Josef Hahner – ein Münchner Pfarrer in der Hitlerdiktatur

Das Leben unter dem nationalsozialistischen Regime war anders, als es heute propagiert wird.  Anständig bleiben einerseits und dennoch überleben, war eine ständige  Gratwanderung. So erging es auch dem Pfarrer Josef  Hahner  in Solln, einem Vorort von München.
Er kannte die Straßenkämpfe der Parteien in  der Münchner Innenstadt. Er kannte aber auch die päpstlichen Verurteilungen der nationalsozialistischen Rassenpolitik vom 25. März 1928 und vom 7. Februar 1934. Von seinem persönlichen Verhalten damals erzählen viele Anekdoten. So war während des Krieges  der Sohn einer Sollner Familie bei der Luftwaffe gegen Großbritannien eingesetzt. Als sein Flugzeug über England abgeschossen wurde,  bekamen die Eltern die offizielle Mitteilung vom Tod ihres Sohnes. Der Vater bestellte daraufhin bei Pfarrer Hahner die Totenmesse. Einige Tage später kam dieser Vater wieder zum Pfarrer, um die Totenmesse abzusagen. Darauf der Pfarrer:  „Ich weiß auch, dass Ihr Sohn lebt und ich weiß auch, woher Sie das wissen. Und der NS – Ortsgruppenleiter lauscht auch heimlich Radio London. Der weiß es also auch.“ Dieser Sender hatte am Vorabend die Namen der deutschen Soldaten gemeldet, die in britische Gefangenschaft geraten waren und folglich den Abschuss überlebt hatten. Dann fuhr der Pfarrer fort: „Wir dürfen also nicht zeigen, was wir wissen. Sonst verraten wir uns, dass wir Radio London hören. Und das ist bei Todesstrafe verboten. Also muss morgen die Totenmesse stattfinden“. Und so kam es dann auch. Zur Totenmesse kamen viele Leute  und alle taten so, als ob sie nicht wüssten, dass es sich um ein Requiem für einen Lebenden handelte. Sie schwiegen, um sich selbst nicht in Lebensgefahr zu bringen.
Gefährlich wurde es für Pfarrer Hahner, als er 1944 die jüdische Chemikerin Dr. Gertrud Schaeffler in seinem Haus versteckte, um sie vor der Deportation zu bewahren. Der Pfarrer besprach den Plan mit Kardinal Faulhaber. Dieser schlug vor, dass Frau Schaeffler in einem fernen Kloster untertauchen solle. Das habe sich schon öfter bewährt. Aber Frau Schaeffler blieb lieber im Pfarrhaus bis der Krieg vorüber war. Bei einer Hausdurchsuchung verschwand sie schnell im Schrank des Kaplans Andreas Gruber. Da Frau Schaeffler  keine Lebensmittelkarten hatte, bettelte Pfarrer Hahner bei Sollner Bauern um Lebensmittel.  Als dann nach dem Krieg der Sohn Richard Schäeffler am 11. Mai 1945 aus dem Gefängnis zurückkam, in dem er als Halbjude eingesperrt war, traute er sich zunächst nicht in das Elternhaus. Deshalb läutete er im Pfarrhaus. Da stand er plötzlich seiner Mutter gegenüber.
Nach dem Krieg lud Pfarrer Hahner alle, die ihm während der NS-Zeit Drohbriefe wegen seiner kritischen Predigten geschrieben hatten, in das Pfarrhaus ein. Sie kamen auch und befürchteten ein Strafgewitter. Doch der Pfarrer zeigte ihnen zwar ihre alten Briefe, las ihnen auch daraus vor und steckte sie dann vor ihren Augen in den Ofen. „So meine Herren“, sagte er dann, „jetzt wissen Sie, dass ich Ihnen nichts mehr anhaben kann. Ich verzeihe Ihnen. Aber mit Ihrem Gewissen müssen Sie das selbst ausmachen.“ Dann entließ er die verdutzten Besucher in Frieden.
Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1964 litt Pfarrer Hahner unter manchen Neuerungen. Vor allem das Entfernen der Heiligenfiguren und Bilder schmerzte ihn. Denn die Gedankenwelt, die Opfer und Hoffnungen der Heiligen waren Teil seines Alltags. Er befürchtete einen Verlust an Spiritualität. 1974 starb Pfarrer Hahner, tief betrauert von seinen vielen Freunden.

Eduard  Werner

 

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *