Josef Stimpfle – ein aufrechter Bischof

Am Fest Mariä Namen, dem 12. September 1996, verstarb Erzbischof Dr. Josef Stimpfle. Er war genau 33 Jahre Bischof, seine Ernennung erfolgte auch am Fest Mariä Namen im Jahre 1963. Davon war er 29 Jahre Diözesanbischof in Augsburg und anschließend päpstlicher Legat für das Hilfswerk „Kirche in Not“. Sein Geburtstag war mitten im ersten Weltkrieg am Fest Verkündigung des Herrn, am 25. März 1916. Sein 100. Geburtstag fiel auf den Karfreitag. So war er mit seinem Herrn Jesus Christus, der allerseligsten Jungfrau Maria und seinem Schutzpatron, dem hl. Josef im Leben und darüber hinaus fest verbunden.Er hinterließ ein reiches Lebenswerk für die Kirche von Augsburg und die Weltkirche. Er kannte aber auch Verleumdungen und Enttäuschungen. Seine Freundschaft mit dem hl. Papst Johannes Paul II. ist bekannt. Aus seinem Klerus sind Dr. Karl Braun als Erzbischof von Bamberg, Manfred Müller als Bischof von Regensburg und Dr. Walter Mixa als Bischof von Eichstätt und dann von Augsburg hervorgegangen. Seine Priesterweihe wurde durch den Militärdienst um fünf Jahre verzögert. Diese Jahre waren aber für ihn ein Praktikum für seine pastorale Arbeit. Er war Diener. Das hat sein bischöflicher Wahlspruch ausgedrückt: „Dem pilgernden Gottesvolk dienen“. Sein bischöflicher Hirtenstab zeigt in der Krümme statt einer reichen Verzierung eine Abbildung der Fußwaschung beim letzten Abendmahl.Zu seinem 65. Geburtstag hat er ein Interview gegeben, aus dem einige Passagen sehr viel über seine Person aussagen. Sie sollen nachstehend zitiert werden. Beim ersten Text erinnert man sich an Kapitel 12 und 13 der Apostelgeschichte, beim zweiten Text an seine persönliche Bescheidenheit. Der dritte Text ist gerade für die Gegenwart bei der Frage nach der Zulassung wieder verheiratet Geschiedener zur Kommunion richtungsgebend.

Aus der Festschrift zum 65. Geburtstag für Erzbischof Josef Stimpfle (Donauwörth 1981) ist das folgende Interview geführt von Dr. Konrad Lachenmayr genommen:

„Sie waren noch unter jenen, die zum Militärdienst eingezogen wurden. Hat Ihnen das für Ihre innere Entwicklung etwas eingebracht – vielleicht wider Willen?

