Walter Ciszek – ein Priester im Archipel Gulag

Nach Franz Werfel sind der Nationalsozialismus und der Kommunismus deshalb gleich grausam, weil sie beide gleich gottlos sind. Diese Erfahrung haben viele Priester in den deutschen Konzentrationslagern und in den sowjetrussischen Gefängnissen des Archipel Gulag gemacht. Einer der Priester, der den Gang durch die Hölle in Sibirien überlebt hat, ist der amerikanische Jesuit Walter J. Ciszek. Er wurde 1904 als Sohn polnischer Einwanderer in den USA geboren. Als junger Mann trat er in den Jesuitenorden ein, der ihn bald wegen seiner Sprachkenntnisse in Ostpolen als Seelsorger einsetzte. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 hatten sich Stalin und Hitler auf die Teilung Polens verständigt. Der östliche Teil, in dem Pater Ciszek lebte, fiel an die damalige Sowjetunion.
Als die sowjetrussische Besatzung polnische Zwangsarbeiter zum Holzfällen nach Sibirien holte, stand Pater Ciszek vor der schwierigen Entscheidung, ob er seine Arbeiter in die religionsfeindliche Fremde begleiten solle oder ob er sie allein ziehen lassen solle. Kurz entschlossen verkleidete sich P. Ciszek als Holzarbeiter und ging mit.
Doch konnte er dort nicht seelsorgerlich wirken. Die hl. Messe konnte er nur heimlich im Wald feiern. Unterkunft und Verpflegung waren menschenunwürdig. Zu allem Unglück merkte die sowjetische Geheimpolizei bald, dass der Holzarbeiter Ciszek in Wahrheit Priester ist. Er wurde verhaftet und fand im Gefängnis noch schlimmere Lebensbedingungen vor. Nun musste er als Priester unter kriminellen und teilweise perversen Mitgefangenen leben. Er galt als Spion des Vatikans. Dann wurde er in das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis in Moskau verlegt. In der fünfjährigen dunklen Einzelhaft besuchten ihn nur Ratten, Ungeziefer und die nächtlichen Vernehmungspolizisten. Auf die Tageszeit konnte er nur durch die Geräusche auf dem Gang schließen. Die Polizisten wollten ihn zu einem schriftlichen Eingeständnis erpressen, dass er ein Spion des Vatikans sei. Diesen Versuchen konnte er lange widerstehen, bis er schließlich unter der Angst drohender Schmerzen doch unterschrieb. Sein Versagen belastete ihn sehr. Allein das Gebet tröstete ihn. In dieser Not gab er sich total dem Willen Gottes hin – egal, welche Belastungen der Tag auch bringen mochte. Diese Totalhingabe erwies sich als tägliche Überlebenshilfe.
Nach langer Zwangsarbeit in Kälte und Hunger wurde ihm schließlich die Freilassung in Aussicht gestellt. Die Bedingung war, dafür als Gegenspion in den Vatikan zu gehen. P. Ciszek spürte die Versuchung, die sibirische Kälte mit der italienischen Sonne in Freiheit zu tauschen. Doch P. Ciszek lehnte ab und blieb bei seinen Mitgefangenen. Ihnen konnte er heimlich die Sakramente spenden. Und das Ansehen des Priesters stieg bei den Gefangenen. Inmitten des Grauens wurde viel gebetet.
P. Ciszek kam 1963 im Rahmen eines Gefangenenaustausches zwischen den USA und der Sowjet-Union frei. Er starb 1984 in den USA. Von ihm bleibt uns nicht nur der Grabstein, sondern auch sein unvergänglicher Glaube.

Eduard Werner

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Eine Antwort auf Walter Ciszek – ein Priester im Archipel Gulag

  1. Gorgasal sagt:

    Und Pater Ciscek hat einige sehr gute Bücher über sein Leben in der Sowjetunion geschrieben: „He Leadeth Me“ und „With God in Russia“. Ich weiss allerdings nicht, ob die Bücher auch in deutscher Übersetzung erschienen sind.

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