Spannende Zeiten in Rom

Spökenkiekerei (niederdeutsch = Hellseherei) ist uns fremd. Ebenso halten wir auch nichts  von Spekulationen. Hat doch gerade vor vier Wochen das Konklave einen alten Spruch bestätigt: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“ Aber einige Nachrichten aus Rom können uns doch veranlassen, über gewisse Änderungen in der Struktur der Kirchenleitung nachzudenken. Wo der Papst in Glaubensfragen steht, hat er inzwischen sehr deutlich gemacht und vertieft das täglich.
Dass eine Reform der römischen Kurie dringend nötig ist, hat ja nun auch dem letzten Harmlosen schon vor vielen Monaten die Vorgänge um Vatileaks und dem daraus resultierenden bisher unveröffentlichten, aber sehr umfangreichen Bericht der drei Kardinäle deutlich gemacht. Dass Papst Franzikus den engen Kontakt zu seinem Vorgänger sogleich gesucht hat und weiter pflegt, legt natürlich die Vermutung nahe, dass auch über die Kurie und die Zustände an bestimmten Stellen im Vatikan, die wir infolge der Geheimhaltung des Berichtes der drei Kardinäle nicht kennen, gesprochen wurde. Kann es nicht sein, dass Papst Franziskus nicht der Pfarrer des Kirchenstaates sein will, wie Einige abfällig bemerkten, sondern mit den täglichen heiligen Messen und seinen Predigten für bestimmte Gruppen von Mitarbeitern im Vatikan die Absicht verfolgt, alle Gruppen, die im Vatikan arbeiten, auf das Evangelium hinweisen und es Ihnen auslegen und damit die Reform der Kurie an der Basis beginnen will: kurz, dass er seinen Anteil der Neu-Evangelisierung da beginnt, wo es an einigen Stellen besonders nötig ist und unter allen Mitarbeitern beim Apostolischen Stuhl das Feuer des Heiligen Geistes entzünden will? Denn Umkehr und Neuanfang beginnt immer im Herzen jedes einzelnen Menschen.
Nun hat die Meldung  des Portals „vatican insider“ der italienischen Zeitung La Stampa, das sich besonders mit dem Heiligen Stuhl beschäftigt, einen Namen für die Nachfolge von Kardinal Bertone, der in diesem Jahr 79 Jahre alt wird, als neuen Staatssekretär genannt, der verdient besonders beachtet zu werden, nämlich den von Papst Benedikt vor gut einem Jahr ernannten Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, der Propaganda Fide, Fernando Kardinal Filoni. ( kath.net/news/40896)
Gianni Valente, der im Mai 2012 ein langes Interview mit Kardinal Filoni „Ein Rosenkranz für die Welt“ für die letzte Ausgabe von „30tage“ (30 giorni) machte, beschreibt Kardinal Filoni so: „Er hat die ganze Welt bereist und weiß, wie sie funktioniert. Er ist bekannt für seine Reserviertheit; dafür, dass er unempfänglich ist für Gerüchte jeder Art; dass er arbeitsam ist; jedes Problem entschlossen angeht und immer versucht, realistische Lösungen zu finden. Eigenschaften, die nicht gerade das beschreiben, was man unter einem vatikanischen Bürokraten versteht, sondern vielmehr eine geistliche Weisheit und einen Blick auf die Belange der Kirche und der Welt erkennen lassen, der einfach ist und konkret. Wie die Kette eines Rosenkranzes.“
Am 19 Februar 2012 hielt er die Dankrede für die neu ernannten Kardinäle an Benedikt XVI. Dabei stellte der den Dienst der neuen Purpurträger „unter den Schutz Mariens, Mutter der Gnade“. Seine „Strategie“ für das Jahr des Glaubens war und ist das einfache Rosenkranzgebet. Hier ordnete sich Kardinal Filoni aus seinem eigenen gläubigen Herzen ganz in die Linie der Päpste ein: ohne die Muttergottes gelingt die Neuevangelisierung durch das Jahr des Glaubens und darüber hinaus nicht. Dazu passt nahtlos die Meldung von vor zwei Tagen, dass Papst Franziskus sein Pontifikat der Muttergottes von Fatima geweiht hat. Wir alle erinnern uns an die Botschaften von Fatima und die Hinweise auf die Gefährdung der Welt.
Kardinal Filoni trat schon früh in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls ein. Er war an den Nuntiaturen in Sri Lanka und im Iran tätig. Von 1985 bis 1989 arbeitete er im vatikanischen Staatsekretariat und wirkte anschließend wieder in den Nuntiaturen in Brasilien und den Philippinen. Er wurde nach Hongkong entsandt und erhielt in dieser Zeit einen tiefen Einblick in die Verhältnisse der Kirche in China. Ausführlich berichtete er darüber im genannten Interview in „30tage“. Im Januar 2001 wurde er zum Bischof geweiht und wurde Nuntius im Irak und Jordanien. Als einziger ausländischer Diplomat harrte er während des Irakkrieges in Bagdad aus und wurde deshalb als „Nuntius Courage“ geehrt. Danach kehrte er als Nuntius auf die Philippinen zurück. Im Juni 2007 ernannte ihn Papst Benedikt als Nachfolger von Erzbischof Sandri zum Substituten im Staatssekretariat, eine der wichtigsten und vertrauensvollsten Positionen im Vatikan. Damit wurde er einer der engsten Mitarbeiter des Papstes. Er untersteht ihm direkt und dem Staatssekretär. Der Substitut hält ständig Vortrag beim Papst. Kardinal Filoni gilt als besonderer Experte für China und den nahen und mittleren Osten. Er besaß und besitzt im besonderen Maß das Vertrauen Benedikts XVI.
Zum Jahr des Glaubens sagt er: „Die Dynamik der Evangelisierung ist die, die von Christus selbst kommt…. Expansionsstrategien haben mit einer Logik des Marktes oder der Politik zu tun. Die innere Dynamik des Glaubens dagegen kann damit nicht verglichen werden. Das zeigen uns die Evangelien; als die ersten Jünger Jesus begegneten, baten sie ihn nur darum, bei ihm bleiben, ihn kennenzulernen, ihm zuhören zu dürfen. `Meister, wo wohnst du?`Kommt, und seht´. Und da sind sie bei ihm geblieben. Dahinter steckt keine Strategie und kein Expansionsgedanke, sondern einfach nur der Wunsch, ihn kennenzulernen, weil niemand so von Gott sprach wie er.“ Liegt hier nicht das ganze Geheimnis der Neuevangelisierung?
Kardinal Filoni betont die Mitwirkung der Gläubigen, den Konsens der Priester und der Bischöfe. „Die Kirche lebt in dieser Welt und schreitet in der Geschichte voran. Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass die Bischöfe, die Priester, die Ordensleute und die Gläubigen dem Apostolischen Stuhl auch bei den Beziehungen zu den zivilen und politischen Realitäten helfen und Beurteilungskriterien liefern. Der Nachfolger Petri darf nicht von den Bischöfen, die Priester dürfen nicht von den Bischöfen getrennt werden, sondern es gilt, die Einheit des Gottesvolkes zu erhalten. Hier kommen wir zu einem Satz der Konzilskonstitution Lumen Gentium: wenn die Kirche Gottesvolk und Leib Christi ist, kann man die Elemente, die sowohl zu ihrer Tradition als auch ihrer lebendigen Wirklichkeit gehören, nicht in Kontrast zueinander stellen.“ Unter dem Bischofswappen von Kardinal Filoni steht: Lumen Gentium Christus.
Dass dieser Kardinal nun als neuer Staatssekretär genannt wird, ist sicher ein gutes Zeichen. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Es bleibt spannend in Rom. Und wir beten weiter.

