Wilhelm Engel: „Ich glaube nicht an den Endsieg.“

Wer Geschichte nicht kennt, lässt sich von Pseudohistorikern und Ideologen leicht vorgaukeln, alle Deutschen wären begeisterte Nationalsozialisten gewesen. In Wahrheit war jedoch eher das Gegenteil der Fall. In den revolutionären Unruhen nach dem 1. Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 kämpften beispielsweise die christlichen Gewerkschafter an der Seite vieler Priester für die christliche Soziallehre und gleichzeitig gegen kommunistische und nationalsozialistische Unterdrückung. Bei den bürgerkriegsähnlichen Wahlkämpfen gerieten die Christlichen Metaller und Zentrumsanhänger immer wieder zwischen die Fronten. Ein Beispiel hierfür ist das Leben des christlichen Gewerkschafts-Sekretärs Wilhelm Engel aus Bochum. Er wurde 1881 in Overath (Rheinisch-Bergischer Kreis) geboren. Nach der Volksschule wurde er Maschinenschlosser, Gewerkschaftssekretär und schließlich Parteisekretär des katholischen Zentrums. In diesen Funktionen kämpfte er unentwegt gegen eine sozialistische und nationalsozialistische Übermacht. Nach der Gleichschaltung der Gewerkschaften und der politischen Parteien war Wilhelm Engel zunächst arbeitslos. Die politischen und religiösen Freundeskreise der aufgelösten Parteien existierten unter der Decke jedoch weiter. Durch eine Verbindung aus dieser Zeit fand Wilhelm Engel eine Arbeit als Bote bei einer Kirchensteuerstelle. In seiner von Franziskanern geleiteten Pfarrgemeinde schloss er sich der Vinzenzkonferenz an. Das war ein karitativer Hilfsverein von Ehrenamtlichen. Da soziale Hilfen das Vorrecht des nationalsozialistischen Winterhilfswerkes waren, bewegten sich die Vinzenzbrüder auf einem schwierigen Gebiet. Bespitzelung und Verhöre durch die Gestapo waren die Folge. Franziskanerpater Romanus, der die Vinzenzbrüder betreut hatte, wurde schon 1937 verhaftet. Als am 21.7.1941 ein Aufgebot von 20 Gestapo-Beamten erschien, um das Kloster überfallartig aufzulösen, starb Pater Romanus an einem Herzinfarkt. Eine Woche später durften zwar zwei Franziskaner zurückkehren. Sie durften aber nur von einer privaten Wohnung aus die Kirchengemeinde leiten. Ihr ehemaliges Kloster durften sie nicht mehr betreten. Die Gestapo schleuste inzwischen einen Spitzel in die Vinzenzgruppe ein, der die Gespräche der einzelnen Mitglieder der Gestapo verriet. Am 6.7.1944 verhaftete die Gestapo acht Mitglieder des Vinzenzvereins sowie die beiden Franziskanerpatres. Die Anklage beim Volksgerichtshof in Berlin lautete: Zweifel am Endsieg, was die Wehrkraft zersetze. Die Anklageschrift stellte fest: „Sämtliche Angeschuldigte sind strenggläubige Katholiken. Sie fühlen sich an die Kirche so stark gebunden, dass demgegenüber alle Interessen gegen Volk und Staat kompromisslos zurücktreten.“ Damit war die grundsätzliche Gegnerschaft zugegeben. Schon Zweifel am Endsieg, die Wilhelm Engel äußerte, galten damals als todeswürdiges Verbrechen. Wie hätten die Leute offenen Widerstand leisten sollen? Wilhelm Engel kehrte nicht mehr lebend aus dem Gefängnis zurück. Die Umstände seines Todes in den letzten Kriegstagen wurden nicht zweifelsfrei geklärt. Ist er verhungert oder durch einen Gnadenschuss erlöst worden? Verrat durch Gestapo-Spitzel und Hinrichtungen gab es flächendeckend in ganz Deutschland. Staaten, in denen unvorsichtige Äußerungen zur Verhaftung führen, gibt es auch heute auf unserer Erde.

Eduard Werner

Foto: Clemens Kreuzer in Maryrologium „Zeugen für Christus“

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *