Qualität schafft Glaubwürdigkeit. Wie die Bevölkerung die Medien sieht

Die Debatte über die „Lügenpresse“ gewinnt Fahrt
Seit einigen Jahren geistert das Wort von der Lügenpresse durch den öffentlichen Diskurs. Die Chiffre Lügenpresse steht für den zunehmenden Verlust an Glaubwürdigkeit und ist der Vorwurf vor allem an die öffentlich-rechtlichen Medien, dass diese ihrem Anspruch immer weniger gerecht würden. Das Thema ist „in“. Feuilletons und Symposien befassen sich damit. Und es wird mittlerweile auch versucht, es sozialwissenschaftlich aufzuarbeiten mit Umfragen.
Wäre ein Regierungsfunk nicht ehrlicher und besser als das derzeitige öffentlich-rechtliche Rundfunksystem? Das war zum Beispiel die Frage, die die Diskussion des 1. Mai-Kolloqiums „Kirche-Medien“ im Bonner Bristol-Hotel des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg unter Leitung von Wolfgang Ockenfels prägte. Zwar hieß das Thema „Probleme mit den Öffentlich-Rechtlichen: Qualitätsverluste, Parteilichkeit, Zwangs¬gebühren“. Aber de facto ging es um Reform, Abschaffung oder eben Umwandlung in einen Staatsfunk. Nikolaus Fest, Journalist und Blogger, einer der drei Referenten, hält das System für unreformierbar. Ehrlicher sei es, mehr Staatsnähe zu probieren. Die Landesrundfunkanstalten sollten sich zu reinen Regierungssendern wandeln, für deren Programm der jeweilige Kultusminister verantwortlich sei. Denn erst dann gäbe es eine echte politische Verantwortung. Politiker, die für ein schlechtes Programm Verantwortung trügen oder nicht wirtschaftlich gehandelt hätten, müssten sich dann dem Wähler stellen. Entweder solle man das ganze System abschaffen oder als sichtbaren, nicht wie jetzt verdeckten Staats- bzw. Regierungsfunk neu schaffen.
Der zweite Referent, Jürgen Liminski, selber 26 Jahre im Deutschlandfunk tätig und unseren Lesern seit vielen Jahren bekannt, konnte dieser Argumentation viel abgewinnen, denn heute laufe das Ganze im Geheimen und sei viel verlogener. Das öffentlich-rechtliche System tue nach außen hin so, als sei es unabhängig, während konservative Journalisten zum Beispiel als Kommentatoren kaum zum Zug kämen. Liminski brachte mehrere konkrete Beispiele. So seien nach seiner Einschätzung von den 17 des für die aktuellen Sendungen morgens, mittags und abends zuständigen Moderatoren „maximal vier nicht dem rot-rot-grünen Lager zuzuordnen“. Zwei Drittel der Redakteure stünden links von der Mitte. Bei den Themen Ehe, Familie,Partnerschaft sowie Glauben und Kirche werde die Diskrepanz zwischen der Lebenswirklichkeit der Journalisten und der „normalen“ Bevölkerung besonders deutlich. Handwerkliche Fertigkeiten würden immer geringer geschätzt. In den Redaktionen herrsche eine Diktatur des Relativismus. Ein Empörungsjournalismus sei an die Stelle eines an den Fakten orientierten Sendens und Schreibens geraten. Miosga, Slomka und Kleber seien Gesichter dieses Betroffenheitsjournalismus.
Fest kritisierte das Programm des so genannten „Qualitätsfernsehens“ in Bausch und Bogen. Boxen und Biathlon gehörten seiner Meinung nach nicht zur Grundversorgung. Künstlerische, kulturelle und musische Bildung finde nicht statt. Zum 400. Todestag William Shakespeares hätten die Öffentlich-Rechtlichen nichts gebracht. Ebenso zum Jubiläum des ebenso weltweit bekannten Klassikers Cervantes. ARD und ZDF seien „ein kulturfreier Raum“.
Das waren nüchterne Erfahrungsberichte und Analysen. Sie illustrierten, warum es zu diesem Verlust an Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien kommt und was eine Studie im Auftrag des Bayerischen Rundfunks jetzt empirisch ermittelt hat. Demnach meinen 61 Prozent der Befragten, Medien in Deutschland „blenden berechtigte Meinungen aus, die sie für unerwünscht halten“. 66 Prozent meinen, Medien „vereinfachen Sachverhalte zu sehr und verbreiten dadurch Vorurteile“. 49 Prozent meinen, „Medien schreiben einem vor, was man denken soll“. Ferner werden nach dieser Studie „alle Mediengattungen nur noch von einer Minderheit als „unabhängig“ eingestuft“. Nur ein Drittel der Befragten hält die Berichterstattung der deutschen Nachrichtenmedien für wirklich unabhängig. Die anderen glauben an eine Einflussnahme von Regierung, Wirtschaft und Parteien. Den Boulevardzeitungen billigen nur noch 22 Prozent Unabhängigkeit und nur 14 Prozent Glaubwürdigkeit zu. Und nur ein Drittel glaubt, dass Medien in Deutschland ihre Kontrollfunktion erfüllen.
