Erzbischof Josef Stimpfle – ein großer Europäer

In den 50er und 60er Jahren war die Begeisterung für ein vereintes Europa, insbesondere bei der deutschen Jugend, groß. Die Wirtschaftsunion wurde als Fortschritt und Etappe auf dem Weg zu diesem Europa begrüßt. Den Gründungsvätern der sogenannten Montanunion ging es aber um weit mehr als nur um eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. Sie war vorwiegend Mittel, um kriegerische Auseinandersetzungen für künftige Generationen aus der Welt zu schaffen.
Es war kein Zufall, dass die großen Europäer der Nachkriegszeit Robert Schumann, Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi aus den Grenzregionen des ehemaligen Frankenreiches stammten, die jahrhundertelang durch Kriege heimgesucht wurden, nachdem das gemeinsame Reich der West- und Ostfranken von den Nachfolgern Karls des Großen aufgeteilt worden war.
Euphorie und Begeisterung haben manchmal ein kurzes Verfallsdatum, besonders dann, wenn konkrete und messbare Erfolge längere Zeit auf sich warten lassen. Das wusste auch der Augsburger Erzbischof Josef Stimpfle, ein begeisterter Europäer der ersten Stunde. Als Kriegsteilnehmers des Zweiten Weltkrieges hatte er erlebt, was dieser Krieg für die europäischen Völker bedeutete.
Erzbischof Josef Stimpfle war ein Mann mit Weitblick, tatkräftig und begeisterungsfähig, getragen von einem christlichen Optimismus. Das lässt sich an einer ganzen Reihe von Projekten aufzeigen, die er in seinem langen Episkopat initiiert und gefördert hat. Ich möchte nur hinweisen auf die Renovierungsarbeiten am Augsburger Dom mit der Freilegung der Krypta und der Erinnerung an den ersten Bischof Simpert, auf die Verlegung der katholischen-theologischen Fakultät von Dillingen nach Augsburg und den Bau des Priesterseminars, an die Gründung der Domsingknaben, die Gründung des Schulwerks, die Unterstützung der Lebensrechtsbewegung sowie die Förderung und Betreuung neuer geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen, etc.. Manche mögen Josef Stimpfle in seiner vorausschauenden Art nicht verstanden haben. Er ließ sich aber dadurch nicht beirren. In diesem Beitrag geht es nur um seine Europaaktivitäten, in der die Diözese Augsburg in ganz Deutschland vorbildlich und führend war.
Erzbischof Josef Stimpfle wusste, dass der Europagedanke nur Zukunft hat, wenn er auch im Volk verankert ist und so jenen Politikern der Rücken gestärkt wird, die politische Strukturen schaffen wollten, die einem gemeinsamen Europa Stütze und Halt geben. Dazu dienten die von ihm ins Leben gerufenen Ottobeurer Europatage und die Europawallfahrten in der Diözese Augsburg. Für die Europatage fand er im Ottobeurer Abt Vitalis Maier einen begeisterten Partner, der dafür die großartige Ottobeurer Barockkirche mit dem gesamten Ensemble zur Verfügung stellen konnte. In der Person des bischöflichen Sekretärs Koletzko fand er einen begabten Organisator. Erstrangige Deutsche und aus dem übrigen Europa stammende Politiker kamen als Redner nach Ottobeuren. Tausende strömten aus der Diözese und weit darüber hinaus zu diesen Europatagen. So konnte die europäische Idee Wurzeln schlagen. Europa bekam ein Gesicht und eine Stimme in den großen Europäern dieser Jahre, die sich im schwäbischen Ottobeuren einfanden.
Zu den Europatagen in Ottobeuren kamen die Europawallfahrten innerhalb der Diözese Augsburg hinzu. Ein beliebtes Ziel war der Auerberg mit der Georgskirche oberhalb Bernbeuren. Selbst nach seiner Emeritierung als Erzbischof ging Josef Stimpfle zu Fuß den langen und steilen Weg von Bernbeuren zum Auerberg mit.
Erzbischof Stimpfle förderte auch die Initiativen des Sachausschusses „Europa“ im Diözesanrat der Katholiken in Augsburg. Mit Vorträgen und Wettbewerben wurde die Diözese mit einem Netz von Europaaktivitäten überzogen. Schließlich könnte man noch die vielen Partnerschaften (Jumelages) der Gemeinden in der Diözese Augsburg, zumeist mit französischen Partnern erwähnen, denen Bischof Stimpfle aufgeschlossen gegenüber stand.
Mit dem Blick, der prophetisch in die Zukunft ging, wusste Erzbischof Stimpfle, dass ein christlich geprägtes Europa, wenn es Bestand haben will, christlich geprägte Politiker, ja Heilige braucht. Robert Schumann, der Pionier und neben Adenauer und de Gasperi Gründungsvater des vereinten Europas, erwarb sich schon zu seinen Lebzeiten den Ruf eines heiligmäßigen Lebens. Nach seinem Tod am 4. September 1963 kamen viele Menschen an sein Grab, um ihn fürbittend anzurufen. Initiativen zur Einleitung eines Seligsprechungsprozesses entstanden. Erzbischof Stimpfle stand diesen Überlegungen positiv gegenüber. Er wurde dabei von dem langjährigen Europaabgeordneten Hans-August Lücker unterstützt. Wenige Hinweise genügen, um Robert Schumann als einen christlichen Staatsmann zu charakterisieren. Schumann verstand sich als Werkzeug Gottes im politischen Dienst an der Welt. „Auch in der Zeit höchster politischer Belastung besuchte er werktags regelmäßig die heilige Messe“. „Daraus“, so Schumann, „ziehe ich meine Kraft für die Arbeit unter den Augen Gottes.“ Im November 1949 sagte Robert Schumann vor der französischen Nationalversammlung: „Wenn ich an dieser Stelle als französischer Außenminister stehe, dann nur deshalb, weil jemand von der Ostgrenze des Landes gebraucht wurde, der versucht, dass die sogenannten Erzfeinde Frankreich und Deutschland, die sich so oft zerfleischt haben, in Zukunft miteinander in Frieden leben“. „Am 9. Mai 1950 gab Robert Schumann eine Erklärung ab, die als die Geburtsstunde dessen gefeiert wird, was wir heute das politische Europa nennen. Die Europäische Union (EU) hat den Ursprung in dieser Erklärung vom 9. Mai 1950. An diesem Tag schlug Robert Schumann vor, die staatliche Zuständigkeit im Bereich Kohle und Stahl einer unabhängigen hohen Behörde zu unterstellen, woraus die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl mit Sitz in Luxemburg entstand, die Keimzelle der heutigen Europäischen Institutionen“ (Dr. G. Müller-Chorus).
Der große Beitrag, den der Vater Europas für den Bestand der heutigen Ordnung in Europa geleistet hat, ist für Robert Schumann schon zu Lebzeiten ein Kreuzweg gewesen. Schumann wurde von den Kommunisten und Gaullisten aufs heftigste bekämpft und verleumdet. Erzbischof Josef Stimpfle hat die Größe des Staatsmannes Robert Schumann erkannt und gewürdigt.
Der Blick auf das heutige Europa zeigt, dass uns die standfesten katholischen Politiker der Gründungszeit fehlen. Es fehlen uns aber auch Europabischöfe vom Format eines Josef Stimpfle. 

Hubert Gindert

Foto: (c) Katholische Sonntagszeitung/ Felici

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