Klartext

Der Historiker Michael Wolffsohn, der bis zur Emeritierung Professor an der Bundeswehrhochschule in München war, gehört zu den Publizisten, die Klartext sprechen. Das zeigt sich wieder in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 8.10.2016, in dem er zu „heißen“ Themen Stellung bezieht. Wir greifen aus diesem Interview einige Fragen auf, in denen sich Wolffsohn über „Krieg und Frieden“, über die politische Radikalisierung in Deutschland und über die Konfliktpotentiale und deren Überwindung äußert. Seine Meinung zur Organisation von größeren Staatengebilden, ist auch für die Europäische Union nach dem Brexit von besonderem Interesse.

Der Interviewer Benjamin Brumm fragt Wolffsohn:

Die Friedensnobelpreisverleihung fällt in eine Zeit, die viele Menschen als immer unfriedlicher erleben. Leben wir in historisch-ungewöhnlichen Zeiten?

Dazu Michael Wolffsohn:

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten erkennt man auch in Deutschland, dass Krieg und Terror auch uns treffen können. Woanders ist das leider so etwas wie die Regel. Viele von uns lebten in einer Wunschtraum-Welt.     

Benjamin Brumm:

Was bedeuten die Begriffe Krieg und Frieden aus der Sicht des Historikers?

Michael Wolffsohn:

Krieg heißt Massentod, und der Tod ist bekanntlich endgültig. Zwar muss jeder irgendwann sterben, aber eigentlich darf sich kein Mensch zum Herrn über Leben und Tod eines anderen Menschen aufschwingen. Nicht nur aus religiösen Gründen. Nicht–Krieg ist noch lange kein Frieden. Das Gleichnis schlechthin für Frieden ist das Paradies. Doch die Bibel ist ehrlich genug und sagt uns: Wir sind aus dem Paradies vertrieben. Endgültig. Die Bandbreite zwischen Krieg und Paradies ist riesig und Nicht-Krieg ist ein Riesenfortschritt.

Benjamin Brumm:

Viele Konflikte schwelen seit Jahren. … Ist der Wille zur Versöhnung abhandengekommen?

Michael Wolffsohn:

Wo war wann dieser Wille je in der Weltgeschichte wirklich vorhanden? Die Frage ist nicht nur an die Politik zu richten, sondern an den Menschen allgemein.

Benjamin Brumm:

In vielen Ländern findet eine Radikalisierung an politischen Rändern statt, ist das auch für Deutschland eine Gefahr?

Michael Wolffsohn:

Ausgehend von der weltgeschichtlichen Wende 1945 ist die Zunahme der Extremismen – das Wort ist besser als Radikalisierung – nur bei uns und in Westeuropa ein neues Phänomen. Wer radikal denkt, geht an die Wurzel des Problems. Deshalb lieber Extremismus. Jeder Extremismus ist eine Gefahr, natürlich auch in Deutschland.

Benjamin Brumm:

Viele zählen auch die Afd als eine Gefahr für den inneren Frieden…

Michael Wolffsohn:

Auch, aber eben nicht nur, wie es manche behaupten. Auch die Afd muss differenziert betrachtet werden. Da gibt es dumpfen, ungefährlichen Protest, ebenso wie gefährliche Extremisten. Hinschauen tut Not. Die Afd ist eine von vielen Reaktionen auf den fundamentalen Wandel der Deutschen und westeuropäischen Gesellschaft. Wenn dieser Wandel friedlich gelingt, verschwindet dieser Extremismus.

Benjamin Brumm:

Wo liegen die größten Konfliktpotentiale der Zukunft?

Michael Wolffsohn:

In der Unfähigkeit und Unwilligkeit von Wissenschaft, Medien und Politik, die künstliche Staatenordnung der Gegenwart, umzudenken und föderativ umzuformen. In meinem Buch „Zum Weltfrieden“ habe ich das ausführlich dargestellt. Der Umbau der Staatenwelt in Bundesstaaten oder Staatenbünde würde vor allem außerhalb Europas die lebenswichtige Wasser- u. Rohstoffverteilung friedlich regeln.

Benjamin Brumm:

Sie halten traditionelle Staatengebilde für ein Konstrukt der Vergangenheit und eine Gefahr für den Frieden. Warum?

Michael Wolffsohn:

Ja, ich erinnere an die föderativen Strukturen. Frieden durch Föderalismus, das ist der Weg zum Nicht-Krieg.

Benjamin Brumm:

Welche Gefahren verkennen wir?

Michael Wolffsohn:

Die der Denkfaulheit und des wahnhaft berauschten Mitläufertums aufgeputschter manipulierter Massen.

Hubert Gindert

 

       

Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*