Das Credo von der Selbsterlösung

Am 10. September hat Papst Franziskus zu den Menschen auf dem Petersplatz über die „Wahre Freiheit“ und über neue Formen der Versklavung gesprochen. Franziskus: „Im Namen einer falschen Freiheit bleibt der heutig Mensch Gefangener neuer Versklavungen. Er weist das Geschenk der Erlösung, das von Gott kommt, zurück. Das Wort Erlösung“, so der Papst, „wird wenig gebraucht. Trotzdem ist es fundamental, weil es die radikalste Befreiung aussagt, die Gott für uns, für die ganze Menschheit und Schöpfung, geben konnte. Es scheint, dass der heutige Mensch ungern denkt, dass er durch das Eingreifen Gottes befreit und gerettet wurde. In der Tat gibt sich der heutige Mensch der Illusion von einer eigenen Freiheit hin, als einer Kraft, mit der er alles erreichen kann. Er rühmt sich dessen. In Wahrheit ist es aber nicht so. Wie viele Phantastereien werden unter dem Vorwand von Freiheit angeboten und wie viele neue Versklavungen werden in unseren Tagen im Namen einer falschen Freiheit geschaffen?“ (OR, 16.9.2016, Nr. 37, spanische Ausgabe)
Die Versuchung des heutigen Menschen hat auch Papst Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ thematisiert. Papst Benedikt schreibt: „Der Kern aller Versuchung ist das Beiseiteschieben Gottes, der neben allem vordringlicher Erscheinenden unseres Lebens als zweitrangig, wenn nicht überflüssig und störend empfunden wird.“ Die eigentliche und schwerste Versuchung, die den Menschen bedroht, besteht für Benedikt darin, „die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, auf das Eigene zu bauen, nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeiten anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, S. 57)
Befreiung ist das Zauberwort. Selbsterlösung statt Erlösung durch den Schöpfergott, heißt die Devise. Wissenschaft und technologischer Fortschritt sind die neuen Sterne am Firmament. Selbsterlösung meint zuerst die Befreiung von den biologischen Zwängen. Gemeint ist die Festlegung des naturgegebenen Geschlechts durch die Geschlechtsumwandlung. Die Genderideologie wendet sich gegen die „Diktatur der Geschlechterfestlegung“. Als biologische Zwänge werden auch Ehe, Familie und Mutterschaft angesprochen. Davon wollte uns bereits die 68er Kulturrevolution befreien. Der selbsterlöste Narzisst, der fasziniert von der Leistung der Gentechnologie ist, sieht nicht mehr in jedem neugeborenen Kind ein Wunder der Natur. Er will ein Kind mit Katalogeigenschaften, das ihm Gentechniker zur Verfügung stellen können. Und, weil der Embryo in einem menschlichen Mutterleib ausgetragen werden muss, braucht man zur eigenen Befreiung eine Leihmutter aus Indien oder Lateinamerika. Selbstverständlich gehört zum Instrumentarium der Befreiung auch die Abtreibung als Möglichkeit der Familienplanung.
Papst Franziskus spricht von neuen Formen der Versklavung. Man kann sie mühelos bei der o.a. biologischen Befreiung finden: Die Frau, die abtreibt, weil sie evtl. von ihrer Umgebung dazu gezwungen wird, hat, selbst, „wenn sie sich befreit“ fühlt, vorher ihr Gewissen vergewaltigt. Sie trägt in einem hohen Maße einen psychischen Schaden davon, der tabuisiert wird. Die Leihmutter, die ihren Uterus vermietet, wird mit Geld versklavt. Das Kind, das ein „Kunstprodukt“ von einem anonymen Samenspender und einer Eizellenspenderin ist, wird vielleicht seine wahre Identität nicht erfahren. Die Menschen, die von Ehe und Familie emanzipiert sind, haben Wärme und Geborgenheit evtl. für Isolation und Einsamkeit eingetauscht.
Die neuen medizinischen Erkenntnisse haben großartige Fortschritte für den Menschen gebracht. Viele Krankheiten konnten geheilt oder erträglicher werden. Die Lebenserwartung ist angestiegen. Aber die große Befreiung hat die medizinische Wissenschaft trotzdem nicht gebracht, weil neue Krankheiten, insbesondere psychischer Art hinzugekommen sind und der Tod, zwar hinausgeschoben, aber nicht beseitigt ist. Weder die Fitnessbewegung noch die wissenschaftlich ausgeklügelte Ernährung kann ein „gesund Sterben“ erreichen. Und die gesetzlich erreichte Beihilfe zur Selbsttötung ist in Wahrheit keine Befreiung, sondern eher das Eingeständnis, dass die eigene Kraft nicht ausreicht, der Realität ins Auge zu schauen.
Wir feiern unsere neuen technologischen Errungenschaften in den Kommunikationstechniken z.B. im Fernsehen, im Computer und in der Fabrikation der Handys. Sie stellen Arbeitshilfsmittel mit bisher unvorstellbarer Effizienz dar. Sie verbinden weit entfernte Räume, eröffnen neue Kommunikationsmöglichkeiten, bringen Menschen in verschiedenen Kontinenten auf Hör- und Sehweite zusammen. Die Faszination darüber kann nicht darüber hinwegsehen, dass Menschen in der Arbeitswelt zunehmend einer ständigen Verfügbarkeit unterworfen werden. Jugendliche unterliegen einer mehrere Stunden des Tages umfassenden Faszination am Computer. Väter vernachlässigen ihre Familien, weil sie den Abend im Internet verbringen. Kinder werden in ihre Zimmer abgeschoben, wo sie alle Fernsehprogramme unbeaufsichtigt in sich hineinziehen und ihre Phantasiewelten aufbauen. Insgesamt haben die neuen Kommunikationstechniken das Gespräch zwischen den Menschen kaum belebt, eher zum Verstummen gebracht.
Papst Franziskus sagt, das Wort „Erlösung“ ist fundamental, weil es die radikalste Befreiung ansagt, die Gott uns geben konnte. Auf die Frage, was hat uns die Kirche gebracht?, hat Papst Benedikt XVI. geantwortet: „Jesus Christus“, nämlich als Erlöser. Benedikt stellt aber die Frage: „Wollen die Menschen noch erlöst werden?“ Die radikalste Befreiung, ist die von der Sünde, weil sie den Boden legt für einen Neuanfang. Der Mensch, der sich selber als Schöpfer sieht, hat kein Sündenbewusstsein mehr, so dass ihm das Wort des Auferstandenen an die Jünger, „wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen“ (Joh. 20,23), nicht viel besagt. Das Wort Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,18-20), heißt dass Jesus unseren Weg mitgeht in guten und in bösen Tagen. Das gibt jene Geborgenheit, die die Welt nicht geben kann. Sie nimmt der Angst und dem Schmerz das erdrückende Gewicht. Jesu Wort hebt die Probleme nicht auf. Aber es gibt eine Perspektive. Das macht den Unterschied zu den scheinbar Mächtigen dieser Welt aus. Die radikale Befreiung liegt darin, dass Gott nicht nur vor dem Versinken in das Nichts bewahrt, sondern zum Leben mit Gott befreit.

Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Das Credo von der Selbsterlösung

  1. Herbert Klupp sagt:

    Ein wunderbarer Artikel. Eine große Freude, solche Worte von unserem Papst zu hören ( bzw zu lesen ). Vielen Dank dafür ! Diese Ausführungen lassen sich auch für die Protestanten „verlängern“ ( und für Luther ): eben WEIL Gott uns in Jesus Christus erlöst hat, befreit hat von dem Bösen, und den Menschen als Kind Gottes wiederhergestellt hat in seiner ursprünglichen Berufung, Krone der Schöpfung zu sein ( was durch Sünde, Egoismus, Verführung, usw verspielt worden war ) EBEN DESHALB muß der Mensch nicht mehr protestieren, weder gegen Gott ( wie Atheisten und andere ) noch gegen die Kirche ( wie Protestanten und andere ). Unser Heiland hat uns, durch und mit und in der katholischen Kirche zum Ewigen Heil geführt. Und diese Tatsache strahlt wunderbar heilend zurück ins diesseitige Leben. Protestieren darf ( und soll ) man gegen alle Ungerechtigkeit, Willkür, Abtreibungen, Morde, Kriege und dergleichen. Aber gegen Gott, Christus und die Kirche zu protestieren ist ein NÄRRISCHER IRRWEG. Nochmals Dank dem Papst ( und dem Forum hier ) für die obigen Ausführungen. Ich bete dafür, daß im kommenden Jahr 2017 NUR solche Reden des Papstes erklingen werden ( und nicht mehr diese anderen mißverständlichen unklaren Äußerungen wie leider in diesem Jahr 2016 ) !

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