Seelsorge im Dienst der Ehe unter dem Anspruch des Glaubens. Amoris laetitia in der Diskussion

Bedenkenswerte Hinweise von Bischof Huonder.
Das nachsynodale Schreiben zur Bischofssynode über die Ehe bezeichnet Papst Franziskus als „Exhortatio“. Es ist ein Aufruf, eine Ermunterung und eine Mahnung. Der heilige Vater ruft auf, sich auf das katholische Verständnis von der Ehe zu besinnen, die in der Erschaffung des Menschen grundgelegt ist und durch Jesus Christus zum heiligen Sakrament erhoben wurde. Das Wissen um den Ursprung der Ehe im Willen Gottes und um die Einbindung der Ehe in das Erlösungswerk Jesu Christi vermittelt eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Gott und eine wahre Freude über das Geschenk der Gnade. Die Antwort der Eheleute auf die Liebe und Güte Gottes wird ein Festhalten an der Treue zum Eheversprechen sein, an dem täglichen Leben mit Christus und seiner Kirche und an der Teilnahme an den Sakramenten. Insbesondere ist das Bußsakrament sehr hilfreich, durch das als Frucht der Reue die Befreiung von den Sünden erfolgt und im Vorsatz der Umkehr das Eheversprechen erneuert wird. Die Kirche verfügt über die „Apotheke“, die dem Menschen Kraft für den Alltag gibt und schließlich Glück und Frieden, den niemand sonst geben kann.
Nach einer gewissen Bedenkzeit wenden sich nun Bischöfe an die Gläubigen ihrer Diözesen. Während der ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz wohl eine Art Konsenspapier am 23. Januar 2017 in Würzburg als Wort der Deutschen Bischöfe verabschiedet hat, wendet sich der Bischof von Chur, Dr. Vitus Huonder, konkret an die Mitbrüder im priesterlichen Dienst. Er schreibt: „In der Diskussion rund um das Nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris Laetitia kam das achte Kapitel mit der Frage der zivil wiederverheirateten geschiedenen Personen ins Zentrum zu stehen. Aus diesem Grund gebe ich dazu in meiner Verantwortung als Bischof zu Händen der Seelsorger (Beichtväter) einige Hinweise.“ Im Folgenden zitiere ich die Passagen, die prägnant das seelsorgliche Anliegen von Amoris laetitia aufzeigen (bistum-chur.ch/bistumsleitung/die-heiligkeit-des-ehebandes-wort-zum-nachsynodalen-apostolischen-schreiben-amoris-laetitia/).
1.
Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes (die Bindung) sein. Aufgabe der Seelsorge ist es, den Menschen das Bewusstsein der Heiligkeit des Ehebandes zu vermitteln oder wieder zu vermitteln. Der Heilige Vater spricht von der ‚Seelsorge der Bindung‘ (AL 211; in der italienischen Sprache vincolo). Die offizielle deutsche Übersetzung von vincolo mit Bindung ist zu schwach. Deshalb spreche ich hier ausdrücklich vom Eheband.
2.
Das Eheband ist schon von der Schöpfung her heilig (Natur-Ehe), umso mehr von der Neuschöpfung her (Ordnung der Erlösung) durch die sakramental geschlossene Ehe (übernatürliche Ordnung). Die Bewusstseinsbildung bezüglich dieser Wahrheit ist ein dringender Auftrag in unserer Zeit (vgl. AL 300).
3.
Diese Bewusstseinsbildung ist umso notwendiger, als ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben kann, ‚gegenüber denen, die in ‘irregulären’ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Steine, die man auf das Leben von Menschen wirft‘ (AL 305). Das Eheband selber ist eine Gabe der Liebe, der Weisheit und der Barmherzigkeit Gottes, welche den Eheleuten Gnade und Hilfe verleiht. Deshalb muss der Rückbezug auf das Eheband beim Weg der Begleitung, der Unterscheidung und der Eingliederung an erster Stelle stehen.
4.
Erkennt ein Beichtvater bei einer Beichte eines unbekannten Pönitenten (bei einer ‚Gelegenheitsbeichte‘) Fragen bezüglich des Ehebandes, welche der Klärung bedürfen, wird er den Pönitenten bitten, sich einem Priester anzuvertrauen, welcher mit ihm einen längeren Weg der Umkehr und Eingliederung gehen kann, oder er wird sich mit ihm selber außerhalb der Beichte in Verbindung setzen.
