Wer kann mit Autorität für den Islam sprechen?

Papst Franziskus hat auf dem Flug von Rom nach Krakau am 27. Juli 2016 gesagt: „Wenn ich von Krieg spreche, spreche ich ernsthaft von Krieg. Nicht von Religionskrieg. Nein. Es herrscht Krieg der Interessen, um Geld, um die Ressourcen der Natur, um Herrschaft über die Völker“ (Tagespost 30.7.16).
Papst Franziskus hat wiederholt über Christenverfolgung, auch in islamischen Ländern, gesprochen, nicht aber von einem Religionskrieg. Das haben auch seine Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nicht getan. Blättern wir 10 Jahre zurück. Am 12. September 2006 hat Benedikt XVI. in seiner „Regensburger Rede“ die Aussage eines oströmischen Kaisers über Mohammed zitiert und damit einen Aufschrei in der islamischen Welt ausgelöst. In einigen Ländern kam es zu Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen gegen Christen. Tatsächlich hatte der Papst in einem wissenschaftlichen Vortrag sein Lebensthema „Glaube und Vernunft“ (Fides et ratio) aufgegriffen. Bischof Voderholzer nahm in einem KNA-Interview dazu Stellung: „Benedikts große Einsicht besteht darin, dass Glaube und Vernunft aufeinander angewiesen sind. Ich finde, sie wird von Jahr zu Jahr aktueller“ (Konradsblatt 33-34.2006, S.4). Papst Benedikt XVI. wurde bei seinem Zitat unterstellt, er habe das Thema „Islam und Gewalt“ ansprechen wollen. Dazu der Regensburger Bischof: Benedikt „hat es (Zitat) sich in keiner Weise zu Eigen gemacht… wer sein Gesamtwerk kennt, weiß auch, dass Joseph Ratzinger mit Blick auf die geistige Identität Europas eine Gemeinsamkeit von Christen und Muslimen formulieren konnte, nämlich den Respekt vor dem Heiligen“.
In der Auseinandersetzung um die „Regensburger Rede“ meldeten sich 138 muslimische Gelehrte zu Wort. So führte die „Regensburger Rede“ zu einer neuen katholisch-islamischen Gesprächsinitiative. Die Schwierigkeiten dieses Dialogs sieht Voderholzer in der Frage „Nach repräsentativen Gesprächspartnern“, in der Einbeziehung der „geistlichen Autoritäten der Universitäten“ und im „innerislamischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten“. Für die Zukunft wünscht sich Voderholzer, „dass islamische Autoritäten sich noch deutlicher distanzieren und eine spirituelle Deutung der entsprechenden Koranverse als verbindlich vortragen, die häufig zur Legitimation terroristischer Gewalt benutzt werden. Für mich stellt sich die Frage, wie sich der Koran selber versteht, woher er seine Autorität bezieht“.
Es gibt die Distanzierung von Moslemführern von Gewalt und auch Solidarität mit Christen. Deutlich wurde das nach der Ermordung des Priesters Jacques Hamel, als an den Gedenkgottesdiensten in Frankreich und Italien eine große Zahl von Moslems teilnahm.
Der Passauer Bischof Stefan Oster hat nach dem LKW-Attentat in Nizza alle friedliebenden Moslems aufgefordert, gegen die Gewalt im Namen Allahs aufzustehen: „Wann endlich kommt der kollektive, der große gemeinsame Aufschrei aller friedliebenden und wirklich ihrem Gott ergebenen Muslime der Welt, dass sie ihren Glauben nicht länger im Namen von Terroristen missbrauchen lassen wollen? Wann endlich tun sich die religiösen und politischen Führer der islamischen Welt zusammen, um der Welt zu erklären und zu demonstrieren, dass Islam und Terrorismus nicht zu vereinbaren sind?“ (PUR-magazin, 8-9, 2016, S. 10)
Niemand kann einen Krieg der Religionen wollen. Für Europa und die Christen in moslemischen Ländern bleiben die Fragen: „Wie sich der Koran selbst versteht“ und „woher er seine Autorität bezieht“ von existentieller Bedeutung. Das sind nicht nur Fragen für Religionswissenschaftler, sondern zentrale Fragen für die verantwortlichen Politiker. Wenn z.B. in Deutschland der Islam für „fast jeden zweiten deutschstämmigen Türken wichtiger als die Gesetze“ ist, haben wir ein echtes Integrationsproblem, das man nicht mit flotten Sprüchen, wie „Wir schaffen das“ lösen kann.
Tatsächlich sind wir konfrontiert mit dem Islam als einer geistlich-spirituellen Macht, für die es aber keine repräsentative Autorität gibt, die dafür sprechen kann. Wir stehen einem Islam gegenüber, der in einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten steht. Wir sind mit einem Terrorismus konfrontiert, der sich mit dem Koran legitimiert. Wir haben schließlich seit Jahren Millionen von Moslems in Westeuropa, die hier Arbeiten und bleiben wollen, die ganz überwiegend friedlich sind, die aber nicht bereit sind, sich in die geltende Verfassungswirklichkeit zu integrieren. Ein laizistisches Weltverständnis kann offensichtlich solche Probleme nicht verstehen und deswegen auch nicht lösen.

Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Wer kann mit Autorität für den Islam sprechen?

  1. Herbert Klupp sagt:

    Das grundlegende Problem besteht darin, daß die gewalttätigen Interpretationen, bis hin zu Selbstmordattentaten, ganz und gar legitime Auslegungen des Koran darstellen. Es soll gar nicht bestritten werden, daß die große Mehrheit der islamischen Glaubensrichtungen, wie auch der Muslime selber, eine friedliche Auslegung und Praxis pflegen. Durchsetzen werden sich aber immer die Gewaltrichtungen, denn sie sind entschlossener und härter aufgestellt. Ihre Kämpfer sind todesmutig und kompromißlos. Dazu gibt es eine erkennbare Schwäche der „Friedensmuslime“, ihre Sicht offensiv und öffentlich zu vertreten ( nun ja, vielleicht gerade noch bei uns – aber nicht mehr in der arabischen oder türkischen, also der islamischen Welt ) – wahrscheinlich weil sie Angst haben vor „ihren Glaubensbrüdern“. Der Dialog mit „dem Islam“ ist hoffnungslos – nicht nur wegen fehlender Ansprechpartner, sondern vor allem weil die jeden Dialog ( wörtlich zu nehmen:) abtötende Islamgewalt innerkoranisch sauber legitimiert ist. Ein kleiner Beweis dieser These: IS-Rückkehrer berichten unisono, daß sie, in Syrien angekommen, zuerst und vor allem eine Koranschule – intensiv – durchlaufen müssen, vor jeder Ausbildung an der Waffe. Das beweist glasklar, daß die IS nicht etwa den Koran „mißbrauchen“, sondern daß sie sich selber voll und ganz darauf stützen, und daß sie von dort her ihre Legitimation bis zum „Kamikaze“ beziehen. PS: auch „das Christentum“ hat keinen zentralen Ansprechpartner, sondern außer „unserem Papst“ noch hunderte selbsternannte „kleine Päpste“.

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