Fritz Gerlich (1883 – 1934) Ein früher Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus.

Der Autor erzählt die Entwicklung des zunächst calvinisch geprägten Studenten Fritz Gerlich aus Stettin zum Katholiken und zum schärfsten journalistischen Gegner Hitlers in München. Die äußeren beruflichen Stationen sowie die geistig-psychische Entwicklung des Helden werden minutiös nachgezeichnet und mit Dokumenten belegt. Das barocke Lebensgefühl in München empfindet der kühle Norddeutsche als Bereicherung. In den politischen und vor allem wirtschaftlichen Wirren nach dem Ersten Weltkrieg wechselt Gerlich wiederholt seinen Standpunkt. Er findet jedoch zunächst im Archivdienst und später als Journalist zu einem soliden Standpunkt, von dem aus er sich sozial engagiert und den Kommunismus und Nationalsozialismus als gleich bedrohlich ablehnt. Der zunächst skeptische „Enthüllungsjournalist“ Gerlich erlebt bei Therese Neumann in Konnersreuth mit eigenen Augen eine Welt, die er bis dahin nicht für möglich gehalten hat. Dies führt ihn ins Zentrum des Eichstätter Widerstandskreises und zur Konversion in die katholische Kirche. Ausführlich schildert Morsey das persönliche Schicksal Gerlichs, das in jeder Phase mit dem Schicksal Deutschlands verwoben ist. Nachdem Hitler im März 1933 auch in München die Macht übernommen hatte, konnte er sich an seinem großen journalistischen Gegner Gerlich grausam rächen. Gerlich hatte vor allem in seiner Zeitschrift „Der gerade Weg“ vorausgesagt, dass Deutschland unter Hitler im Chaos versinken werde. Vergleichsweise kurz erscheinen die Folterungen im Polizeipräsidium München und die heldenhaft und tief religiöse Ergebenheit des Opfers in das Martyrium. Der Ort der Misshandlungen war überwiegend das Polizeipräsidium und nur kurzzeitig das Münchner Gefängnis Stadelheim. Ein bisher unbeachteter Empfehlungsbrief Faulhabers für Gerlich an den Ministerpräsidenten Held ist ein weiterer Beleg für die politische und religiöse Übereinstimmung der beiden Protagonisten. Unverständlicherweise spricht der Autor allerdings am Ende von einem „überzogenen Dank“ Faulhabers gegenüber Hitler (Brief 24, Juli 1933) für den Abschluss des Konkordates. Die diplomatisch – freundlichen Worte hat Faulhaber doch nur gewählt, um die Freilassung der politischen Gefangenen – insbesondere des schwer misshandelten Gerlich – zu erreichen. Wie Fachhistoriker eigentlich wissen, sind Formulierungen aus der Situation des Bittstellers heraus zu interpretieren. Sie zeigen nicht unbedingt die vorgegebene Achtung des Bittstellers, sondern eher das Gegenteil. Die Fehl-Interpretation solcher Formulierungen ist sonst nur eine herkömmliche Versuchung des politischen Gegners, der die damals katholische Prägung Münchens in eine vorwiegend braune Prägung umformen will. Dieses Buch ist dennoch ein großes Standardwerk. Die wissenschaftliche Gründlichkeit, mit der die Belege in jahrelanger Archivarbeit zusammengestellt wurden, ist heute eine Seltenheit und schon daher zu bewundern. Glücklicherweise erscheint jetzt im media maria Verlag die Neuausgabe des Buches von Fritz Gerlich über „Therese von Konnersreuth“ aus dem Jahre 1930.

Rudolf Morsey: „Fritz Gerlich (1883 – 1934) Ein früher Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus“. Schöningh Verlag 2016 Paderborn, ISBN 978 -3-506- 78398-1, 346 S., 29,90 Euro

Eduard Werner

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