Wo bleiben die wirklichen Anstrengungen zu einer Neuevangelisierung in Deutschland?

Liebe Leser,
in der Karwoche und in den Ostertagen lassen wir die Ereignisse von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu an uns vor¬überziehen. Die liegen 2000 Jahre zurück und sprechen uns nicht mehr an, sagen heute nicht wenige. Tatsächlich haben wir es nicht so sehr mit Ereignissen, als mit Personen zu tun. Ihnen begegnen wir auch heute bei uns auf Schritt und Tritt:
Schwache Jünger, die nicht einmal eine Stunde bei ihrem Herrn wachen können, die davonlaufen, wenn es gefährlich wird, die sich aber wieder aufrichten lassen und später sogar für ihn in den Tod gehen.
Hochrangige Vertreter politischer und wirtschaftlicher Macht, die die wahren Hintergründe dessen kennen, über die sie befinden und rechtsprechen sollen, das sogar aussprechen, aber trotzdem anders entscheiden, wenn ihre Kariere auf dem Spiel steht.
Schließlich gibt es auch den Hohen Rat mit seinem Tribunal, dem es nicht um Wahrheitsfindung ging, weil das Urteil über Jesus schon vorher feststand. Was interessierte, war lediglich der rechtskonforme Ablauf des Prozesses. Trotzdem widerstanden einige Ratsherren dem Druck der Mehrheit, wie Josef von Arimatäa und stimmten der Verurteilung nicht zu. Das erinnert uns an Männer wie Bischof Bengsch von Berlin, der der Königsteiner Erklärung nicht zustimmte, oder Bischof Dyba, der der Abtreibungsregelung mit den Todeslizenzen seine Stimme nicht gab, oder auch an die 37 Bundestagsabgeordneten, die nicht für die aktive Sterbehilfe durch Verwandte und Personen besonderen Vertrauens votierten.
Und zuletzt haben wir noch die verhetzte Volksmenge, die man heute als durchaus nicht friedliche Gegendemo gegen den Marsch für das Leben in Berlin oder gegen die Frühsexualisierung der Kinder und gegen den Genderwahn in Stuttgart wahrnehmen konnte. In dem hasserfüllten Gebrüll hätte das „Kruzifige – ans Kreuz mit ihm“ auch Platz.
Da wirkliche Anstrengungen zu einer Neuevangelisierung in der deutschen Teilkirche fehlen, bleibt die berechtigte existenzielle Frage nach der Zukunft des Osterglaubens in unserem Land. Kardinal Ratzinger hat auf die entsprechende Frage einmal Folgendes geantwortet: „Nur durch die konkrete Erfahrung und das existentielle Beispiel ist es möglich, die Zugänglichkeit und Wirklichkeit der christlichen Botschaft glaubwürdig verifizieren zu lassen“ und an anderer Stelle: „Die Statistiker sagen uns, dass Kirchen im Maß ihrer Anpassung an die Standards der Säkularisierung Anhänger verlieren und dass sie attraktiv werden, wenn sie einen festen Halt und klare Weisung versprechen … Lebendiges kann nur von Lebendigem kommen. An diesem Punkt sehe ich die Bedeutung der kreativen Minderheiten … Sie haben nichts Sektiererisches an sich, sondern schenken durch ihre Überzeugungskraft und durch die Freude, die in ihnen lebt, auch anderen Einsicht.“ Kardinal Brandmüller fordert von den Katholiken ein „Kontrastprogramm“ zum gesellschaftlichen Mainstream. Der Papstbiograf von Papst Johannes Paul II., George Weigel, zeichnet in seiner Schrift „Die Erneuerung der Kirche“ ein visionäres Gegenmodell eines zukunftsfähigen Katholizismus als Möglichkeit, den Osterglauben im 21. Jahrhundert weiterzutragen.

Hubert Gindert

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