Die Früchte des Heiligen Geistes: Continentia und Castitas

Dieser Kupferstich zeigt ein nicht nur symbolisch interessantes Lichtspiel: Die Keuschheit tritt aus einem dunklen Gewölbe heraus ans Licht und stellt damit die Mäßigkeit, die vor dem Gewölbe sitzt, in den Schatten. Dieser Beleuchtungsunterschied wird noch durch den Hintergrund gesteigert: Die beleuchtete Keuschheit steht vor einem dunklen, gemauerten Höhleneingang. Diese Höhle ist mit Gras und einer verkrüppelten, kahlen Latsche bewachsen. Hinter der verschatteten, hockenden Mäßigkeit tut sich eine lichte Landschaft mit hochgewachsenen Zypressen auf. Zwischen beiden in Kontrast gesetzten Personifikationen besteht jedoch eine Beziehung. Die Mäßigkeit schaut auf die Keuschheit, denn auch zur Keuschheit gehört Mäßigung.
Die Mäßigung hält in ihrer linken Hand einen Zügel. Für „sich mäßigen“ kann man ja auch „sich zügeln“ oder „sich im Zaum halten“ sagen und „Mäßigung“ bedeutet auch „Zucht und Maß“. Einen Finger der rechten Hand hat die Mäßigung auf ihre Lippen gelegt. Sie will anscheinend die Schwatzhaftigkeit zügeln, denn in Spr 10,19 heißt es: „Wer aber seine Lippen zügelt, handelt klug.“ Mit ihrem linken Knie stößt die Mäßigung einen Weinkrug um und der Wein fließt ungenutzt, nutzlos auf den Boden, wie beim übermäßigen Trinken. Es heißt zwar, dass der Wein des Menschen Herz erfreut (Ps 104, 15), dies gilt jedoch nur, wenn man ihn mäßig genießt. Ihren rechten Fuß hat die Mäßigkeit auf den Unterleib eines vor ihr sitzenden, betrunkenen Satyrs gestellt. Dieser hat Hörner, Fledermausohren und Bocksbeine. Ein Betrunkener nimmt nämlich tierische Züge an. Die Armgestik des Satyrs zeigt ein berauschtes Schlafen. Neben ihm steht ein leerer Becher. Der Übergang vom Unterleib zu den Bocksbeinen wird durch eine Girlande aus Weinblättern überspielt. Der Satyr gehört zum Gefolge des Bacchus, dem Gott des Weines und der triebhaften Naturkraft. Unten wird die Mäßigkeit mit folgendem Text des Ecclesiasten kommentiert: „Wer mäßig lebt, wird sein Leben verlängern“. Man darf essen und trinken, aber in Maßen. Man soll fasten, aber nicht immer (vgl. Mt 9, 15). Deshalb ist nach Thomas von Aquin die Mäßigkeit das Mittelmaß zwischen Mangel und Übertreibung.
Die Keuschheit ist eine Mäßigung der Sexualität. Ihr Gegenteil ist die Wollust. Hier hält die in lange Kleider gehüllte Keuschheit eine Lilie mit drei Knospen und drei Blüten. Die Lilie ist ein Symbol der Reinheit. Die Dreierzahl ist ein Symbol des Göttlichen. Die Dreierzahl kann sich hier jedoch auch auf die Zahl der Tugenden der Keuschheit beziehen. Der heilige Kirchenvater Ambrosius schreibt: „Es gibt drei Formen der Tugend der Keuschheit: die eine ist die der Verheirateten, die andere die der Verwitweten, die dritte die der Jungfräulichkeit. Wir loben nicht die eine unter Ausschluss der anderen. Dies macht den Reichtum der Disziplin der Kirche aus.“ In der anderen Hand hält die Keuschheit einen Lorbeerkranz, einen Siegeskranz. Um diesen Kranz zu erringen, braucht es auch ein keusches Leben, denn dann kann man mit Paulus sagen, dass man den guten Kampf gekämpft hat, und dass einem der Herr, die Krone der Gerechtigkeit verleihen wird (vgl. 2Tim 4, 7). Zu Füßen der Keuschheit liegt der gestürzte Amor rücklings auf seinem Bogen und Köcher. Seine Augen sind verbunden, denn (unkeusche) Liebe macht blind. Die Bogensaite ist zersprungen. Er kann nicht mehr schießen. Der untenstehende Text stammt aus einem Paulusbrief. Darin ermahnt er: „Sei ein Vorbild für die Gläubigen im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Keuschheit“ (Tim 4, 12). Ein Vorbild zu sein, die Früchte des Hl. Geistes, wie hier die Frucht der Keuschheit zu besitzen, ist unabhängig vom Alter.

Alois Epple
Bild (c) : privat

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