„Mit sprungbereiter Feindseligkeit“

Als Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius zurücknahm, brach sich in Deutschland die lang zurückgestaute Wut Bahn. Was seit der Papstwahl vom 19. April 2005 im Kessel mühsam zurückgehalten, brodelte, kochte jetzt über. Selbst der stets bedächtig formulierende Benedikt XVI. sprach von einer „sprungbereiten Feindseligkeit“. Der Rücktritt vom Papstamt am 11. Februar gab noch einmal Gelegenheit zur Abrechnung.
Manche Beobachter, die keineswegs kirchennah sind, haben sich nach dem Grund der Ablehnung Papst Benedikts XVI. gefragt. Konnte dieser Grund in der Person Joseph Ratzingers liegen? In dem weltweit anerkannten Theologen, ohne Machtallüren, dem Personenkult abhold, einen Mann, der klar denkt und formuliert?
Joseph Ratzinger fühlte sich als Theologieprofessor, Bischof, Präfekt der Glaubenskongregation und als Papst der Wahrheit verpflichtet. Damit stand er dem Relativismus, d.h. dem vorherrschenden Zeitgeist und der Anpassung der Kirche an den Mainstream im Wege. Hier liegt der wahre Grund für die Ablehnung.
Die Gegner von Papst Benedikt XVI. nutzen die Zeit nach seinem Rücktritt nicht nur zur Abrechnung mit ihm. Es sind Gegner von außer- und innerhalb der Kirche, die sich jetzt verstärkt zu Wort melden. Das sind vor allem die Leute in den Medien. Nach dem Medienwissenschaftler Prof. Norbert Bolz definieren sich Journalisten als Aufklärer. Die katholische Kirche gilt ihnen schon seit dem 18. Jahrhundert als die gegenaufklärerische Macht schlechthin. Und immer, so Bolz, wenn sie sich gegen den Mainstream stellt und auf unzeitgemäßen Forderungen beharrt, wird dieser Affekt mobilisiert.
Was sind das für „Aufklärer“? Das sind z.B. Daniel Deckers (FAZ), Gernot Facius (Die Welt), Matthias Drobinski (Süddeutsche Zeitung) und die Redakteure von Spiegel und Stern, etc.. Einige von ihnen haben katholische Theologie studiert. Bei diesen spielen Emotionen besonders mit. In der FAZ (27.02.2013) reagierte sich Daniel Deckers voller Häme und Gehässigkeit an Papst Benedikt XVI. ab. So hieß es in dem Artikel „Distanziert“ …„die Nachricht vom Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. rührte niemanden öffentlich zu Tränen …denn obwohl in der Person von Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger zum ersten Mal seit dem 16. Jahrhundert wieder ein Theologe deutscher Zunge an der Spitze der katholischen Kirche stand, so waren die Deutschen zwischen 2005 und 2013 genauso wenig Papst, wie Benedikt sich als deutscher Papst verstand …denn mit dem Rückzug des Papstes ins Schweigen verschwindet eine Person, die mehr als dreißig Jahre im eigentlichen wie im übertragenen Sinn ein Fluchtpunkt war für viele, die in der oft als ‚Lehmann-Kirche’ verunglimpften Struktur des deutschen Gemeinde- und Gremienkatholizismus keine Heimat mehr fanden“. Am 28.2.2013 setzte Deckers in der FAZ („Ort des Ausgleichs“) noch eins drauf. Er schreibt, dass der Kult um die Person dieses Papstes „fast blasphemische Formen angenommen“ habe und dass er und sein Vorgänger „die Krise der Autorität in der Kirche und der Autorität der Kirche in der Welt verschärft“ hätten.
Die Medienleute verstehen sich nicht nur als „Aufklärer“, die mit innerem Abstand zu den Ereignissen und im Bemühen um Objektivität und Fairness berichten. Sie wollen auch etwas bewegen. Sie wollen die Kirche im Sinne ihrer „Visionen“ verändern.
Gegen Kirchengegner, wie Daniel Deckers in der FAZ ist die Kirche relativ machtlos. Nicht aber gegenüber denen, die in ihrem Dienst stehen oder in ihrem Auftrag handeln, wie Chefredakteure von Kirchenzeitungen, Leiter katholischer Akademien, Theologieprofessoren, Religionslehrer, Beauftragte, die das Wort zum Sonntag sprechen, Leiter katholischer Nachrichtenagenturen etc..
Verstehen wir uns recht. Wir haben in unserem Land Religionsfreiheit. Niemand braucht einer Kirche anzugehören. Niemand muss im kirchlichen Dienst arbeiten. Niemand ist verpflichtet, gegen sein Gewissen zu handeln. Wer aber im kirchlichen Dienst arbeiten will und sich zur Loyalität verpflichtet, der steht auch in einem Treueverhältnis zur Lehre der Kirche. Das ist ganz offensichtlich heute nicht mehr selbstverständlich.
Die Theologieprofessorin und Ordensfrau Margareta Gruber fordert ein „Umdenken“ von den Bischöfen. Sie erklärt: „Es vollzieht sich ein fundamentaler und globaler Umbruch im Geschlechterverhältnis. Biologistische Erklärungsmodelle für Charakter und Rolle von Mann und Frau seien ‚intellektuell nicht mehr zu verantworten‘ … die jungen Frauen vermissen‚ die Rolle der auf Augenhöhe mit dem Priester und in partnerschaftlicher Verantwortung mit ihm handelnden Frau’“ (AZ 23.2.2013). Das ist die wenig verklausulierte Forderung nach den Weiheämtern für Frauen. Offener sagt das die Saarländische Ministerpräsidentin und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Annegret Kramp-Karrenbauer in einem Interview mit der KNA (Tagespost, 19.2.13): „Auch wenn der Vatikan das Thema für abgeschlossen halte, solle man am Ziel festhalten, Frauen zu Diakoninnen und irgendwann einmal zu Priesterinnen zu weihen … ‚Ich bin auch deshalb in die Politik gegangen, weil ich häufig erlebt habe, dass jemand Basta sagt und erklärt hat, etwas sei ein für alle mal erledigt. Aber meine Lebenserfahrung hat mir auch gezeigt, dass das eben nicht immer so ist’. Deshalb müsse man ‚an der Sache dran bleiben’… weswegen man einen sehr sehr langen Atem dafür braucht“. Kramp-Karrenbauer sieht in der Kirche so etwas wie eine politische Partei oder ein Wirtschaftsunternehmen. Die Kirche ist aber etwas anderes, nämlich der Leib Christi.
Wer für die katholische Kirche das „Wort zum Sonntag“ spricht, hat einen Verkündigungsauftrag. Die Zuhörer haben das Recht, den unverkürzten und unverfälschten Glauben der Kirche, nicht aber die persönliche Meinung des Sprechers zu erfahren. Pfarrer Michael Broch, manchen von seinem Ausspruch her bekannt „Der Papst (Benedikt XVI.) fährt die Kirche an die Wand“, missbrauchte seinen Auftrag nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. im „Wort zum Sonntag“ (16.2.13) dazu, seine Vorstellung von Kirche auszubreiten: „Benedikt XVI. wollte eher an alten Traditionen festhalten, sie bewahren, als dass er offen war für notwendige Reformen … Deshalb verbinde ich mit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. meine Vision von der Kirche: Ich wünsche mir, dass meine katholische Kirche den Mut aufbringt und sich durchringt zu tiefgreifenden Reformen im Geiste Jesu, dass die Kirche offen, bescheiden, mitfühlend, gerade auch auf diese Menschen zugeht, die anders leben, als es offiziell-kirchlichen Vorstellungen entspricht. Ich denke an wiederverheiratete Geschiedene oder an homosexuelle Partnerschaften. Ich wünsche auch, dass sich die Kirche öffnet für demokratische Strukturen vor Ort und weg kommt vom strengen römischen Zentralismus. Ich wünsche mir, dass meine Kirche bereit ist zur Gleichstellung von Mann und Frau in allen Bereichen und dass sie ernsthaft darüber nachdenkt, ob der Pflichtzölibat für Priester wirklich dem Evangelium Jesu entspricht und noch zeitgemäß ist“.
