Utopien, Relativismus und die Folgen

Thomas Morus schrieb 1516 ein Buch über die ideale Staatsverfassung. Er nannte es Utopia. Thomas Morus war lebenserfahren. Als Lordkanzler bekleidete er das höchste Staatsamt unter Heinrich VIII.  Er erlebte, dass keine Verfassung ein Leben in Freiheit und Harmonie garantieren kann. In allen Epochen ging aber von utopischen Gesellschaftsentwürfen eine Faszination aus: Im 18. Jahrhundert von Aufklärern wie Rousseau, im 19. und 20. Jahrhundert von den Marxisten. Wenn diese Ideologen die politische Macht erobern konnten, versuchten sie ihre Utopien umzusetzen. Im 18. Jahrhundert geschah dies in der Französischen Revolution, im 20. Jahrhundert in der kommunistischen Machtübernahme in Russland, China und weiteren Ländern. Stets war es ein Gesellschaftsmodell ohne Gott und gegen die Kirche, eine Kulturrevolution, die mit den überkommenen Werten radikal brach. Das Ziel war der autonome Mensch ohne Grenzen für sein Tun.
Die westliche Welt blieb vom Kommunismus verschont, nicht aber von der Kulturrevolution von 1968. Sie gab sich demokratisch und gewaltfrei und forderte zunächst nur die Respektierung aller Wertauffassungen. Der Einstieg in den Relativismus, d.h. die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Wertvorstellungen, war so erreicht. Heute stehen wir vor der Situation, dass im Nebeneinander verschiedenster Lebensstile keine Werturteile über sie erlaubt werden. Wer dennoch Kritik äußert, wird als homophob (menschenfeindlich) abgestempelt.
Als Haupthindernis auf dem Weg zu einer neuen Gesellschaft, hat sich die Ehe von Mann und Frau und die darauf gegründete Familie erwiesen. Deswegen ist sie zentraler Angriffspunkt der Gesellschaftsveränderer. Um die Familie auszuhebeln werden die Kinder, ähnlich wie in totalitären Systemen, frühestmöglich von ihren Eltern entfernt. Der traditionellen Familie wird die materielle Existenzbasis entzogen. Tatsächlich geht es in der Diskussion um das Betreuungsgeld um die Durchsetzung einer Ideologie. Vom medialen Trommelfeuer gegen das Betreuungsgeld waren nicht einmal die Büttenreden im Fasching ausgenommen. Wir erleben derzeit den „Krieg gegen die Familie“ (Beverfoerde). Die Kulturrevolution läuft unter „Reform der Zivilisation“. So hat die französische Justizministerin Christine Taubira das Gesetzesvorhaben für die Homoehe mit Adoptionsrecht für Kinder genannt.
Papst Benedikt hat die Gefahren, die vom Relativismus auf uns zukommen, aufgedeckt. Er hat seine Kraft für die Kirche und für alle Menschen guten Willens verbraucht. Das Licht seines Geistes wird nicht verlöschen.
Der neue Papst Franziskus greift etwas auf, was für die Kirche und ihr Wirken existenziell ist, weil es ihre Glaubwürdigkeit berührt. Sein Vorgänger hatte dies schon angemahnt: Die Entweltlichung. Franz von Assisi hatte sich von den Fesseln der Verweltlichung und des Reichtums gelöst, weil sie ihn daran hinderten, ein Leben als Christ zu führen. Mit seiner Armutsbewegung hat Franz von Assisi zugleich die Kirche des Spätmittelalters reformiert.
Dem ehemaligen französischen Kulturminister André Malraux wird der Satz nachgesagt: „Das 21. Jahrhundert wird religiös sein oder es wird nicht sein.“ Tatsächlich werden es die Christen sein, die die Welt retten, nicht aus eigener Kraft, sondern nur dann, wenn sie den neuen, den österlichen Menschen anziehen.

Hubert Gindert

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