Die Früchte des Heiligen Geistes: Freundlichkeit und Sanftmut

Freundlichkeit hat zwei Seiten: Da ist einmal die Freundlichkeit von einem Menschen zum anderen. Freundlichkeit ist hier abgeschwächte Liebe (vgl. Kol 3, 12 – 14). Da ist zweitens die Freundlichkeit Gottes zu den Menschen. So heißt es in einem Paulusbrief: „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes“ (Tit 3,4) und ein Psalm lautet: „Preiset den Herrn, denn er ist freundlich (gütig) und seine Güte währet ewiglich“ (Ps 106,1 und Ps 136,1). Der Priester betet bei der hl. Messe: „Kommt, denn es ist alles bereitet; seht und schmeckt, wie freundlich der Herr ist“. Wie sieht nun der Entwerfer dieses Kupferstichs die „Freundlichkeit“?
Die stehende Personifikation der Freundlichkeit hält einen Schirm, der sie vor Sonne und Regen beschützt. Durch Freundlichkeit schützt man sich vor den Anfeindungen von Menschen. Dieser orientalische Schirm kommt in der Barockzeit oft bei Bildern vor, welche die Auffindung des Mosesknaben durch die Pharaonentochter zeigen (Ex 2, 5-8). Auch sie ist freundlich und besorgt für den Knaben eine Amme. Durch ihre Freundlichkeit überlebt Moses, der sein Volk aus der Knechtschaft führen wird. Weiter schüttet die Freundlichkeit einen Geldbeutel aus. Dies erinnert an den Spruch: „Freundlichkeit im Geben schafft Liebe“. Man könnte dies aber auch so auffassen: Die Menschenfreundlichkeit Gottes, die uns erschienen ist, verpflichtet uns zum Geben. Diese Personifikation trägt ein Diadem auf ihrem Haupt. Ein freundlicher Mensch ist nämlich ein reicher Mensch. Rechts hinter der Personifikation ist ein Spinnennetz zu sehen. Dieses ist ein Zeichen von Eifer und Ausdauer. Dies bedeutet, dass man zu den Mitmenschen eifrig und ausdauernd freundlich sein soll, wie es Christus zu uns ist. Schließlich liegt der Personifikation noch eine Schäferschippe im rechten Arm. Dies ist ein Symbol für Christus, den Guten Hirten (Ps 23), der uns als Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen ist.
Christus ist aber auch sanftmütig. Der Psalmist schreibt: „Er leitet die Sanftmütigen im Recht und lehrt die Sanftmütigen seinen Weg“ (Ps 25,9). Christus sagt in der Bergpredigt: „Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5). In dem auf dem Stich angeführten Bibelzitat stellt der Apostel Jakobus dem „Zorn eines Menschen, der nicht tut, was vor Gott recht ist“ (Jak 1,20), den Sanftmütigen gegenüber (Jak 1,21).
Die personifizierte Sanftmut sitzt neben der Freundlichkeit. Sie schaut sanft und demütig zu Boden. Auf ihrem Schoß sitzt ein Lamm mit zu einem X (dem ersten Buchstabe für Christus) gebundenen Vorderbeinen. Es ist das sanftmütige Agnus Dei, das zur Schlachtbank geführt wurde und den Mund nicht auftat (Jes 53,7). Christus ist also auch hier das Urbild des Sanftmütigen und Vorbild. Zu Füßen der Sanftmut liegt ein Löwe. Eigentlich ist er ein Tier, das Furcht erregt. Hier sitzt er sanftmütig bei dem Lamm, denn die Sanftmütigen werden das Land, die neue Erde erben, wo himmlischer Frieden herrscht, wo der Wolf und das Lamm zusammen weiden und der Löwe Stroh fressen wird (Jes 65, 25). In ihrer Hand hält die Sanftmütigkeit eine Laute. Sie ist ein Symbol für Harmonie, die sich aus der Sanftmut ergibt. Als Erfinder des Saitenspiels gilt David, der nicht nur Psalmen schrieb, sondern mit seiner Musik auch Gott verherrlichte.
Die Sanftmütige stellt ihren rechten Fuß auf eineausgemusterte Kanone. Wenn die Waffen ausgemustert sind, der Sanftmut die lebenszerstörende Gewalt gewichen ist und das Getöse der Waffen verstummt ist, dann kann wieder die Musik erklingen.

Alois Epple

Bild (c) : privat

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