Reformer und Wegbereiter in der Kirche: Benedikt von Nursia

Benedikt von Nursia wird Vater des christlichen Abendlandes genannt. Was ist das „christliche Abendland“, wird heute gerne etwas spöttisch zurückgefragt. Im Land der getauften Heiden kann man mit dem christlichen Abendland nicht mehr viel anfangen. Es wird eher abgelehnt, weil man nicht mehr weiß, dass der tragende Boden auf dem wir stehen, von Männern wie Benedikt bereitet worden ist. Benedikt lebte in einer Zeit, die der unseren nicht so unähnlich war. Als er um 480 in Nursia (Norcia) geboren wurde, lag das weströmische Reich seit vier Jahren in Trümmern darnieder. Die Barbaren strömten in das Land. Auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches führten die germanischen Invasoren Kriege gegeneinander. Was die Römer einmal an Rechtsordnung, Kultur und Infrastruktur geschaffen hatten, löste sich auf. Rom galt noch als Sitz der Gelehrsamkeit. Die vermögenden und vorausschauenden Eltern schickten Benedikt zum Studium nach Rom, wo sich die Dekadenz ausbreitete. Der moralische Niedergang erfasste auch das studentische Leben und machte vor dem Stadtklerus nicht halt. Der junge Benedikt beherzigte den Rat des heiligen Paulinus von Nola (gest. 431): „Man muss Rom fliehen, wenn man nicht auf das Reich Christi verzichten will.“ Nach dem Weggang von Rom verbrachte Benedikt eine kurze Zeit in einer Asketen-Gemeinschaft bei Enfriede (Affile). Danach ging er in die Einsamkeit von Subiaco. Der Weg bis zur Endstation seines Lebens auf dem Monte Casino, wo er am 21. März 547 starb, war noch lang. Benedikt musste erst Stationen der Reifung, der persönlichen Erfahrung und des seelischen Wachstums durchlaufen, bevor er jene Regel entwerfen konnte, in der „Alles vom Geist der Tugend, des Maßes und der Unterscheidungsgabe (discretio) getragen ist“. Es ist diese ausgewogene „Regula benedictina“, die die monastischen Tugenden des Gebetes, des Gehorsams, der Arbeit und der Erholung zu einem „apostolischen Leben“ einüben lässt und die in der Lage ist, Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Herkunft zu einer Gemeinschaft der Liebe zu formen. Da der „Vater Abt“ gehalten ist, die menschliche Würde aller Mitglieder der Gemeinschaft zu respektieren, beispielsweise auch den Jüngsten der Ordensgemeinschaft vor Entscheidungen zu hören, ist diese Regel auch eine gute Grundlage für das Zusammenleben einer weltlichen Gesellschaft. Sie wird z.B. selbst wirtschaftlichen Unternehmen empfohlen.
Benedikt hielt seine Regeln nicht für absolut und allgemein gültig. Er empfahl sie für den Anfang. „Wer im Übrigen der Vollkommenheit des Menschenlebens zueilt, für den sind die Regeln der heiligen Väter da“ (Kap. 73). Es gab in Gallien um das Jahr 600 zwanzig Mönchsregeln (Mischregelobservanz). Dennoch setzte sich die des heiligen Benedikt durch. Ein Netz von Benediktinerklöstern durchzog ganz Europa und hat nach dem Untergang des Römischen Reiches nicht nur die Schätze der vergangenen Kultur vor dem Vergessen bewahrt. Die Benediktiner haben den Grund für die großartige mittelalterliche Kultur gelegt. Tatsächlich erstreckt sich der fruchtbare benediktinische Geist über einen Zeitraum von rund 1400 Jahren bis in unsere Zeit. Benedikt wird zurecht Vater des Abendlandes genannt.

Qu: B. Singer „Reformer der Kirche“, Mathias Grünewald-Verlag, Mainz.

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