In den kleinen Dingen das Große entdecken – Gedanken zum Diebstahl und der Rückgabe des Gnadenbildes von Neviges

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Dieses Sprichwort könnte man auch auf ein Ereignis beziehen, das Anfang des Jahres viele bewegt hat, besonders in der Erzdiözese Köln. Es war am 6. Februar 2016 im bekannten Pilgerort Neviges mit der großen Wallfahrtskirche, dem Mariendom, im Bergischen Land bei Wuppertal. An diesem Samstagmorgen schließt Franziskanerpater Bernhardin Schröder den Mariendom auf, um die heilige Messe zu feiern. Wie gewohnt geht er zuerst zu der Stele mit dem Gnadenbild, um die Gottesmutter zu grüßen. Doch zu seinem Erschrecken muss er feststellen: Das Bild ist weg. Scherben liegen am Boden, offenbar hat jemand die Scheibe vor dem Bild zertrümmert und es entwendet. Mehr allerdings wurde nicht aus der Kirche gestohlen.
Bei der Frühmesse sind etwa fünf bis sechs Gottesdienstteilnehmer. Alle sind schockiert. Fast 335 Jahre lang war das Bild immer in der Kirche präsent – zuerst in der alten Kirche, seit 1968 im modernen Mariendom – und jetzt das. Der Erzbischof von Köln wird informiert, er schickt seinen Generalvikar Dominik Meiering zu einem Lokaltermin nach Neviges. Die Nachricht zieht große Kreise, immerhin ist Neviges einer der bekanntesten, wenn nicht der bekannteste Wallfahrtsort in der Erzdiözese Köln.
Doch um die Mittagszeit die Überraschung: In das Postfach des Klosters wurde ein Gegenstand, eingewickelt in einfaches Butterbrotpapier, eingeworfen – es war das Gnadenbild. Bis heute weiß keiner, wer es gestohlen und wer es zurückgebracht hat. Auch das Motiv für den Raub ist völlig unklar – denn von materiellem Wert ist dieses Papierbild nicht, umso mehr hat es eine ideelle Bedeutung. 1681 kam es nach Neviges, nachdem der Franziskanerpater Antonius Schirley bei einem Gebet in seiner Klosterzelle im westfälischen Dorsten die Stimme vernommen hatte „Bring mich nach Hardenberg“ – also in jene Grafschaft, wo sich heute Neviges befindet. So drückte es denn auch der Guardian von Neviges P. Dietmar Brüggemann aus: „Das Gnadenbild hat Gebete aus vielen Jahrhunderten aufgesaugt.“ Und genau das macht es so wertvoll, weil es vielen Menschen Trost und Hilfe gegeben hat, ein Weg war, sich der Gottesmutter und darüber ihrem göttlichen Sohn zu nähern.
In diesem Zusammenhang ist schon bemerkenswert, dass sich die Gottesmutter immer wieder in der Schlichtheit offenbart. Hier ist es das einfache Andachtsbild, an anderen Wallfahrtsorten waren es nicht zuletzt auch die Personen, denen sich die Gottesmutter gezeigt hat: die kränkliche Müllerstochter Bernadette in Lourdes, der Indio Juan Diego in Guadalupe, die drei Kinder in Fatima, die Schafe gehütet haben. Warum diese Einfachheit? Vielleicht will Gott zeigen, dass gerade jene, die nicht viel spekulieren, sondern ganz einfach etwas im Glauben annehmen können, auf dem richtigen Weg sind. Er will uns ermutigen, einfach zu glauben, nicht allzu sehr und zu spitzfindig zu spekulieren – was nicht bedeutet, alles ungefragt anzunehmen, denn der Glaube soll vor der Vernunft bestehen können – und er kann das auch. Gleichzeitig gibt es aber auch die Gefahr der Grübelns, dass man so lange über Gott nachdenkt, dass man versäumt, zu und mit ihm zu sprechen und auf seine Stimme zu hören. Und da kann gerade auch ein so einfaches Gnadenbild wie das von Neviges weiterhelfen.
Aus diesem Grund ist es gut, einfache Dinge, wie beispielsweise ein Gebetsbild, mit Ehrfurcht anzuschauen, gerade wenn es mir von einem lieben Menschen geschenkt worden ist. Wie oft sieht man gerade bei älteren Menschen diese Bilder noch im Gebetbuch. Und wenn sie tatsächlich einmal zu viel werden oder völlig verschlissen sind, so kann man es vielleicht so machen, wie ich es einmal von einem Pfarrer gehört habe: sie nicht im Papiermüll entsorgen, sondern an Ostern dem Osterfeuer übergeben.
Wollte vielleicht Gott durch den Diebstahl des einfachen Gnadenbildes von Neviges die Menschen darauf aufmerksam machen, dass wir nicht nur in den großen und spektakulären Dingen Gott und seine Mutter entdecken, sondern gerade auch in den kleinen? In diese Richtung geht auch die Einschätzung von P. Bernardin Schröder auf die Nachfrage, was Gott uns durch den Diebstahl und das Wiederfinden des Gnadenbildes sagen will: Der Franziskanerpater, der den Diebstahl entdeckt hat und früher viele Jahre lang Wallfahrtsleiter von Neviges war, meinte: „Vielleicht soll uns dieses Geschehen helfen, wieder tiefer den Kontakt zur Gottesmutter zu suchen.“

Raymund Fobes

Foto: (c) Raymund Fobes

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