Wie beten – Wege zum Gebet

Der heilige Johannes von Damaskus schreibt, dass wir im Gebet unsere Seele zu Gott erheben. Wir richten einen demütigen Blick der Liebe und Dankbarkeit in der Freude oder in der Prüfung zum Himmel (hl. Theresia vom Kinde Jesu; vgl. KKK 2558f). Beten bedeutet mit Gott sprechen, Ihn loben, Ihm danken und Ihm unsere Bitten vortragen. Diese Gespräche führen uns in die Heiligkeit, das heißt, dass wir umgeformt werden in der Gnade und der Liebe Gottes. Er selbst schenkt uns die Gnade des Gebetes. Bitten wir Ihn um Demut, Gottvertrauen und Beharrlichkeit. Das Gebet ist „die lebendige Beziehung der Kinder Gottes zu ihrem unendlich guten Vater, zu seinem Sohn Jesus Christus und zum Heiligen Geist“ (KKK 2565).
„Bevor der Mensch nach Gott ruft, ruft Gott den Menschen“ (KKK 2567), sogar, wenn wir meinen, Gott habe uns vergessen. Der treue Gott vergisst uns nie (Jes 49,13-16), es sind wir, die wir durch unsere Nachlässigkeit gottvergessen leben.
Wir Menschen beten, um zu Jesus in den Himmel zu kommen. Wenn uns das Gebet zu mühsam wird und die Versuchungen überhand nehmen, ist die Gefahr groß, dass wir aufgeben. Wenn wir beten, ist es notwendig, gegen uns selbst und die List des Versuchers zu kämpfen, der uns von Gott trennen will (KKK 2725).
Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK 2729-2733) nennt einige Schwierigkeiten beim Beten. Man sollte auf die Zerstreuungen im Gebet nicht krampfhaft reagieren, sondern diese demütig vor Gott tragen und unsere Schwächen Ihm zu Füßen legen. Jesus ruft uns zur Wachsamkeit auf, damit wir auf sein Kommen vorbereitet sind. Ein weiteres großes Problem ist die Trockenheit. Entweder bedarf es in diesem Fall der Bekehrung zu Gott oder wir werden in unserer Treue und in unserem Vertrauen zu Ihm geprüft. Der Glaube ist hier ausschlaggebend. Oft ist weniger der Unglaube unser Problem, sondern die Bevorzugung anderer, weltlicher Dinge oder Personen. Unser Eigenwille und Egoismus sind unsere größten Feinde!
„Eine weitere Versuchung, der die Überheblichkeit die Tür öffnet, ist der Überdruss. [… Er] wird durch das Nachlassen in der Askese, das Schwinden der Wachsamkeit und durch die mangelnde Sorgfalt des Herzens hervorgerufen. ‚Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach’ (Mt 26,41). Je größer die Höhe, von der man herab fällt, desto mehr verletzt man sich. Die schmerzliche Entmutigung ist die Kehrseite der Überheblichkeit. Der Demütige wundert sich nicht über sein Elend. Es bringt ihn dazu, stärker zu vertrauen und beständig zu bleiben“ (KKK 2733). Gott prüft in Schwierigkeiten und Bedrängnissen unser Vertrauen.
Viele Menschen haben große Schwierigkeiten mit dem Bittgebet und hören auf zu beten, wenn Gott ihre Wünsche nicht erfüllt. Sie missbrauchen Gott als Erfüllungsgehilfen ihrer Wünsche – als Mittel zum Zweck: „Wenn wir Gott loben oder ihm für seine Wohltaten im allgemeinen danken, kümmert es uns kaum, ob unser Gebet Ihm angenehm ist. Dagegen verlangen wir aber [sofort], das Ergebnis unserer Bitte zu sehen. [Ursache dafür ist unser mangelndes Gottvertrauen und unsere Überheblichkeit.] Welches Gottesbild veranlasst uns zu beten? Ist Gott für uns nur ein brauchbares Mittel oder ist er der Vater unseres Herrn Jesus Christus?“ (KKK 2735). Ändern wir deshalb unsere Einstellung und bitten den Vater um das, was wir wirklich brauchen (Mt 6,8). Gott weiß besser als wir, was für unser Heil notwendig ist. Er erwartet aber aus Respekt vor unserer Freiheit unsere Bitten, die wir Ihm mit reinem, kindlichem und demütigen Herzen vortragen sollen. Wirksam wird unser Gebet, das wir an den Vater richten, durch unseren Herrn Jesus Christus im Heiligen Geist. Der dreifaltige Gott schenkt sich uns in den Sakramenten – Er ist die unendliche Vollkommenheit, was wollen wir mehr?
