Kirche – Dienerin oder Dienstleisterin? – Gedanken zu einem oft diskutierten Thema

Hat die Kirche einen Dienstauftrag? Auf den ersten Blick will man „Ja“ sagen. Doch das Thema wird recht kontrovers diskutiert. Sind wir als Kirche Dienstleister wie etwa ein Catering-Unternehmen, das kontaktiert wird, wenn ein besonders schönes Buffet ansteht, im Alltag dann aber kaum für den Kunden interessant ist?
Tatsächlich ist das „Event-Christentum“ weit verbreitet, die Kirche soll mit ihren sakramentalen Feiern – Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit – das Sahnehäubchen liefern, mehr aber bitte nicht. Gerade beim Ehesakrament ist die Diskrepanz und Gefahr eines solchen Denkens augenscheinlich: Wenn dann die – mehr oder weniger halbherzig eingegangene – Ehe nicht gelingt und eine Wiederverheiratung angestrebt wird, ist die katholische Kirche böse, weil sie das verweigert. Aber man sollte auch nicht vergessen, dass bereits bei der Kindertaufe die Eltern und Paten sehr deutliche Versprechen ablegen: religiöse Erziehung, persönliche Identifikation mit dem Glaubensbekenntnis der Kirche, Ablehnung und Widersagen gegenüber dem Bösen. Wenn man Jahre später vielen dieser Kinder in der Erstkommunionvorbereitung wieder begegnet (häufig waren sie in der Zwischenzeit nie in der Kirche zu sehen), fehlen Grundkenntnisse.
Aber nehmen wir noch einmal das Beispiel vom Catering auf. Es gibt das richtige Sprichwort: „Der Geschmack kommt beim Essen.“ Und tatsächlich kann auch eine liturgische Feier, ein religiöses Fest, Menschen wieder oder neu zu Christus bringen, dazu führen, dass sie sich von Jesus berühren lassen. Das Problem ist nur, dass die Feiern, wo die Kirche gewünscht wird, sakramentale Feiern wie Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Hochzeit sind. Sakramentale Feiern aber haben nicht in erster Linie die Aufgabe, neugierig zu machen; vielmehr setzen sie genau das voraus, was den „Eventkatholiken“ zumeist fehlt: die Bereitschaft, sich auf Gott einzulassen und mit ihm das Leben gestalten zu wollen.
Insofern erweist eine dienende Kirche den Menschen und auch Gott, in dessen Diensten sie vor allem steht, einen schlechten Dienst, wenn sie zum Dienstleister für einen gedankenlosen Sakramentenkonsum wird. Gleichzeitig dient sie und mit ihr ihre Glieder aber Gott und den Menschen sehr wohl, wenn sie Dienste anbietet, um die Menschen für Christus zu interessieren, ja, für ihn zu begeistern. In der Liturgie gewinnen hier solche Formen eine neue Bedeutung, die zu den Sakramenten hinführen. Ein beredtes Beispiel dafür ist etwa das „Nightfever“, die beim Weltjugendtag 2005 in Bonn entstandene besondere Form der Eucharistischen Anbetung, die seit vielen Jahren auch beim Kongress „Freude am Glauben“ beheimatet ist. Hier wird die Nähe Gottes unaufdringlich, aber doch eindringlich den Menschen vermittelt. Und es wird deutlich, dass mit einer eindrucksvollen Liturgie viel erreicht werden kann, einer Liturgie, die wirklich das Einbrechen Gottes in unseren Alltag verdeutlicht, in der das Außergewöhnliche in das Gewöhnliche hineinbricht. Hier zeigt sich: Gott sucht sich immer wieder einen Platz in der Welt. Das ist die Mitte des Sakramentenverständnisses, und „Nightfever“ kann so neugierig machen, sich auf Gott und seine Sakramente einzulassen. Doch noch einmal: Die geschenkte und in der sakramentalen Begegnung im „Nightfever“ erlebte Offenheit Gottes für die Welt verlangt nach Antwort. Dann und nur dann sind die Sakramente wirklich zu unserem Heil. Die „heiligmachende Gnade“ braucht eben auch immer das menschliche „Ja“.
Wer aber aus den Sakramenten lebt, der kann auch in rechter Weise Dienst leisten – für den Menschen, für Gott und auch für die Kirche. Denn ein Leben aus den Sakramenten schenkt Freude, gibt Trost in der Trauer und Sinn in der Orientierungslosigkeit. Und deshalb ermöglicht es auch, sich für den anderen und seine Sorgen zu öffnen, also Trost zu spenden und diese Sorgen mitzutragen – ohne dabei den von Gott vorgegebenen Weg, sein Ziel für den Menschen und die Welt, aus dem Blick zu nehmen. Genau dieser Dienst ist der vorrangige Dienst, den alle Gläubigen leisten können und sollen, alle, an dem Platz, wo sie hingestellt sind. Überhaupt ist die persönliche Hilfe in Not für jeden, unabhängig von Konfession und Glauben, ein entscheidender Dienst des Christen, wie das Gleichnis Jesu vom „Barmherzigen Samariter“ zeigt, der ohne großes Aufheben einem ausgeraubten Mitmenschen hilft. Auf die Frage, „Wer ist mein Nächster?“ antwortet Jesus mit der Gegenfrage: „Wer ist dem Ausgeraubten zum Nächsten geworden?“ Der selbstlose Dienst gegenüber dem anderen, der mein Nächster ist, hat aber nichts mit Blauäugigkeit zu tun. Auch wenn wir etwa selbstverständlich gerufen sind, Moslems in Not zu helfen, bedeutet das nicht, dass wir gleichzeitig vor Christenverfolgung in islamischen Ländern die Augen verschließen dürfen, denn dann würde man den Dienst an Gott und der Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden sträflich vernachlässigen.

Raymund Fobes

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Juliheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

 

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