Michael Schneider-Flagmeyer

 

 

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4 Antworten auf Spannende Zeiten in Rom

  1. Mathias Wagener sagt:

    Ich wollte nur darauf hinweisen, dass aus unveröffentlichten und somit unbekannten Vorgängen keine Schlussfolgerungen gezogen werden können. Das Feststehen von Tatsachen ist doch die Conditio sine qua non, um Folgerungen hieraus zu ziehen.

  2. Eduard Werner sagt:

    Das Wort Veränderung ist inhaltlich neutral. Es gibt Veränderungen zum Positiven. Das sind Re-formen,d.h. zurück zur ursprünglichen Form und zum ursprünglichen Inhalt. Es gibt aber auch Veränderungen zum Negativen, zum allzu Menschlichen. Da sind dann Re-formen not-wendig.

  3. Mathias Wagener sagt:

    Reformen, was auch immer man darunter verstehen mag, nehmen wir den eigentlichen Begriff „Veränderungen“, hat es immer schon gegeben. Sie werden nicht die Erfindung des neues Papstes sein. Dass ein so großer Apparat der Nachschau bedarf, ist doch eine Frage der Selbstverständlichkeit. Ein neudeutsches No Go ist jedoch, dass sich der Verfasser bei der Forderung nach Reformen auf unveröffentlichte Dokumente oder was auch immer stützt. Das geht nun einmal gar nicht.
    Im Übrigen findet eine Überbewertung von Gesten (rote Schuhe) und sehr plakativen Aussagen statt. Der Papst möge sein Amt verrichten ohne ständige Bewertung durch die Medien und Unterkommentierungen notorischer innerer und äußerer Kirchenfeinde.

    • Eduard Werner sagt:

      Mathias Wagener hat den Text von Schneider-Flagmeyer wohl missverstanden. Dort wird doch das Wirken des Papstes gar nicht bewertet, es wird lediglich auf einen Teil des Aufgabenfeldes hingewiesen. Und dazu gehört u.a.das Trockenlegen des Sumpfes Vatileaks. Dort hat doch nicht nur ein einfacher Kammerdiener Fehler gemacht. Er war die Spitze eines Eisberges. Wenn die Kirche heilig und apostolisch ist, überrascht es doch nicht, dass sie von bösen Mächten von innen und von außen verfolgt wird. Auf diese Gefahren muss man hinweisen und beten zur Abwendung. Auch ist es tröstlich zu lesen, dass der Kirche hervorragende Nachwuchskräfte zur Verfügung stehen. Danke, Herr Schneider-Flagmeyer!

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