Amoris Laetitia – Liebe in der Familie – im Licht der katholischen Ehelehre!

Es ist schon erstaunlich, wie schnell Journalisten über das umfangreiche, 300 Seiten umfassende Schreiben und über das komplexe Thema Ehe und Familie ein Urteil abliefern können. Stand das Urteil evtl. schon fest, bevor der Text veröffentlicht war? Brauchte man nur einige Zitate aus dem quergelesenen Text, um die Bewertung abzustützen? Einige Aritkelüberschriften und Zitate zum päpstlichen Schreiben „Amoris Laetitia – über die Liebe in der Familie“ nähren diesen Verdacht.
Die Augsburger Allgemeine Zeitung vom 9./10.4.16 brachte in drei Artikeln: „Geschiedene Katholiken dürfen hoffen“, „Katholischer Frühling“ und „Lieber täglich einen Kuss, als moralische Felsblöcke“ folgende Zitate:
„Niemand darf auf ewig verurteilt werden“, Deutsche Bischöfe erwarten „weitreichende Konsequenzen“ für geschiedene Wiederverheiratete, Papst Franziskus fordert „deutliche Selbstkritik“, Positionen der katholischen Kirche werden von Gläubigen als „weltfremd“ empfunden, „Vollkommenheit gerade in der Partnerschaft ist ein utopisches Ziel“, Papst Franziskus ersetzt „strikte Verbote durch eine Tugendethik“. In der Konsequenz: „Jeder suche sich das für ihn Passende heraus oder interpretiere die Stellen nach seinem Gusto“.
Die Kommentierung des päpstlichen Schreibens „Amoris Laetitia“ (AL) durch den Regensburger Bischof Voderholzer und durch den Münchner Pastoraltheologen Prof. Andreas Wollbold liest sich etwas anders.
Bischof Voderholzer: Der Papst „verzichtet auf lehramtliche Entscheidungen in strittigen Fällen (vgl. AL 3) und fordert eine Intensivierung der kirchlichen Begleitung von Paaren vor und nach der Eheschließung, besonders in schwierigen Situationen (vgl. AL 307). Er möchte christlichen Familien eine Hilfe anbieten, die Größe und Schönheit ihrer Ehe und ihrer Familie tiefer zu erkennen. Leitend ist die Überzeugung: ‚Das Wohl der Familie ist entscheidend für die Zukunft der Welt und der Kirche.‘ (AL 31) … Selbstverständlich nimmt der Heilige Vater besonders auch die Situationen in den Blick, wo Menschen an den Idealen zu scheitern drohen oder gescheitert sind. Es sei der Wunsch der Kirche, so der Papst, ‚jede einzelne und alle Familien zu begleiten, damit sie den besten Weg entdecken, um die Schwierigkeiten zu überwinden, denen sie begegnen‘ (AL 200). Die zentralen Begriffe des Schreibens spiegeln dieses Anliegen wider: Begleitung, Unterscheidung, Integration, Nähe und Reifung … Klare Aussagen finden sich hinsichtlich der Gender-Theorien (vgl. AL 56). Der Papst spricht ein klares Bekenntnis zur schöpfungsmäßigen Geschlechterpolarität: Der Mensch ist von Gott als Mann und Frau geschaffen. Eine eindeutige Absage erteilt der Heilige Vater in Übereinstimmung mit der Bischofssynode allen Plänen, die Verbindungen gleichgeschlechtlicher Paare der Ehe gleichzustellen … Die Betroffenen werden sich sicher fragen, was denn nun aus den Diskussionen über die Zulassung zur Kommunion von wiederverheirateten Geschiedenen geworden ist. Wie hat der Papst denn nun entschieden? Papst Franziskus ändert an der bisherigen Lehre nichts. Er schreibt ‚Familiaris consortio‘ angesichts einer noch komplexer gewordenen Situation fort … Selbst wenn sie nicht voll am sakramentalen Leben der Kirche teilnehmen können, werden sie ermutigt, sich aktiv am Leben der Gemeinschaft zu beteiligen ‚die Seelsorger sollen sich ihrer annehmen und mit ihnen gemeinsam einen Weg der persönlichen Reifung‘ (AL 312) gehen. Für die Kirche hält er aber auch fest: ‚Wichtiger als eine Seelsorge für die Gescheiterten ist heute das pastorale Bemühen, die Ehen zu festigen und so den Brüchen zuvorzukommen‘“ (AL 307).
Anschließend spricht Bischof Voderholzer von konkreten Maßnahmen, die seine Hirtensorge für die Katholiken in der Diözese Regensburg zum Ausdruck bringen: Denen, die sich in einer „irregulären“ Situation befinden und „diese in einem gemeinsamen Weg mit der Kirche klären“ wollen, garantiert er „eine individuell abgestimmte und selbstverständlich kostenlose Beratung und Betreuung“. Dies kann durch den Ortspfarrer geschehen. Weiter: „Seit dem vergangenen Jahr gibt es im bischöflichen Seelsorgeamt einen eigenen Familienseelsorger, der in diesem Jahr zum ersten Mal zu einem diözesanen Familientag einlädt“. „Wir haben zwei Referentinnen angestellt … die die ‚Theologie des Leibes‘ in die Schulen tragen. Und bereits seit den 70er Jahren wird die Ehevorbereitung mit dem verpflichtenden Brautleutetag im Bistum Regensburg groß geschrieben und immer weiter verbessert“ (kath.net 8. April 2016).
Der Münchner Pastoraltheologe Prof. Andreas Wollbold bringt im Artikel „Der Papst als Anwalt der Einheit“ (Die Tagespost, 9.4.16, S. 5) aufschlussreiche Anmerkungen zu „Amoris Laetitia“, die Katholiken, die eine Aufweichung der katholischen Ehelehre befürchten, beruhigen können. Wollbold schreibt: „Franziskus ist Papst, der Anwalt der Einheit, und als solcher hat er sich erwiesen. Vor allem die Einheit der Lehre. Gibt es neue Normen, vielleicht sogar einen Bruch in der Lehre? Ein schlichtes Nein … 26 Mal erwähnt Franziskus das Schreiben (Familiaris Consortio) und macht sich Kernaussagen zu Eigen. Ebenso sind die berühmten Mittwochskatechesen des polnischen Papstes zentrale Inspiration für seine Aussagen zu Liebe, Leiblichkeit und Fruchtbarkeit. Zudem erinnert er daran, dass Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe nicht zur Diskussion stehen … Völlig legitim und traditionelle Lehre ist es dabei, den Blick auf die ‚praktische Unterscheidung angesichts einer Sondersituation‘ zu lenken, die aber ‚nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann.‘ Sprich: Normen werden nicht relativiert oder umgewertet… Wie die beiden Synoden weist ‚Amoris Laetitia‘ vor- und außereheliches Zusammenleben klar auf die Ehe als Ziel hin, will zugleich aber wertschätzend auf solche Paare zugehen … Gesetz der Gradualität ja, aber keine Gradualität des Gesetzes … Überraschend deutlich warnt er sogar vor einer solcher Verwechslung, ‚um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell Ausnahmen gewähren kann‘ (300)“.
Bezüglich der zivilen wiederverheiratet Geschiedenen äußert Wollbold in seiner Kommentierung: „Die Leitperspektive ist die Inklusion: ‚Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern‘. Niemand soll sich aus der Kirche ausgeschlossen fühlen: ‚Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums!‘ (297). Die konkreten Möglichkeiten des Mittuns werden ausgelotet. Gleichzeitig hält der Papst eindeutig und ohne Wenn und Aber an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Für die in einer neuen Beziehung Lebenden setzt er auf viererlei … all das kann vollkommen im Rahmen der traditionellen Lehre verstanden werden. Es ist aber doch streckenweise sehr unscharf formuliert. Leider fehlt der ausdrückliche Verweis auf die Enthaltsamkeit als Weg, auch in zweiter Ehe dem Willen Gottes zu entsprechen. Wohl gemerkt, der Papst bejaht die Lehre seiner Vorgänger uneingeschränkt und nimmt keinerlei Korrektur vor. Insofern sind Schuld, Gewissen, Seelsorge und Wachstum weiterhin an deren Prinzipien gebunden … Bemerkenswert ist …, dass der Kommunionempfang Wiederverheirateter nicht angesprochen ist oder gar ausdrücklich dazu ermutigt wird, auch nicht in Einzelfällen“ (Die Tagespost 9.4.2016).
Wie das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ im Lichte der katholischen Ehelehre zu interpretieren ist, macht Kurienkardinal Walter Brandmüller in seinen „grundsätzlichen Klarstellungen“ (kath.net 7.4.2016) deutlich:
„Es ist katholische Glaubenslehre (Dogma), dass eine gültig geschlossene und vollzogene Ehe von keiner Macht der Erde – auch nicht von der Kirche – aufgelöst werden kann. Jesus sagt: ‚Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen.‘“ Der Kardinal führt dazu die einschlägigen Schriftstellen (Mt 19,6; Mk 10,9; Mk 10,11.12) an. Brandmüller weiter: „Wer also den Glaubenssatz (Dogma) von der Unauflöslichkeit der Ehe leugnet, hat den Boden der katholischen Lehre verlassen. Wer dennoch trotz bestehendem Eheband nach einer Scheidung eine neue zivile Verbindung eingeht, begeht darum Ehebruch. Solange ein Katholik nicht bereit ist, diesen Zustand zu beenden, kann er weder die Lossprechung in der Beichte noch die Eucharistie (Kommunion) empfangen. Auch der ‚Ausweg‘, in Einzelfällen Ausnahmen zuzulassen, ist eine Sackgasse. Was aus Glaubensgründen grundsätzlich unmöglich ist, gilt auch für den Einzelfall. 

Foto (c) Bistum Regensburg

Hubert Gindert

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Juniheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

 

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