Reformer und Wegbereiter in der Kirche – Severin von Noricum

Die Zeit des heiligen Severin von Noricum war eine Epoche des Umbruchs und des Übergangs in eine neue Ära Europas. Sie zeigt Parallelen zu unserer Zeit.
Im Jahr 476 wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus vom germanischen Söldnerführer Odoaker abgesetzt. In den vorausgegangenen Jahrzehnten wurde das weströmische Imperium von den germanischen Invasoren überschwemmt. Die Mission, die die Römer außerhalb Italiens noch hatten, bestand darin, die Barbaren noch ein wenig mit der lateinischen Kultur, dem römischen Recht, der verwaltungsmäßigen Ordnung und Infrastruktur vertraut zu machen.
Wenn sich die alte politische Ordnung auflöst und sich das Chaos ausbreitet, besteht die Gefahr, dass die Macht des Stärkeren triumphiert, Minderheiten unterdrückt werden, und das Gemeinwohl aus dem Blick gerät, weil jeder nur mehr seine eigene Haut retten will. Das war die Situation, als Severin um 460 n. Chr. nach Noricum kam. Severin wurde zum Hoffnungsträger.
Die römische Provinz Noricum reichte vom Wienerwald und von der Donau bis zur Drau. Severin hatte ursprünglich die militärische Laufbahn eingeschlagen, war dann aber Mönch geworden und hatte einige Jahre als Einsiedler gelebt. Als er nach Noricum kam, war das Gebiet bereits christianisiert. Severin fand ein voll entwickeltes religiöses Leben und eine intakte kirchliche Organisation vor. Nun befand sich alles in Gefahr. Nördlich der Donau standen die germanischen Rugier, die in die römische Provinz Noricum hineindrückten. Die Rugier waren, wie alle Germanenstämme außer den Franken, arianische Christen, die die katholische Bevölkerung der römischen Provinz unterdrückten und ausbeuteten. In dieser Situation war Severin der „gottgesandte Helfer“. Er sah die materielle und geistliche Not seiner Landsleute und hatte auch ohne Militärmacht den Mut, bei den Germanenfürsten religiöse Toleranz und Glaubensfrieden einzufordern. Severin konnte zwischen Katholiken und Arianern den Glaubensfrieden herstellen. Zur Linderung der materiellen Not baute er ein Netz von Hilfseinrichtungen auf, das er durch den „Zehnten“ finanzierte, den er von den Vermögenden in den Städten und Kastellen mit Nachdruck einforderte. Was Severin tat, formulierte Papst Pius XII. so: „Politik kann eine der höchsten Formen der Caritas sein“. Severin, der sich nach dem Leben als Mönch sehnte und sich auch immer wieder in das von ihm gegründete Kloster Tavianis (Mautern) bei Krems zurückzog, ließ sich von den „Wirklichkeiten des Lebens“ immer wieder in den Dienst in und an der Welt rufen. Den Glauben beim einfachen Volk zu erwecken und wach zu halten, war ihm, angesichts der religiösen Wirren seiner Zeit, ein besonderes Anliegen. Er praktizierte das, was Benedikt XVI. ca 1500 Jahre später sagte: „Man muss den Glauben der einfachen Leute schützen.“ Der kraftvollen Persönlichkeit Severins konnte sich auch der Rugierkönig nicht entziehen und zog Severin in der Auseinandersetzung mit den Goten zu Rate. Der Mönch war politische Autorität und geistliches Oberhaupt der Provinz geworden. „Selbst die Bischöfe zollten seinem Wort die gebührende Achtung.“ Vor allem war Severin der anerkannte Repräsentant der Romanen. Als die Bedrohungen durch die Alemannen einsetzten, organisierte Severin den geordneten Rückzug der katholischen romanischen Bevölkerung in das Gebiet von Laureacum (Lorch an der Enz) und später nach Mautern, wo er am 8. Januar 482 starb. Severin konnte zwar die frühere Ordnung nicht mehr wieder herstellen, aber er konnte den geordneten Übergang gestalten.

Gerhard Stumpf

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