Selten, vielleicht noch nie, ist die Glaubwürdigkeitskrise der Medien so präzise demoskopisch erfasst worden. Dennoch gilt auch festzuhalten, dass die Öffentlich-Rechtlichen nach wie vor die wichtigsten täglichen Informationsquellen sind, wie es in der Studie heißt. Internet und Apps würden fast ebenso routiniert (allerdings additiv und nicht alternativ) genutzt. Nutzer von spezifischen Nachrichten-Apps und -Websites seien meist auch Nutzer der „traditionellen“ Nachrichtenmedien. Fast zwei Drittel der Deutschen nutzten mindestens einmal wöchentlich Nachrichten im Netz. Allerdings hat sich im Internet bislang noch nicht „die eine“ Anlaufstelle für Nachrichten etabliert.
Während die öffentlich-rechtlichen Medien in ihren Nachrichten vor allem die positiven Seiten der Studie hervorhoben, berichtete die soziale Plattform für Berufstätige, Xing, über die Studie mit kritischem Akzent. Beispiel: „Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland hält Nachrichtenmedien für gelenkt und für Stützen des Establishments. Das zeigt eine in München veröffentlichte repräsentative Umfrage des Instituts TNS emnid für den Bayerischen Rundfunk. Demnach denken sechs von zehn Befragten, dass auf Nachrichtenmedien Einfluss genommen wird, beispielsweise worüber oder auf welche Art Medien berichten. Nur gut ein Drittel der Befragten hält die Berichterstattung der deutschen Nachrichtenmedien für wirklich unabhängig. „Als Handelnde im Hintergrund gelten insbesondere Politik (Regierung und Parteien) und Wirtschaft (Lobbyismus und Druck von Werbekunden)“, heißt es in der Umfrage. Mehr als die Hälfte der Befragten gab außerdem an, aus ihrer Sicht kontrollierten die „Mächtigen“ im Land – also Staat, Regierung, Wirtschaft, einflussreiche Personen und Interessengruppen – die Nachrichtenmedien. Eine gesellschaftliche Kontrollfunktion im Sinne einer vierten Gewalt wird der Erhebung zufolge „am ehesten Wochenzeitungen und Nachrichtenmagazinen, öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Tageszeitungen zugestanden“.
Die Studie spricht im Fazit von einem allgemeinen „Unbehagen gegenüber Politik, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Eliten“, das sich im Zuge der Krisen der vergangenen Jahre manifestiert habe. Dieses Unbehagen erfasse auch die Medien, weil sie als „Teil des Systems“ wahrgenommen würden. „Der Eindruck, dass die Medien das Establishment stützen oder gar von ihm gelenkt werden, gibt diesem Dilemma weitere Nahrung.“ Darüber hinaus würden Medien in Mithaftung genommen für die Inhalte, die sie übermitteln. Vor diesem Hintergrund sei auch die hohe Zustimmung zu der Einschätzung zu werten, dass in den Medien häufig absichtlich die Unwahrheit gesagt werde. So gab nicht einmal die Hälfte der Befragten an, dass Medien Sachverhalte so wiedergeben würden, wie sie wirklich sind. Zu den größten Defiziten der Nachrichtenmedien zählt gemäß der Studie, dass aus Sicht der Befragten zu viel über Probleme und zu wenig über Lösungen berichtet werde – 76 Prozent entschieden sich hier für die Antwort „trifft völlig/eher zu“. Außerdem vereinfachten Medien Sachverhalte zu sehr und verbreiteten so Vorurteile. Darüber hinaus geht eine Mehrheit der Befragten davon aus, dass Medien berechtigte Meinungen ausblendeten, die sie für unerwünscht hielten.
All diese Ergebnisse bestätigen den Eindruck von der wachsenden Unlauterkeit und Unfairness vieler Journalisten. Das Podium im Bonner Bristol unterschied hier zwischen den sachlichen Handwerkern und jenen, die das recherchierte Wissen als unbrauchbar ansehen. Und zwar als unbrauchbar für ein ideologisches oder parteipolitisches System. Das unbrauchbare Wissen, la connaissance inutile, so lautet auch der Titel des Buches von Jean Francois Revel über Manipulation und Desinformation. Es gibt aber heute zu viele Möglichkeiten für den Einzelnen, Fakten und Informationen zu überprüfen. Die alte Frage „Wer kontrolliert die Kontrolleure?