Ein weiterer Fall: Die Katholische-Nachrichten-Agentur KNA ist die zentrale Stelle, um die säkularen und kirchlichen Medien mit Nachrichten aus der Kirche zu versorgen. Welche Nachrichten in welcher Verpackung von KNA transportiert werden, das bestimmt weitgehend das Bild von der Kirche in der Öffentlichkeit. Chefredakteur von KNA ist Ludwig Ring-Eifel. Im Artikel „Die vaterlose Gesellschaft“ (Christ & Welt, 9/2013, S. 5) ließ er seine Maske fallen. Ring-Eifel macht sich darin über die Teilnehmer eines Treffens von Journalisten und Papstsekretär Gänswein im Vatikan lustig. Zunächst wird Paul Badde aufs Korn genommen. So heißt es über ihn in Bezug auf den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. … „Es war der Abschied von einer geistlichen Vaterfigur, die er mit einer für viele deutsche Katholiken nicht nachvollziehbaren Liebe verehrt… gemeinsam mit Guido Horst (gründete er) die Monatszeitschrift Vatikan-Magazin … [sie] setzen dem papstkritischen Grundton vieler deutscher Theologen und Publizisten ein kräftiges ‚Credo’ entgegen“
Der KNA-Chef dann weiter: „… einen wehmütig-ironischen Abschied von ‚unserem Papst’ hat … Matthias Matussek in einem Videoblock auf Spiegel online inszeniert … dazu schwadroniert er von der Großartigkeit des scheidenden Pontifex … der Talkshowprofi Matussek und der Mysterienforscher Badde sind nicht die einzigen katholischen Journalisten, denen der Rücktritt an die Nieren geht. Den Abgang des Papstes betrauert eine bunte Truppe von Papst-Fans, Lebensschützern, Liebhabern der alten lateinischen Messe, Kritikern der Kirchensteuer und Gegnern des liberal-katholischen Establishments … trotz sehr unterschiedlicher politischer Ansätze und Biographien haben sich die Papstgetreuen der katholischen Publizistik untereinander ausgetauscht und versucht, sich mit päpstlichem Rückenwind aus Rom stärker in die kirchenpolitische Debatte in Deutschland einzubringen. Als ‚katholische Freibeuter’ nutzen sie die publizistischen Möglichkeiten des Internets … der katholisch-publizistische Mainstream, der von kirchensteuerfinanzierten Medienangestellten dominiert wird, hat zu seinen Mitbrüdern am rechten Rand stets Distanz gehalten. Auch die deutschen Bischöfe haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, versucht, den konservativen Idealisten mit Nichtbeachtung zu begegnen. Umso banger blickt die bunte Truppe nun nach Rom und hofft auf einen Papst, der ihnen neuen Mut macht für ihren Kampf. Dass es allerdings noch einmal einen Pontifex geben wird, der sich so sehr für ihre Anliegen einsetzen wird wie der scheidende deutsche Intellektuelle, ist eher unwahrscheinlich. Ohne Fürsprecher in Rom droht die Gefahr, dass sie sich in eine konservativ-katholische Kohlhaas-Mentalität hineinsteigern“. – Soweit der KNA-Chef.
Wenn die Kirche ein diffuses, wenig attraktives Bild bietet, hat das mit den Repräsentanten zu tun, die sie in der Öffentlichkeit darstellen. Das kann aber jederzeit geändert werden, und die Bischöfe haben die Kompetenz, das zu tun. Theologieprofessoren kann man die Lehrerlaubnis entziehen, ebenso Religionslehrern, katholischen Laienorganisationen kann das Prädikat katholisch aberkannt werden, der Sprecher vom „Wort zum Sonntag“ kann durch einen anderen ersetzt werden, einen illoyalen Chefredakteur der KNA kann man entlassen. Sicher ist: es wird dann einen Riesenaufstand in den Redaktionsstuben geben und dicke Überschriften in den Zeitungen. Aber es wird niemand gekreuzigt werden. Wir leben in einem freien Land. Das einzige was wir brauchen, ist Mut. Wenn wir den nicht aufbringen, kann der Tag kommen, wo selbst Mut nicht mehr hilft.

Hubert Gindert

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf „Mit sprungbereiter Feindseligkeit“

  1. Eduard Werner sagt:

    Viele Theologen und Journalisten kämpfen in ihren Medien gegen jeden Papst, weil ihr Glaube sehr klein ist und ihre Abhängigkeit vom Ungeist der Zeit sehr groß ist. Sie fühlen sich stark und modern, wenn sie auf einen Papst einschlagen können. In Wirklichkeit sind sie nur schwach und modisch, aber nicht stark und modern. Ihre Party wird vorübergehen, wenn auf die sieben fetten Jahre die sieben mageren Jahre folgen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*