Harren wir aus im Gebet und beten ohne Unterlass (1 Thess 5,17), indem wir auch unsere Arbeit und Freizeit Gott weihen. „Beten ist immer möglich“ (KKK 2743), da Jesus Christus alle Tage bei uns ist (Mt 28,20). „Beten ist lebensnotwendig“ (KKK 2744), da wir sonst in die Sklaverei der Sünde zurückfallen. Eine Freundschaft, die nicht gepflegt wird, hat keinen Bestand. Gott ist treu und wartet auf unsere Antwort. „Beten und christliches Leben lassen sich nicht trennen“ (KKK 2745), das heißt, dass das Gebet ohne die Gottes- und Nächstenliebe Heuchelei ist.
Beten wir im Namen Jesu Christi (Joh 14,13; KKK 2614) zu Gott, dem Vater, der uns gerne unsere Bitten erfüllen wird, wenn sie unserer Heiligkeit dienlich sind. Selbstverständlich dürfen wir hier nur um Dinge bitten, die den Gesetzen und Geboten Gottes entsprechen.
Unsere Bitten dürfen wir folgendermaßen formulieren:
„Ewiger Vater, im Namen Deines Sohnes Jesus Christus gewähre mir die folgende Bitte …“.
Gott der Heilige Geist tritt dabei für uns ein mit einem Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können (Röm 8,26). Der Heilige Geist ergründet und kennt unsere Herzen. Dort begegnen wir Gott. Ohne den Anruf und die Hilfe Gottes können wir nicht beten: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5). Es gibt auch Phasen, wo wir gerne und ohne Anstrengung beten können und dabei schöne Gedanken im Herzen haben. Diese Gnade hat uns Gott geschenkt, danken wir Ihm dafür. Später kommen wir nicht mehr ohne das Gebet aus, das eine wunderbare Macht über unsere Seele hat und den Segen Gottes auf uns und die Mitmenschen herab ruft.
Das Fundament unseres Gebetslebens ist das mündliche Gebet (KKK 2700-2704). Wichtig ist die Kenntnis der Grundgebete (Kreuzzeichen, Ehre sei dem Vater, Vater unser, Ave Maria, Glaubensbekenntnis, Engel des Herrn, Rosenkranz) sowie kleiner Stoßgebete. Da wir uns sehr leicht ablenken lassen, müssen wir unsere Gedanken immer sammeln und zu Gott zurückkehren, indem wir Ihm auch diese Unvollkommenheit anvertrauen.
Im betrachtenden Gebet (KKK 2705-2708) denken wir über eine Stelle aus der Heiligen Schrift, eines anderen geistlichen Buches oder Bildes nach und verweilen mit unseren Gedanken bei Jesus Christus, den unsere Seele liebt. Der Übergang zum beschaulichen Gebet (KKK 2709-2719) ist fließend: Wir schauen gläubig auf Jesus und verzichten auf unseren Eigenwillen. „Das beschauliche Gebet ist das Gebet des Kindes Gottes, des Sünders, der Vergebung gefunden hat und gewillt ist, die Liebe, mit der er geliebt wird, zu empfangen […] und zu erwidern. Aber er weiß, dass seine Gegenliebe vom Heiligen Geist stammt, der sie seinem Herzen eingießt“ (KKK 2712). Im beschaulichen Gebet hören wir schweigend auf das Wort Gottes und vereinigen uns in der Liebe mit Christus, der in unserer Seele wohnt.
In unseren Anstrengungen beim Gebet zeigen wir unsere Treue zu Christus, der uns treu war und ist bis zu seinem bitteren Tod am Kreuz. Wir sind auf den dreifaltigen Gott hin geschaffen und Gott ist die Liebe, die sich vor allem in der Treue offenbart. Gott will uns bei sich in seiner unendlich glücklichen Ewigkeit haben unter Respektierung unseres freien Willens. Wir sind keine Marionetten. Schenken wir deshalb Gott unseren Willen, Er wird und kann niemals missbräuchlich damit umgehen, da Er die vollkommene Liebe und Barmherzigkeit ist. Beginnen wir mit dieser Ganzhingabe jeden Tag neu im Gebet und in der Nachfolge Jesu Christi.
Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib. Amen.

P. Andreas Hirsch FSSP

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