Dazu möchte ich sagen: Ich habe ein halbes Jahr vor den Weihen einrücken müssen und habe das wie ein notwendiges Übel auf mich genommen. Die Militärzeit wurde dann doch eine schwere Belastung, je länger der Krieg dauerte, und weil ich nicht wusste, ob ich mein Ziel je erreichen würde. Ich habe mich dann darauf eingestellt und es so angenommen: „Jetzt lebe da.“ Ich habe im Tornister immer die Heilige Schrift und den Schott mitgetragen. In der Freizeit las ich philosophische Schriften und auch schöne Literatur. So habe ich mich in dieser Zeit durchgebracht. Die Erfahrungen, die ich machte, haben mir viel mitgegeben, so dass ich jetzt rückblickend sage: „Es war nicht vergebens“: Erstens möchte ich die Kenntnis der Menschen nennen. Die Soldaten, mit denen ich lebte, waren eben Soldaten wie die andern auch und ich lernte da die Welt des Menschen und seine Denkart in einer Weise kennen, die ich sicher nie so unmittelbar hätte kennenlernen können. Zweitens, ich habe erfahren, dass wir am besten dadurch dem Menschen helfen, dass wir das sind, was wir glauben. Mehr durch das Sein als durch das Wort. Ich habe mich nie bemüht, missionarisch zu wirken, ich wollte der gute Kamerad sein, und ich kann Ihnen nicht sagen, wieviel Gespräche ich da geführt habe. Meinem Chef habe ich ungefähr die ganze Philosophie und Theologie erzählen müssen, obwohl er evangelisch war. Er hat mich immer wieder gesucht, er war ein Germanist, und hat mich zu langen Spaziergängen eingeladen. Er hat mir auch nach dem Krieg einen der schönsten Briefe geschrieben zur Priesterweihe. Dann das Dritte: Da möchte ich die oekumenische Dimension nennen. Es war ganz eigentümlich, ich hatte die ganzen fünf Kriegsjahre das Glück, immer in meiner Abteilung, in meiner Kompanie, in meiner Gruppe mit evangelischen Pastoren oder Theologen zusammen zu sein. Die gemeinsame Erfahrung hat uns natürlich in der gegebenen Situation eng unmittelbar verbunden. Diese Erfahrung hat mich oekumenisch ganz bedeutsam geprägt. Das war eine Erfahrung, die ich vielleicht in langen Jahren nachher nicht hätte aufholen können. Hier wurde sie mir so überraschend geschenkt. Wir haben uns immer sehr gut verstanden. Ja und dann schließlich eine letzte Erfahrung, vielleicht die wichtigste: Einige Male war natürlich die existentielle Situation so, dass ich jeden Augenblick glaubte, „jetzt ist‘s aus.“ In diesen Situationen nun, in denen ich dem Tod ins Antlitz schauen musste, habe ich die Erfahrung gemacht, dass man plötzlich ganz ruhig wird, dass die Angst schwindet, dass es eine Gelassenheit gibt, eine Geborgenheit und eine innere Ruhe, die einem geschenkt wird. Einmal muss das einer meiner Kameraden gespürt haben. Es war im Bombenkrieg; da fragte er am nächsten Morgen: „Ich saß neben dir. Du warst so ruhig. Was war das mit dir?“ Dann habe ich ihm einfach gesagt: „Wir sind in Gottes Hand. Falle ich, so falle ich in Gottes Hand, und da halte ich mich darin und dann werde ich ganz ruhig.“ Diese Erfahrung kann man natürlich nur im Krieg machen, vielleicht auch sonst einmal in außerordentlichen Situationen. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Die letzte Erfahrung war die Kriegsgefangenschaft. Als ich am Ende des Krieges gefangengenommen wurde, wurde mir ebenso wie den andern alles abgenommen – bis zum Füllfederhalter und bis zur Uhr. Und so hab ich nichts mehr gehabt. Um mich herum hörte ich die Kameraden fluchen und schimpfen. Ich habe an Franz von Assissi gedacht, „so jetzt kann ich sagen: Vater unser im Himmel, jetzt hab ich nichts anderes“ – und ich war wiederum gelassen und froh. Auch diese Erfahrung der absoluten Armut habe ich gemacht, wenn man nicht weiß, was vor einem steht, wenn man nichts hat – nur Hunger und Durst und die Sehnsucht nach Freiheit verspürt. Der Durst war damals in diesen Sommertagen 1945 viel schlimmer, quälender als der Hunger. Das war das einzige, was wir hatten, Hunger und Durst und – Gottvertrauen. Daran denke ich immer noch. Darum sprechen mich die Worte der Schrift vom „Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit“ oder die Schlussworte der Offenbarung, „wen dürstet der komme und trinke umsonst“ so an. Aus dieser existentiellen Erfahrung lebt mein Glaube und lebe ich. Ich weiß: Hungern und Dürsten ist schon Erfüllung; und das gibt mir eine unbedingte, unbeirrbare Zuversicht. Insofern sind die Kriegsjahre und die Erfahrungen der Gefangenschaft ein Erfahrungskapital, das mir erst nach dem Krieg als ein großes Geschenk bewusst geworden ist, was während des Krieges nur Last gewesen war.

Wo waren Sie in Gefangenschaft?

Den Schluss des Krieges erlebte ich in Husum. Ich kam in Schleswig-Holstein, in Flensburg in Gefangenschaft. Ich war bei einer kleinen Dienststelle und wurde in ein Lager am KaiserWilhelm-Kanal gebracht.

Bei den Amerikanern?

Nein – bei den Engländern. Die Engländer übergaben uns dann den Amerikanern und die wollten uns in Würzburg den Franzosen übergeben. Wir sollten nach Frankreich kommen  – und da bin ich aus dem Gefangenenlager geflüchtet – und heimgekommen.

Und Sie sind nicht erwischt worden?

Nein, ich bin an einem amerikanischen Posten vorbei einfach aus dem Lager heraus. Der hat einen Roman gelesen. Ich hatte ihn beobachtet und bin so etwa zehn mal an ihm vorbei auf-und abgegangen; dann ging ich mit einem Freund ganz langsam an ihm vorbei aus dem Lager heraus. Der Posten saß auf einem Stuhl. Das Gewehr hatte er hinten auf der Lehne hängen. Und so kam ich in die Freiheit. Aber nachträglich läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich jetzt daran denke, was das für ein Risiko war (S. 138 ff.).

Sie waren Subregens, als Sie zum Bischof ernannt wurden. Was hat Sie bewogen diese Berufung ohne Zögern anzunehmen?

