„München war anders. Das NS-Dokumentationszentrum und die dort ausgeblendeten Dokumente“

Wie falsch pauschale Verurteilungen sind, zeigt zunächst schon Professor Alfred Grosser in seinem Beitrag zum Buch „München war anders“. Er ist als Jude und als Zeitzeuge ein unverdächtiger Kenner der Materie. Das NS-Doku-Zentrum in München vertritt im Kern zwei Thesen, die sich beide als falsch erweisen. Die weit verbreitete Behauptung, die Deutschen hätten die Grausamkeiten des Hitler-Regimes verdrängt und vergessen, erweist sich als unzutreffend. Die einschlägige Literatur von Johannes Neuhäusler, Eugen Kogon, Anne Frank und vielen anderen zeigen, dass der Nationalsozialismus und seine Untaten in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hoch aktuell waren. Die bekannten Reden der Bundespräsidenten von Richard von Weizsäcker und Walter Scheel wurden in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Nur hatte sich Scheel auf Daniel Goldhagen berufen, um zu zeigen, dass alle Deutschen mörderisch veranlagt gewesen seien. Allerdings hatte Ruth Birn, Experte für Kriegsverbrechen im kanadischen Justizministerium, schon nachgewiesen, dass Goldhagen ein Fälscher war. Das wusste Bundespräsident Scheel bei seiner Rede noch nicht. Alfred Grosser bestätigt durchweg die ausführlichen Untersuchungen von Konrad Löw und Felix Dirsch.
Den zweiten Vorwurf der Ausstellungsmacher, nahezu alle Münchner seien stramme Nationalsozialisten gewesen, widerlegt Alfred Grosser mit vielen Argumenten eines wohlinformierten Zeitzeugen. Schon allein die letzten freien Wahlen belegen, dass die NSDAP in München nie eine Mehrheit hatte. Auch die mutigen Predigten von Kardinal Faulhaber und ihre Wirkung in der Bevölkerung weisen in die gleiche Richtung. Von den 1159 so genannten jüdisch-arischen Mischehen, haben nur 123 dem staatlichen Druck auf Scheidung nachgegeben. Die übrigen 1036 Münchner haben unter schwierigen Bedingungen ihrem jüdischen Ehepartner die Treue gehalten. Dem entspricht auch die Feststellung führender Sozialdemokraten von der Exil-SPD: „München ist keine nationalsozialistische Stadt und sie ist es auch nie gewesen.“ Dem Buch der Professoren Löw und Dirsch ist offenbar eine tief gehende Archivarbeit vorausgegangen.
Alle Aussagen sind genau belegt. Die Wahrheit dürfte es dennoch schwer haben, sich durchzusetzen. Wer die Wahrheit dem falschen Klischee vorzieht, sollte zu diesem Buch greifen.

Konrad Löw/Felix Dirsch: „München war anders. Das NS-Dokumentationszentrum und die dort ausgeblendeten Dokumente“. Mit einem Geleitwort von Alfred Grosser. Olzog-Verlag/ Lau-Verlag 2016, ISBN 978-3-95768-182-9, Seiten 192. Euro 16;90

Eduard Werner

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