Thomas Morus: „Ich bin sicher, dass ich recht handle“ – Erwägungen angesichts des Todes – ausgewählt von Anton Ziegenaus

Folgender Ausschnitt aus einem Brief, von Thomas Morus im Gefängnis an seine Tochter Margaret geschrieben, ist eine sehr ehrliche, und gläubig realistische Erörterung angesichts der möglichen Hinrichtung. Der Brief kann in vielerlei Hinsicht klärend wirken: Die Entschiedenheit, vor dem Gewissen und seelisch keinen Schaden zu nehmen; die Güte im Denken gegenüber dem König; die Erwägungen, lieber für eine gute Sache als später einen natürlichen Tod zu sterben; das Gebet als Zuflucht gegen die Angst; die innere Ergebenheit; die Sorge, dass alle das Heil bewahren.

Thomas Morus schreibt: „Nun habe ich seitdem erfahren, dass manche sagen, diese meine störrische Art, dass ich den Eid noch immer verweigere, würde des Königs Gnaden vielleicht dazu treiben und zwingen, ein neues Gesetz für mich zu machen. Ich kann es nicht verhindern, dass ein solches Gesetz gemacht wird. Aber ich bin sehr sicher, wenn ich nach einem solchen Gesetze stürbe, so stürbe ich in diesem Punkte vor Gott als Unschuldiger. Und trotzdem ich, gute Tochter, glaube, dass Gott, der die Herzen der Könige in seiner Hand hat, es niemals zulassen wird, dass ein so gnädiger Fürst und so ehrenwerte Männer, wie sie im Parlamente sind, ein so ungerechtes Gesetz machen, wie dieses es wäre, so habe ich doch diesen Punkt nicht unbedacht gelassen, sondern habe öfter als einmal, bevor ich hierhin kam, sowohl diese Gefahr, wie auch alle andern, die mich wegen der Verweigerung des Eides in Gefahr des Lebens bringen könnten, in meinem Sinne erwogen und in Rechnung gestellt. Und obwohl ich dabei fand, dass ich viel weltlicher gesinnt sei, und dass mein Fleisch vor Schmerz und Tod mehr zurückschrecke, als es einem gläubigen Christen ziemt, so sagte mir mein Gewissen in diesem Falle doch, dass die Rettung meines Leibes den Untergang meiner Seele bedeuten würde. Ich danke jedoch dem Herrn, dass in diesem Widerstreit zum Schlusse der Geist die Herrschaft gewann, und dass die Vernunft mit Hilfe des Glaubens erkannte, wenn ich ungerecht getötet würde, weil ich recht gehandelt habe (und ich bin sicher, dass ich recht handle, wenn ich mich weigere, den Eid gegen mein Gewissen zu schwören, da mein Gewissen so beschaffen ist, dass ich nicht auf das Heil meiner Seele verpflichtet bin, es zu ändern, möge mein Tod nun ohne Gesetz oder unter dem Anschein der Gesetzlichkeit über mich kommen), so sei dies der Fall, in dem ein Mensch den Kopf verliert, ohne Schaden zu erfahren, vielmehr statt des Schadens unschätzbare Wohltaten von der Hand Gottes.

Und ich danke dem Herrn, Meg, dass ich, seitdem ich hierher kam, jeden Tag den Tod weniger fürchte. Denn wenn man auch viele seiner Jahre auf dieser Welt verliert, so ist es doch eine mehr als vielfache Entschädigung, dass man dafür um so eher in den Himmel kommt. Und wenn es auch schmerzhaft ist, aus voller Gesundheit zu sterben, so kenne ich doch wenige, die an einer Krankheit leicht sterben. Und schließlich bin ich sicher: sollte die Zeit kommen, die, weiß Gott, bald kommen kann, dass ich krank auf meinem natürlichen Sterbebett liege, dann werde ich meinen, Gott hätte viel für mich getan, wenn er mich durch den Vorwand eines solchen Gesetzes hätte sterben lassen. Und deshalb sagt mir meine Vernunft, dass es Torheit wäre, wollte ich bedauern, so zu sterben, wie ich es nachher wünschen würde. Außerdem kann ein Mensch auch mit weniger Dankbarkeit gegen Gott und mehr Gefahr für seine Seele ebenso gewaltsam und ebenso schmerzhaft durch viele andere Zufälle, zum Beispiel durch Feinde oder Räuber, sterben.