Ohne Zögern kann ich nicht sagen. Ich habe zunächst überhaupt nicht mit sowas gerechnet. Da sagte eines Tages der Regens zu mir, „Du, man redet auch von dir“. Dann habe ich gesagt: „Das ist ganz einfach, das braucht man nicht annehmen.“ Das wusste ich aus der Lektüre der Kirchenväter. Würden darf man ablehnen, und so hatte ich das bisher gesehen. Außerdem wusste ich von Bischof Freundorfer, der viel in Dillingen war und uns viel erzählte, wie schwierig das Bischofs­amt ist, und was er gelitten hat. Das wusste ich. Auch dies hatte mich beeindruckt. Also antwortete ich dem Regens damals: „Das lehne ich einfach ab, das braucht man ja nicht annehmen.“ Und so hab ich kreuzfidel weitergemacht bis ich plötzlich merkte, dass ich nicht mehr den gewohnten Frieden hatte; ich konnte mir das nicht erklären. Irgend etwas war anders. Gerade damals kam unsere jährliche Wallfahrt nach Violau. Wir hielten den Gottesdienst wie immer und knieten dort. Da ging es mir wiederum auf, plötzlich, wie eine Erleuchtung: „Du bist auf der Flucht. Du hast ein Nein gesagt.“ Das hat mich voll getroffen. Und ich weiß noch wie heute, ich ging nachmittags nochmal in die Kirche und habe gebetet: „Mutter Gottes du weißt, ich will das Amt nicht. Ich will dem Bischof der treueste Diener sein, aber schau, dass es ein anderer wird.“ Von da an war ich wieder ruhig; und ich weiß noch, ich war wieder gelassen. Am 17. August bekam ich einen Brief des Apostolischen Nuntius des Inhalts: „Der Heilige Vater hat Sie für den Bischofsstuhl, der durch den Tod von Bischof Freundorfer verwaist ist, als Nachfolger des Verstorbenen designiert. Ich bitte Sie sehr, betrachten Sie diesen Ruf als Willen Gottes und sagen Sie Ihr Ja. In der Erwartung …“. Natürlich war ich zuerst erschlagen; aber durch die ganze Erfahrung vorher war für mich irgend etwas schon vorentschieden in der Grundhaltung. Ich habe nur noch dieses Wort gehört „Wille Gottes“ und dann „in Gottes Namen“ meine Zustimmung gegeben. Ich weiß nicht, wie es gelaufen wäre ohne diese innere Erfahrung. Aber diese innere Erfahrung und Grundentscheidung – man kann gegen den Willen Gottes nicht angehen – hat mich schließlich bewogen, in diesem Sinn klar vor Gott zu stehen und in aller Demut am ersten Tag nach der Ernennung beim Empfang in Dillingen zu bekennen: „Wer in Gott steht und das Kreuz liebt, der muss froh sein.“ Das ist meine Grundhaltung bis heute. Ich habe gerade jetzt gelesen: Der Heilige Vater hat den neuen Bischöfen, die er am 6. Januar geweiht hat, drei Worte gesagt: Sie sollen Christus darbieten das Gold der Liebe, den Weihrauch des Gebetes und die Myrrhen der Leiden: diese drei Dinge – damit kann man leben (S. 144 ff.).

Zum Kommunionempfang für wieder verheiratete Geschiedene äußerte sich der Bischof:

„… den ich von Anfang auch auf der Bischofskonferenz vorgetragen habe: Die Teilnahme an der Eucharistie ohne eine tiefe im Frieden mit Gott und mit Christus fundierte Einheit zu haben und ohne in den Gehorsam Christi einzugehen oder eingehen zu können, kann zur Selbsttäuschung führen, kann dazu führen, dass Gläubige sich über ihre eigene Situation hinwegtäuschen. Das ist eine Gefahr; auf die habe ich auch unsere Priester oft hingewiesen. Es geht im Letzten darum, dass die Gläubigen gut ans andere Ufer kommen; und das kann man nur dadurch erreichen, dass sie auch unterwegs sich möglichst bemühen, im Einklang mit dem heiligen Willen Gottes zu stehen. Das ist das Entscheidende. Und solange sie das in ihrer Ehesituation nicht können, bezeugen sie durch ihr Fernbleiben vom Tisch des Herrn in der Eucharistie die Heiligkeit Gottes und gehen so auf ihre Weise in den Gehorsam Christi ein. Es ist eine negative Weise, aber es ist doch ein positives Zeugnis für die Heiligkeit Gottes und der Ehe; sie werden so Christus ähnlich in einer Demutshaltung und in einer Gehorsamshaltung, die sicher von Gott auf die Dauer gesegnet wird. Jedenfalls weiß ich aus Erfahrung, wenn ich solchen Leuten dies dargelegt habe, gingen sie erleichtert und innerlich befreit hinweg …“ (S. 45).

Siegfried Kerscher

Bild (c): Bistum Augsburg

 

 

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