Hüte dich davor, dich zur Schau zu stellen! Die Versuchung der Selbstdarstellung

Mit dem 1. März beginnt in diesem Jahr 2017 die Vorbereitungszeit auf das Osterfest, gemeinhin auch „Fastenzeit“ genannt.
So ist gerade in dieser Zeit ein Wort des Herrn aus der Bergpredigt sehr aktuell. Es heißt in Mt 6,16-18: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.“
Liest man diesen Text im Kontext zu Mt 6,1, wo es heißt: „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten“, so wird sehr deutlich, dass dem Herrn wohl jede Selbstdarstellung von Menschen zuwider ist, und zwar deswegen, weil Selbstdarstellungen immer wieder vom Wesentlichen abbringen, nämlich der Liebe zu Gott und so zum Grund unseres ganzen christlichen Lebens. So ist es, wenn man das Fasten zur Schau stellt, aber es gibt auch viele andere Versuchungen der Selbstdarstellung, gerade auch bei sehr engagierten Christen. Und wenn die Fastenzeit eine Zeit ist, in der wir uns besonders auf unser christliches Leben besinnen sollten, so bietet sich auch an, sich zu fragen: „Wie weit neige ich zur Selbstdarstellung und was kann ich dagegen tun?“
Zum anderen gibt es aber eine Versuchung zur Selbstdarstellung, die auch darin begründet sein kann, dass ich als Christ ja auch völlig zu Recht zeigen soll, dass mir Christus am Herzen liegt, und ich soll es mit meiner ganzen Persönlichkeit zeigen – deshalb sind die Ehrfurchtsgesten und Gebetshaltungen etwa in der Eucharistiefeier so wichtig. Gleichzeitig verleiten sie aber auch zur Selbstdarstellung: „Seht einmal, wie fromm ich bin!“ Auch kann die Leitung einer liturgischen Feier zu einer Selbstdarstellung führen, die gefährlich ist, weil sie vom Wesentlichen ablenken kann. Denn in der Liturgie ist ja Christus der Handelnde. So ist es die Aufgabe des Zelebranten, sich einerseits zurücknehmen und dennoch das Große und Gute der liturgischen Feier als Begegnung des Menschen mit dem großen Gott erscheinen zu lassen. Liturgie, und ganz besonders die Eucharistie als Ort, wo Himmel und Erde zusammenkommen. Für mich ganz persönlich ist hier Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., ein ganz hervorragendes Beispiel. Nie war und ist er theatralisch, und dennoch wurde und wird bei den Feiern, denen er vorsteht, das Mysterium der Eucharistie erkennbar, weil er sich ganz zurücknimmt, um Gott umso mehr aufleuchten zu lassen.
Für mich als Ständiger Diakon ist es eine Hilfe, dass ich in den meisten liturgischen Feiern in der zweiten Reihe bin, dass ich assistiere, Diener bin. Auch das macht mir immer wieder neu bewusst, dass in anderen liturgischen Feiern, die ich leite, nicht ich der Große bin, sondern Gott es ist. Hilfreich ist für mich auch das Beten in der Gemeinschaft – wenn ich mich bei der Laudes, der Vesper, einem Rosenkranz in die Gemeinschaft der Beter einreihe.
Im Mittelpunkt steht nicht der Mensch, sondern Gott, den in der Messe der Priester nachahmen soll, entsprechend dem, wozu er beauftragt ist. „Ahme nach, was du vollziehst“, heißt es in der Liturgie der Priesterweihe bei der Übergabe der Hostienschale und des Kelches – also stelle Dich in den Dienst des Herrn. Und ich denke, das gilt für jeden von uns auf seine Weise, dass wir uns bei allem, was wir tun, in den Dienst des Herrn stellen und ihn aufleuchten lassen und nicht uns selber. Dies gibt nicht nur dem kirchliche Amt, sondern auch dem christlichen Leben überhaupt eine Perspektive jenseits der Frage nach Macht und Karriere. Macht kommt allein Gott zu, und alle Christen – vom Bischof bis zum einfachen Gläubigen – stehen in Seinem Dienst. Insofern ist es auch gar nicht angebracht, sich um ein Amt zu reißen, um Karriere zu machen; ich denke, das spielt bei den Diskussionen um die Zulassung zu den Ämtern – Frauenpriestertum, Abschaffung des Zölibats – auch immer wieder eine Rolle. Und vielleicht flammt diese Diskussion nicht zuletzt auch deswegen immer wieder auf, weil es immer wieder die Erfahrung mit Selbstdarstellern in der Kirche gibt. Würde die Kirche noch mehr als Ort wahrgenommen, wo Menschen sich in den Dienst Gottes stellen und es eben nicht um Macht geht, wären die oben genannten Reizthemen vielleicht weniger interessant und die Kirche könnte noch besser ihre Kernaussage verkündigen: „Du wirst Dein Lebensziel erlangen, wenn Du dich in den Dienst Gottes stellst.“ Und nicht zuletzt auch deshalb ist es eine gute Aufgabe für die Fastenzeit, sich mit dem Thema Selbstdarstellung auseinanderzusetzen.

Raymund Fobes

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