“ wird vielen überheblichen Journalisten und Politikern zum Verhängnis, denn heute kann jeder kontrollieren. Gerade wegen der Hybris dieses politisch-medialen Establishments kommt es zu Protestbewegungen und zum Verlust an Glaubwürdigkeit. Wolfgang Herles hat jüngst in „Tichys Einblicke“ geschrieben: „Im Seichten kann man nicht ersaufen, lautet die wichtigste Fernsehregel. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Auch im Mainstream kann man nicht ertrinken. Die meisten Medien halten sich daran. Alles spielt sich an der Oberfläche ab. Der Mainstream besitzt kein Flussbett, das Halt gibt. Er ist ein Überschwemmungsgebiet. Wer im Mainstream schwimmt, findet keinen Grund für Überzeugungen. Also lässt er sich treiben. Wer im Mainstream treibt, glaubt nur, zu wissen, wohin er will“.
Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiß die Mehrheit der Redakteure, was brauchbar ist und was nicht. Sie hat die Wahrheit gepachtet, ohne die Wirklichkeit zu kennen. Sie identifiziert sich nicht nur mit ihren Sendern, sie betrachtet die Anstalten als ihr Eigentum. Sie sieht sie jedenfalls selten als Forum für die öffentliche Debatte, eher als Kampf¬instrumente, als Meinungskatapulte im Kampf um Kopf und Herzen der Wähler. Talkshows sind in diesem Sinn, wie Wolfgang Herles sagt, Wasserstandsmeldungen des Mainstreams. Die Selbstkontrolle läuft ins Leere. Sie aber ist die Voraussetzung für das Modell Kirchhof, das heißt die GEZ-Gebühren pro Haushalt. Denn wenn der Markt, wie in unserer Medienlandschaft, durch diese Zwangsgebühr ausgehebelt wird, und ARD, ZDF und Deutschlandradio auch ohne Publikum leben könnten, da muss die Selbstkontrolle greifen.
Die Zwangsgebühren pro Haushalt haben nur einen Sinn, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Allgemeinheit da ist, wenn er also inhaltlich ein Mindestmaß an Neutralität, früher nannte man das Ausgewogenheit oder Fairness – Dovifat sprach von „subjektiver Wahrhaftigkeit“ – , an den Tag legt, wenn er die Grundversorgung sichert, wie das Bundesverfassungsgericht verlangt und dem System auch deshalb die GEZ-Gebühr zubilligt. Diese Ausgewogenheit erreicht man durch Personalpolitik. Das funktionierte früher, als die Parteien noch Profil hatten und außer der politischen Orientierung auch nach Kompetenz und anderen Sachargumenten fragten. Viele Konservative in der Politik denken aber, wenn man an der Spitze einen Mann aus der eigenen Partei habe, dann sei alles gut. Sie kennen die Eigendynamik der Gremien nicht und sie verkennen das Binnenklima in den Redaktionen.
Was kann man tun? Abschaffen oder reformieren? Wenn Reform, dann stellt sich die Frage: Geht das mit der Zwangsabgabe oder soll man die Finanzierung ähnlich wie bei der Deutschen Welle über das allgemeine Steueraufkommen regeln? Im Moment ist es jedenfalls so, dass die unsichtbare Hand, die nach Adam Smith das Marktgeschehen regelt, den Bürgern ganz sichtbar und ungeniert in die Tasche greift. Die Frage der Finanzierung aber wird kommen, sie kommt wie bei der Rente über die steigenden Pensionskosten. Und dann wird sich auch die Frage der Qualität und der Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland, des teuersten der Welt, stellen. Denn die inhaltliche Qualität allein sichert die Akzeptanz und legitimiert die Kosten. Ein System aber, das in der Berichterstattung banal wird, das Argumente durch Empörung und Ächtung ersetzt, hat keine Zukunft. Ob allein die Privaten eine Alternative bieten, ist aber zu bezweifeln. Eigentlich brauchen wir die Öffentlich-Rechtlichen; aber nicht so wie sie jetzt sind und sich gerieren. Die Debatte über die Glaubwürdigkeit der Medien und die „Lügenpresse“ greift aus. Nur mehr Qualität kann die Menschen überzeugen. In den Medien heißt das: Mehr Suche nach Wirklichkeit, mehr Enthüllung der Wirklichkeit. Genauso, als Enthüllung der Wirklichkeit, definierten die Klassiker die Wahrheit. Der in Berlin lehrende Medienwissenschaftler Norbert Bolz brachte es für das Handwerk Journalismus in einem Rundfunkinterview auf diese Formel: Die Journalisten sollten sich wieder auf ihren „ursprünglichen Auftrag besinnen und schlicht berichten, was sie wissen, Wirklichkeit vermitteln und keine Medienwirklichkeit schaffen“, berichten ohne sich als Volkspädagogen zu betätigen, ohne Anpassung an politische Korrektheiten, ohne Zusatzkommentare. Dann würden sie auch wieder glaubwürdig.

Franz Salzmacher

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2 Antworten auf Qualität schafft Glaubwürdigkeit. Wie die Bevölkerung die Medien sieht

  1. Christoph Strebel sagt:

    Vielleicht könnte man die ÖR in Nachrichten – Genossenschaften umwandeln. Jeder sollte Mitglied einer Genossenschaft sein. Er wählt den Aufsichtsrat. Wählbar sind richtige Journalisten, die sich in der Blogosphäre einen Namen gemacht haben, keine Politiker. Jeder mit genügend Mitstreitern kann eine neue Genossenschaft gründen.

  2. Herbert Klupp sagt:

    Ist das ÖR-System wirklich unreformierbar ? Wenn wir es schaffen, konkrete konstruktive Forderungen einer Umkehr von der linksgrünen Einseitigkeit auf die Agenda zu setzen, dann sind wir ein Stück weiter. Konkreter Vorschlag meinerseits: ARD und ZDF müßten täglich allen politischen Parteien eine Sendezeit einräumen (ähnlich den Wahlwerbungen, aber länger) – bspw eine halbe Stunde mindestens zweimal pro Woche ( und dabei einen Proporz nach Wählerstimmen wahren ). Was dann die AfD in ihrer halben Stunde „bringen“ könnte, würde vermutlich die Zuschauerquote rasant hoch treiben, und Basis sein für echte Diskussionen und ein breites Umdenken, auch unter linksgrünen Journalisten.

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