Erzbischof em. Karl Braun: Eine mögliche Wiederholung des päpstlichen Urteils über den Holocaust?

Warum hat Pius XII. nach dem 2. Weltkrieg (I945 bis zu seinem Tod 1958) nie etwas zum Holocaust gesagt?

Die Weihnachtsansprache Papst Pius‘ XII. von 1942 erwähnt den gewaltsamen Tod vieler Menschen „wegen ihrer Nationalität oder Rasse“. Gemeinhin wird diese Formulierung als Urteil über den Holocaust verstanden. Kritiker beanstanden zwar, dass der Papst das italienische Wort „stirpe“ verwendete, das nicht unbedingt „Rasse“ bezeichnet. Nach dem Zusammenhang ist jedoch keine andere Bedeutung als „Rasse“ möglich.
Diese Äußerung des Papstes war situationsbedingt: In den Monaten zuvor war unter den Diplomaten der Kriegsgegner Deutschlands die Möglichkeit diskutiert worden, in einer förmlichen Erklärung, die von den Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten verübten Gewalttaten zu verurteilen. Für eine solche Erklärung wollte man auch den Papst gewinnen, obwohl man darüber nicht sicher war. Einerseits gab man zu bedenken, dass die Autorität des Papstes durch sein Schweigen erschüttert werden könne; andrerseits kannte man seine Abneigung, nicht einzelne Taten zu beurteilen, sondern Grundsätze einzuschärfen. Auch nahm man an, dass die negativen Erfahrungen Papst Benedikts XV. Pius XII. zu größerer Zurückhaltung veranlassen werde.(Foreign Relations of The United States 1942. Diplomatic Papers [= FRUS] vol. III, Europe, 1961)
Die geplante Aktion der Alliierten sollte die „German atrocities“ in den besetzten Gebieten verurteilen und im Maße des Möglichen in der Zukunft verhindern. Die (deutschen wie die europäischen) Juden waren ursprünglich nicht als Opfer dieser atrocities erwähnt. Ihre Verfolgung trat erst in der zweiten Jahreshälfte 1942 in den Gesichtskreis der alliierten Diplomatie, die jedoch hinsichtlich der Zuverlässigkeit entsprechender Berichte anfänglich zweifelhaft war. Im Dezember 1942 waren jedoch solche Zweifel überwunden und am 16. Dezember 1942 hatten die Alliierten die Behandlung der Juden formell verurteilt. Der Papst stand vor dem Problem, entweder zu schweigen oder sich den Kriegsgegnern Deutschlands anzuschließen. Seine Weihnachtsansprache war der Ausweg aus diesem Dilemma.
Pius XII. hat darin keinen Zweifel gelassen, dass die Juden tatsächlich aufgrund ihrer Rasse verfolgt wurden. Damit war der Holocaust – entgegen der vatikanischen Tradition – als historisches Phänomen. nicht als Doktrin verurteilt. Auf der anderen Seite hatte sich Pius nicht in die alliierte Front einreihen lassen, die Deutschland als Urheber von Kriegsverbrechen beschuldigen wollte. Der Papst hatte sich die Vereinnahmung in die alliierte Front gegen Deutschland entzogen und doch seine moralische Autorität gewahrt.
Die Stellung des Papstes über den Parteien musste jedoch als verletzt gelten, wenn seine Weihnachtsansprache lediglich die Juden erwähnte. Pius hat darum in einem Gespräch mit dem amerikanischen Gesandten in der Schweiz deutlich gemacht, dass er die Nationalsozialisten nicht ausdrücklich als Urheber der Greueltaten habe nennen können, ohne auch die Bolschewisten als Täter zu nennen, was den Alliierten nicht angenehm gewesen sein könne. Alles in allem stimmte der Gesandte dem Papst in der Auffassung zu, dass seine Botschaft im amerikanischen Volke dankbar aufgenommen worden sei (FRUS 1943 vol. II, 1964, S. 912).
Die Frage, welche seither nicht verstummt, bezieht sich auf die Folgezeit: Warum hat die Kirche das Urteil über den Holocaust nicht wiederholt?

Hier ist zu erinnern, dass der Papst sich hinsichtlich der in großer Zahl ermordeter Polen in grundsätzlich gleicher Lage befand: Er hat die „wegen ihrer Nationalität“ Ermordeten in seiner Weihnachtsansprache erwähnt, aber die wie keine anderen von den Deutschen und Russen (!) systematisch verfolgten Polen nicht ausdrücklich genannt und damit die gleiche Frage hervorgerufen.
Die Antwort ergibt sich in beiden Fällen aus dem bereits Gesagten: Die Weihnachtsansprache von 1942 war der Ausweg aus dem Dilemma, entweder als Gegner der alliierten Aktion, somit als Begünstiger der Achsenmächte, wahrgenommen zu werden – oder als Partner der Alliierten, somit als Gegner Deutschlands und seiner Verbündeten. Die Erwähnung der Juden hob das Verhalten Deutschlands hervor, ohne das Urteil auf deren Verfolger zu begrenzen, und traf für Kriegsverbrechen der anderen Seite – etwa die Erschießung der polnischen Offiziere in Katyn, die damals noch nicht bekannt geworden war – in gleicher Weise zu.
Damit war sowohl der Anspruch des Papstes gewahrt, oberste moralische Autorität der Welt zu sein, wie seine Position, über dem Streit der Parteien zu stehen.
Für eine Wiederholung der Aussagen aus der Weihnachtsansprache zu späterer Zeit gab es für den Papst weder Gelegenheit noch Anlass. Eine Erinnerung an die Weihnachtsansprache nach 1945 wäre nicht frei geblieben von einer Missdeutung zu Gunsten oder zu Lasten des neuen Staates Israel, dessen reale wie diplomatische Existenz lange Zeit ungesichert blieb und bis heute immer wieder zu bitteren Kämpfen führt.
Der Papst befand sich in späterer Zeit nicht mehr in der prekären Lage, durch Schweigen heimlicher Partner einer der kämpfenden Parteien zu werden, aus der er sich nur durch eine abgewogene Erklärung hätte befreien können.
Eine solche Äußerung hätte lehramtlich nichts Neues gebracht, wohl aber mit den unvermeidlichen Interpretationen neues Unheil zwischen den unversöhnten Parteien gebracht.
So lässt sich die Vermutung wagen, dass aus der Sicht der Kurie für eine erneute Erklärung über die Verfolgung der Juden kein Anlass bestand.

Foto: (c) Erzbischof Braun

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