Reformer und Wegbereiter in der Kirche: Michael Kardinal Faulhaber

Nach den wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen des Ersten Weltkriegs suchten die Deutschen nach den Ursachen für das nationale Unglück. Die Nationalsozialisten wollten mit ihrer Rassenpolitik den Juden die Schuld zuschieben. Zum Rassenhass kam eine pseudogermanische Heldenverehrung. Kardinal Faulhaber erkannte diese Gefahr schon frühzeitig und nahm daher in seinen Predigten gegen diese Irrtümer Stellung. Bereits in seiner Predigt am 1. November 1923 missbilligte Faulhaber den „blinden Hass (der Nationalsozialisten) gegen Juden und Katholiken“. Seit diesem Zeitpunkt bezeichneten die Nationalsozialisten Faulhaber als „Judenkardinal“. Faulhaber sah schon damals voraus, was zehn Jahre später auch Edith Stein feststellte: „Auf die Judenverfolgung wird eine Kirchenverfolgung kommen.“ Nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 konnte der Nationalsozialismus in der gleichgeschalteten Presse fast ungehindert seine halsbrecherischen Thesen verbreiten. Das deutsche Volk war der einseitigen Antisemitismus-Propaganda fast schutzlos preisgegeben. Bereits am 6.9.1933 erließ die Generalsynode der Altpreußischen Union ein Kirchengesetz, wonach evangelische Pastoren mit jüdischer Abstammung in den Ruhestand zu versetzen waren. Die judenfeindliche Stimmung brodelte in der Öffentlichkeit immer stärker und führte schließlich dazu, dass einige evangelische Landeskirchen erklärten, dass der christliche Glaube einen unüberbrückbaren Gegensatz zum Judentum darstelle. Die Verwirrung in den Köpfen griff um sich. Da trat als erster Kardinal Faulhaber auf den Plan und hielt schon im Dezember 1933 seine berühmten vier Adventspredigten. Er hatte den Mut, gegen den herrschenden Main-Stream nachzuweisen, dass das Christentum untrennbar auf dem Boden des Judentums steht.
In den ersten vier Predigten wies Faulhaber die politischen Angriffe auf das Alte Testament zurück und zeigte die hohen religiösen, sittlichen und sozialen Werte des Alten Testaments auf. Schon allein die Zehn Gebote und der Ein-Gott-Glaube sind ein kulturgeschichtlicher Fortschritt, der bis heute gilt. In der Silvesterpredigt entlarvte Faulhaber die morschen Grundlagen der nationalsozialistischen Weltanschauung. Den Nationalsozialisten rief er entgegen: „Wir wurden nicht von germanischen Blut erlöst, sondern vom Blut unseres gekreuzigten Herrn Jesus Christus.“ In der Silvesterpredigt 1933 entlarvte er auch die pseudoreligiösen Phrasen der Nationalsozialisten. Er zeigte die Schattenseiten des germanischen Lebens mit Menschenopfern und Trunksucht auf und resümierte dann: „Dem Vaterland ist mit aufrechten Jüngern des Evangeliums besser gedient als mit kriegslüsternen Altgermanen.“ Den Kommunismus und den Nationalsozialismus stellte Faulhaber auf die gleiche Stufe: „Dazu hat uns Gottes Gnade nicht vor dem russischen Heidentum bewahrt, um uns jetzt in einem germanischen Heidentum versinken zu lassen.“ Die Warnungen Faulhabers wurden in den katholischen Kirchen ganz Deutschlands gehört. In Köln entstand schon Monate später der „Anti-Mythus“, eine wissenschaftliche Widerlegung der nationalsozialistischen Rassenlehre, in Münster die erste kirchenamtliche Verkündigung des Anti-Mythus. Dass die nationalsozialistische Weltanschauung viel weniger in das katholische Volk eindringen konnte als in andere Volksschichten, ist neben anderen auch ein Verdienst des Wegbereiters Kardinal Faulhaber.

Eduard Werner

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