Und deshalb also, meine gute Tochter, versichere ich Dir, dass der Gedanke daran mich, Gott sei Dank, jetzt gar nicht mehr betrübt, wenn er mich auch früher betrübt hat. Trotz allem aber kenne ich meine eigene Schwäche und weiß, dass St. Peter, der sich viel weniger fürchtete als ich, kurz darauf doch in Furcht verfiel und auf das Wort eines einfachen Mädchens unsern Heiland verriet und verschwor. Und deshalb, Meg, bin ich nicht so töricht, dass ich mich verbürgen würde, stehen zu bleiben. Aber ich werde beten – und ich bitte Dich, meine gute Tochter, mit mir zu beten –, Gott, der mir diesen Sinn gegeben hat, möge mir die Gnade geben, ihn zu behalten.

Und nun habe ich Dir, meine gute Tochter, das Geheimnis meines Herzens enthüllt, seine Bestimmung aber stelle ich einzig der Güte Gottes anheim, und zwar so gänzlich, dass ich Dir, Margret, versichern kann, dass ich Gott nie gebeten habe, mich von hier fortzubringen oder mich vor dem Tode zu bewahren, sondern ich habe alles Seinem Gefallen anheimgestellt, denn Er weiß besser als ich, was das Beste für mich ist. Auch sehne ich mich nicht, seit ich hierher gekommen bin, aus dem Verlangen nach meinem eigenen Hause oder aus Freude an ihm, es wieder zu betreten; nur wäre ich manchmal froh, mit meinen Freunden sprechen zu können, besonders mit meiner Frau und mit Dir, die ihr für mich sorgt. Aber da Gott es anders gefügt hat, befehle ich alles gänzlich Seiner Güte und schöpfe täglich großen Trost daraus, dass ich Euch so liebevoll und friedlich miteinander leben sehe; ich bitte unsern Herrn, Ihr möget so weiterleben. Und nun, meine gute Tochter, will ich Dich zum Schluss noch einmal daran erinnern: Wenn ich auch, sollte der Notfall eintreten, dem Herrn für den Frieden und Trost danke, den mein Herz jetzt hat und, wie ich von Gottes Güte erhoffe, durch seine Gnade auch behalten wird, so vertraue ich doch darauf, dass Gott des Königs Sinn so fügt und lenkt, dass sein edles Herz und sein edler Sinn meinem treuen Herzen und Dienste nicht mit einem solchen äußerst ungerechten und unbarmherzigen Handeln vergilt, nur aus Zorn, weil ich nicht so denken kann wie andere. Aber ich will als sein treuer Untertan leben und sterben und will getreulich für ihn beten, hier wie in der anderen Welt.

Und nun, meine gute Tochter, grüße mir mein Ehegemahl und alle meine Kinder, Männer, Frauen und alles, mit all Euren Kinderchen und Euren Wärterinnen, und alle Mädchen und alle Diener und alle unsere Verwandten und alle unsere Freunde draußen. Und ich bitte unsern Herrn, ihnen allen das Heil zu schenken und sie darin zu bewahren. Und ich bitte sie alle, für mich zu beten, und ich werde für sie beten. Und sorge Dich nicht, was Du auch hören mögest, sondern freue Dich in Gott.“

(aus: Die Briefe des Heiligen Thomas More aus dem Gefängnisse, übertragen und eingeleitet von Karlheinz Schmidthüs, Freiburg/Br. 1938)

Bild (Skulptur): P. Schaumann

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3 Antworten auf Thomas Morus: „Ich bin sicher, dass ich recht handle“ – Erwägungen angesichts des Todes – ausgewählt von Anton Ziegenaus

  1. Bettina sagt:

    Ein wichtiges Zeugnis! Herzliche Dank!

  2. Ulrich S. sagt:

    Der heilige Thomas Morus war noch ein echter Christ, der mit Leib und Leben für seinen Glauben und die Lehre der Kirche einstand und das Opfer seines Lebens – obwohl mit Frau und Kindern gesegnet – brachte. Heute legen die Spitzenvertreter der beiden Kirchen bei uns auf dem Tempelberg in Jerusalem vor den Muslimen ihr Brustkreuz ab ohne jede Not, einfach nur aus Feigheit. So wird man nicht heiliig. Sie hätten sich da an Papst Franziskus ein Beispiel nehmen sollen, der selbstverständlich mit Brustkreuz auf den Tempelberg gegangen ist. Die Muslime respektieren eine feste Glaubenshaltung.

  3. Franz - Josef sagt:

    Vielen Dank für dieses wunderbare Zeugnis!

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