Der Rosenkranz – ein schriftgemäßes Gebet

Das Vater unser (Mt 6,7-15) hat uns Jesus selbst gelehrt und es enthält alles, was wir für unseren Leib und unsere Seele benötigen. Wir bitten um die Verherrlichung des göttlichen Namens, das endgültige Kommen des Reiches Gottes, das mit Jesu Geburt begonnen und durch Ihn am Jüngsten Tag vollendet wird, sowie um die Verwirklichung des göttlichen Willens. Das tägliche Brot, das wir vom Vater erflehen, bedeutet sowohl die tägliche Nahrung als auch die hl. Kommunion. Wir bitten Gott um Verzeihung unserer Sünden, die er uns gerne in der hl. Beichte gewährt, wenn auch wir unseren Schuldnern verzeihen. Dies ist die notwendige Bedingung: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,15). Die Bitte, dass Gott uns nicht in Versuchung führen möge, ist so zu verstehen, dass wir die für unser Heil notwendigen Prüfungen mit seiner Gnade bestehen können. Ohne Versuchungen und Prüfungen würde niemand gerettet werden, da wir Gott in unserem Hochmut vergessen, wenn er uns nur über grüne Wiesen laufen ließe. Die Bitte um Rettung vor dem Bösen bezieht sich auf den Teufel, die Sünden sowie alle denkbaren bösen Situationen und Dinge. Mit dem sechsmaligen Beten des uns von Jesus geschenkten Vater unser während des Rosenkranzes sind wir gut eingepackt und bleiben dem Wort der Hl. Schrift treu.
Auch das Ave Maria wird uns in der Bibel überliefert. Der Erzengel Gabriel tritt mit folgenden Worten bei der Jungfrau Maria ein: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Wir beten mit ähnlichen Worten: Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.
Elisabeth ruft bei der Ankunft Mariens, erfüllt vom Hl. Geist, aus: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (LK 1,42). Wir verwenden für das Wort gesegnet das ältere Wort gebenedeit, was gesegnet und gepriesen bedeutet. Elisabeth bezeichnet Maria unter Anleitung des Hl. Geistes als Mutter des Herrn. Herr ist in der Hl. Schrift einer der Namen Gottes und Jesus ist wahrer Gott. Die Kirche ergänzte somit zu Recht das Ave Maria mit den Worten: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. Als Mutter des Herrn, als Mutter Gottes, hat Maria eine besondere fürbittende Kraft am Thron ihres Sohnes. Dies wird bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11) und unter dem Kreuz deutlich. Jesus verwandelt auf die Bitte seiner Mutter Wasser in Wein und vertraut ihr unter dem Kreuz Johannes (Joh 19,25-27) und damit alle Menschen an, was in dem Bild von der Schutzmantelmadonna einen schönen künstlerischen Ausdruck gefunden hat.
Die Artikel des Glaubensbekenntnisses werden durch die Rosenkranzgeheimnisse (1-20) entfaltet, die das Zentrum jedes Ave Marias bilden und eine Heilstat Jesu benennen.
Das Glaubensbekenntnis beginnt mit Gott, dem allmächtigen (Ps 135,6) Vater (Mt 11,27), der alles erschaffen hat (Gen 1,1; Joh 1,3). Für ihn ist nichts unmöglich (Lk 1,37), was gut und sinnvoll ist. Da Gott die Vollkommenheit selbst ist, kann er nichts Böses tun. Er respektiert die Freiheit seiner Geschöpfe, die Ursache des Bösen sind, wenn sie sich nicht an die Gesetze Gottes halten.
Jesus Christus ist der ewige Sohn des Vaters (Joh 1,14) und damit wahrer Gott.
Die freudenreichen Geheimnisse beschreiben die Menschwerdung und Kindheit unseres Herrn und Gottes Jesus Christus. Jesus wird von (1) der Jungfrau Maria durch den Hl. Geist (Lk 1,35) empfangen, (2) zu ihrer Verwandten Elisabeth getragen (Lk 1,39-45), (3) in Bethlehem (Lk 2,7) geboren, (4) von Maria im Tempel aufgeopfert (Lk 2,22-24) und (5) wiedergefunden (Lk 2,41-50).
Die lichtreichen Geheimnisse wurden von Papst Johannes Paul II. anhand von in der Hl. Schrift überlieferten Heilstaten Jesu dem Rosenkranz beigefügt. Sie finden sich nicht im Glaubensbekenntnis, das sich auf die Menschwerdung, das Leiden, den Tod, das Begräbnis, den Abstieg zu den Toten, die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu sowie die Geistsendung, die Kirche, die Heiligen und die Wiederkunft Christi zum Endgericht konzentriert.
Die lichtreichen Geheimnisse erzählen von (1) der Taufe Jesu durch Johannes im Jordan (Mk 1,9-11), (2) dem Wunder, das Jesus auf der Hochzeit zu Kana wirkte (Joh 2,1-11), (3) seiner Verkündigung des Reiches Gottes (Mk 1,15), (4) der Verklärung Jesu auf einem hohen Berg (Mk 9,2-8) und (5) der Einsetzung der Eucharistie beim Letzten Abendmahl (Mk 14,22-24).
Die schmerzhaften Geheimnisse betrachten (1) die Todesangst Jesu am Ölberg, wo sein Schweiß wie Blut auf die Erde tropfte (Lk 22,39-45), (2) seine Geißelung (Mt 27,26), (3) die Dornenkrönung (Mt 27,27-31), (4) das Tragen des schweren Kreuzes (Joh 19,17) und (5) die Kreuzigung auf Golgotha (Joh 19,18-30).
Die glorreichen Geheimnisse preisen die (1) Auferstehung Jesu (Joh 20f), (2) seine Himmelfahrt (Lk 24,50-53; Apg 1,4-11), (3) die Geistsendung durch Jesus vom Vater an Pfingsten (Apg 2), (4) die Aufnahme Mariens in den Himmel sowie (5) ihre Krönung als Königin des Himmels.
Für die Aufnahme Mariens in den Himmel finden wir kein direktes Zeugnis aus der Hl. Schrift. Da Maria voll der Gnade war und ist (Lk 1,28), war und ist sie als die Unbefleckte Empfängnis nie getrennt von der Liebe Gottes: Das heißt, Maria war weder von der Erbschuld noch von einer persönlichen Sünde betroffen. Deshalb wurde sie sofort am Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele von Jesus in den Himmel aufgenommen und dort als Königin gekrönt (II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Lumen gentium 59).
Wer den Rosenkranz betet, ist ganz in der Hl. Schrift und der Tradition der Kirche beheimatet, ohne die es keine Hl. Schrift geben würde. In den Gottesdiensten der Kirche wird die Hl. Schrift durch Weihrauch als das Wort Gottes verehrt, gelesen und ausgelegt. Die Apostel hörten das Wort Jesu und verkündeten es. Sie selbst (Matthäus und Johannes) oder ihre Mitarbeiter schrieben die Worte und Taten Jesu in der Kraft des Hl. Geistes auf. Markus war der Mitarbeiter von Petrus und Lukas derjenige von Paulus. Man darf die Hl. Schrift weder von der Kirche noch von der Tradition (= mündliche Überlieferung in der Verkündigung und im Gottesdienst) trennen. Die Hl. Schrift überliefert uns die prophetischen Worte Mariens „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1,48), die sich auch im Gebet des Rosenkranzes bewahrheiten. Durch Maria gelangen wir zu ihrem Sohn Jesus, diesen Weg lassen wir uns nicht nehmen: Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib.   Amen.

P. Dr. Andreas Hirsch FSSP

Foto: (c) R. Gindert

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