Dompfarrer Kraus im Widerstand

Eichstätt war ein Zentrum des Widerstandes gegen die NS-Diktatur. Dompfarrer Johannes Kraus war einer der Anführer dieses Widerstandes. Er war Ende 1918 als Leutnant aus dem 1. Weltkrieg zurückgekehrt. In der Heimat nahm er sofort das unterbrochene Studium wieder auf und wurde schon 1919 zum Priester geweiht. Nach priesterlichen Hilfstätigkeiten erhielt er 1925 die Dorfpfarrei Zell. Hier fand er auch Zeit, an der Reform des Diözesangebetbuches für die Diözese Eichstätt zu arbeiten. Schon 1934 wurden NSDAP-Parteigenossen und Polizei zur heimlichen Überwachung der Sonntagspredigten eingesetzt. Die Nationalsozialisten wussten also, wo ihre Gegner sind. Das blieb nicht lange verborgen. Daher ging Pfarrer Kraus eines Sonntags zu Beginn des Gottesdienstes in liturgischer Kleidung demonstrativ zum Polizisten in der letzten Bank und gab ihm ein Blatt Papier mit dem Predigttext und sagte: „Damit Sie nicht mitschreiben müssen, sondern gleich mitlesen können.“ Das war mutig und machte Eindruck. 1935 wurde Kraus Domkapitular und Dompfarrer in Eichstätt. Damals betrieb das nationalsozialistische Regime die Entfernung der klösterlichen Lehrkräfte aus den Schulen. Dompfarrer Kraus protestierte sofort entschieden gegen diesen Bruch des Konkordats und gegen die Verleumdung der Priester und Nonnen. Bald darauf machte er beim NSDAP-Bürgermeister Dr. Krauß seinen Antrittsbesuch. Dabei versuchte er, die Grenzlinien zwischen Partei und Kirche abzustecken, um zu einem erträglichen Verhältnis zu kommen. Doch die Nationalsozialisten hielten sich nicht an ihre Zusicherung zur Zurückhaltung gegenüber der Kirche. Wenige Wochen später grölten SA-Kolonnen durch Eichstätt „ Drauf und dran, setzt aufs Klosterdach den roten Hahn“ und „Hängt die Juden, stellt die Schwarzen an die Wand!“ In diesem Kirchenkampf hatte der Dompfarrer nur eine Chance, weil die Eichstätter fast geschlossen hinter ihm standen. Er intensivierte die Bekenntnisveranstaltungen der Jugend, feierliche Prozessionen durch die Stadt und Anbetungsstunden im Dom. Dies empfanden die Parteileute als Nadelstiche und sannen auf Rache. Verhöre bei der Polizei und Hausdurchsuchungen waren die Folge. Kraus und sein Freund Professor Lechner verfassten anonym eine kämpferische Flugschrift gegen den Propagandaminister Goebbels und wiesen dessen Parolen scharf zurück. Dieser Brief wurde mit Michael Germanikus unterschrieben und in ganz Deutschland verteilt. Dafür sorgten die vielen Freunde des Dompfarrers vom Verband der Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg. Die Gestapo und der Propagandaminister tobten vor Wut. Sie fanden jedoch die Urheber dieses Flugblattes nicht heraus. Das spornte den Dompfarrer an, noch mehr Flugblätter gegen das Regime in ganz Deutschland auf den Weg zu bringen. Die Angriffe der Nationalsozialisten auf die Kirche schweißten die Katholiken zusammen. Schließlich kam es zu Strafandrohungen und zu einem Ausweisungsbefehl. Kraus kam auf Befehl des Bischofs dieser Ausweisung nicht nach. Wohl mit Rücksicht auf die Wirkung im Ausland ließ Hitler diese Auseinandersetzung beilegen. Von November 1940 bis November 1941 war Kraus wegen angeblich staatsabträglicher Predigtäußerungen im Gefängnis. Nach seinem Verzicht auf seine Ämter in Eichstätt und seinen Wohnsitz dort wurde er aus dem Gefängnis entlassen und nach Herrieden versetzt. Erst 1948 wurde er wieder Domkapitular in Eichstätt. 1974 starb er. Dompfarrer Kraus hat in der Zeit der Verfolgung nicht geschwiegen, obwohl er wusste, was seinen Mitbrüdern im KZ Dachau passierte. Seine Seelengröße können wir nur bewundern.

Eduard Werner

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Eine Antwort auf Dompfarrer Kraus im Widerstand

  1. Gabriele Weber sagt:

    Einen herzlichen Dank und Gottes Segen für diesen Beitrag!
    Ich freue mich sehr, dass es während der Zeit des Nationalsozialismus mehr an katholischem Widerstand gab, als mir meine Lehrer verraten haben 🙂

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