5.
Bei der seelsorglichen Begleitung von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist zunächst zu prüfen, ob die Eheschließung (die ‚erste Ehe‘) gültig zustande kam, ob ein Eheband wirklich besteht. Diese Prüfung kann nicht der einzelne Priester vornehmen, schon gar nicht im Beichtstuhl. Der Beichtvater muss die betroffene Person an den Offizial des Bistums verweisen.
6.
Wie es auch immer um die Gültigkeit der Eheschließung steht, eine gescheiterte Verbindung muss in jedem Fall menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden. Das bedeutet, dass ein längerer, Geduld verlangender seelsorglicher Weg beschritten werden muss. ‚In diesem Prozess wird es hilfreich sein, durch Momente des Nachdenkens und der Reue eine Erforschung des Gewissens vorzunehmen. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten haben, seit ihre eheliche Verbindung in die Krise geriet; ob es Versöhnungsversuche gegeben hat; wie die Lage des verlassenen Partners ist; welche Folgen die neue Beziehung auf den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den jungen Menschen gibt, die sich auf die Ehe vorbereiten. Ein ernsthaftes Nachdenken kann das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verwehrt wird‘ (AL 300). ‚Die Hirten, die ihren Gläubigen das volle Ideal des Evangeliums und der Lehre der Kirche nahelegen, müssen ihnen auch helfen, die Logik des Mitgefühls mit den Schwachen anzunehmen und Verfolgungen oder allzu harte und ungeduldige Urteile zu vermeiden‘ (AL 308).
7.
Der Empfang der heiligen Kommunion der zivil wiederverheirateten Geschiedenen darf nicht dem subjektiven Entscheid überlassen werden. Man muss sich auf objektive Gegebenheiten stützen können (auf die Vorgaben der Kirche für den Empfang der heiligen Kommunion). Im Falle von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist die Achtung vor dem bestehenden Eheband ausschlaggebend.
8.
Wird bei einem Gespräch (bei einer Beichte) die Absolution eines zivil wiederverheirateten Geschiedenen erbeten, muss feststehen, dass diese Person bereit ist, die Vorgaben von Familiaris consortio 84 anzunehmen (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio vom 12. November 1981). Das heißt: Können die beiden Partner aus ernsthaften Gründen … der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen (vgl. AL 298), sind sie gehalten, wie Bruder und Schwester miteinander zu leben. Diese Regelung gilt nach wie vor schon deshalb, weil das neue Apostolische Schreiben Amoris Laetitia ausdrücklich keine ‚neue gesetzliche Regelung kanonischer Art‘ vorsieht (vgl. AL 300). Der Pönitent wird den festen Willen bezeugen müssen, in Achtung vor dem Eheband der ‚ersten‘ Ehe leben zu wollen.
9.
Halten wir bei der Vorbereitung und Begleitung der Traupaare, Eheleute und der Familien immer das Wort des heiligen Paulus vor Augen: ‚Dieses Geheimnis ist groß. Ich beziehe es auf Christus und die Kirche (Eph 5,32)‘ – Sacramentum hoc magnum est, ego autem dico in Christo et in Ecclesia.“
Amoris laetitia will aufzeigen, dass die Treue zum Eheversprechen dem Willen des dreifaltigen Gottes entspricht und der Verwirklichung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in der Familie dient. Wenn in der Familie nach dem katholischen Eheverständnis gelebt wird, findet die Würde aller Personen in der Familie ihren Schutz. „Der eheliche Bund, der in der Schöpfung grundgelegt und in der Heilsgeschichte offenbart wurde, erhält die volle Offenbarung seiner Bedeutung in Christus und in seiner Kirche. Ehe und Familie empfangen von Christus durch die Kirche die notwendige Gnade, um Gottes Liebe zu bezeugen und ein gemeinsames Leben zu leben“ (AL 63). Welches andere Ehe- und Familienverständnis kann damit konkurrieren?

Gerhard Stumpf

Bild: Forum Deutscher Katholiken

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