen die Tränen, wenn ich an die Zeit denke – Weihnachtszeit vor einem Jahr“. – Soweit dieses Ja zum Leben.
2. Unser „Ja“ zum Sterben
Nicht weniger gefordert ist heute unser Zeugnis als Christen am Ende unseres Lebens, wenn es darum geht, das Sterben in die gnädige Hand Gottes zu legen. Sie haben wohl noch alle in Erinnerung, dass der Deutsche Bundestag am 6. November 2015 mehrheitlich beschloss, die „geschäftsmäßige“ Beteiligung an einer Selbsttötung unter Strafe zu stellen, straffrei aber bleibt, so das Gesetz, wenn „entweder Angehörige des Betroffenen“…oder wer „diesem nahe steht, dabei mithilft“. Der Dominikaner-Professor Wolfgang Ockenfels fragte dazu: „Aus welchen Gründen und mit welchen Mitteln sollen dabei straffreibleibende Angehörige bzw. Nahestehende Assistenz zur Selbsttötung leisten? Welche Tötungsmittel sind als zielführend zu empfehlen? Sind die entsprechenden Gifte in Apotheken frei erhältlich? Kann ein Missbrauch – etwa zu Erbschaftszwecken – ausgeschlossen werden?“ Daran schließt sich sofort die Frage an: Da in aller Regel zum Vollzug der Assistenz zur Selbsttötung ein „Fachmann“, also ein Arzt hinzugezogen werden muss und dieser dann selbstverständlich dafür ein „Honorar“ erhält, ist dessen Mitwirkung dann „geschäftsmäßig“ oder nicht? Der Regensburger Bischof Voderholzer bezeichnete das neue Sterbehilfegesetz als „schwache Hürde auf abschüssiger Bahn“ und fragte: „Werden sich alte, bedürftige und schwerkranke Menschen wirklich noch von einer selbstverständlichen Solidarität und Hilfe ihrer Mitmenschen getragen wissen oder müssen sie sich nicht doch eher als Last und als unnütz empfinden, wenn sie ihren Platz legal und unter straffreier Mithilfe eines Angehörigen oder Nahestehenden räumen?“
Kurz vor Weihnachten erhielt ich einen mich sehr erfreuenden Brief eines über 70-jährigen Mannes, der vor über 50 Jahren Pfarrjugend-Führer in meiner Kaplansgemeinde Wiesloch war. Ich hatte ihm meine kritische Stellungnahme zu dem Gesetz zugesandt. Er antwortete mir: „Sie haben mir aus dem Herzen geschrieben. Wir haben im örtlichen Bereich einen Hospizhilfeverein, der sehr segensreich wirkt und den wir sowohl privat als auch mit der Kolpingsfamilie unterstützen. Wie gut eine palliative Begleitung schwererkrankte und sterbende Menschen den Übergang in die erlöste Welt gehen lassen, haben wir in Margas (seine Frau) Familie sowie in unserem örtlichen Umfeld erfahren dürfen. Vor wenigen Wochen ist Margas Schwester Angelika im Alter von 79 Jahren sowie vor wenigen Monaten ihr Bruder Benno im Alter von 86 Jahren jeweils im Kreise der Familie wohl vorbereitet friedlich entschlafen. Dies sollte der Weg sein, den unsere Gesellschaft, die Politik und auch unsere Kirche gehen sollte, um das Geschenk des Lebens würdevoll in die Arme Gottes zurückzugeben.“

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
im Geist des ersten Märtyrers Stephanus zu leben, kann unter Umständen heute nicht weniger „lebensgefährlich“ sein als damals. Heute wie damals dürfen wir uns aber – ob irgendwo in der Welt oder hier bei uns – an das Wort Jesu halten: „Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“. Bitten wir den Heiligen des heutigen Tages, Stephanus, um seine Fürbitte, dass wir dazu die Kraft finden. Amen.

Predigt am 26. Dezember 2015 in Mosbach, St. Burder Klaus

Prälat Prof. Dr. Lothar Roos

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Märzheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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