Unser Heil geht vom Kreuz aus Betrachtungen über den Opfercharakter der Eucharistiefeier Predigt am Fest der Schmerzen Mariens

Brüder und Schwestern im Herrn,
der heilige Johannes steht mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria unter dem Kreuz. Dies berichtet uns das vierte Evangelium in der Perikope zum heutigen Gedenktag der Schmerzen Marias.
Für diese Feier ist eine Sequenz vorgesehenen. Es ist ein Gesang, welcher auf das Graduale oder den Antwortpsalm folgt. Ich gehe davon aus, dass in diesem Kreis alle Kenntnis vom Urtext dieser wunderbaren Dichtung haben, von der lateinischen Fassung. Darin finden wir auch ein Echo auf die Darstellung des Evangeliums, und dies vor allem in den Worten: Fac me tecum pie flere, Crucifixo condolere, donec ego vixero. Iuxta Crucem tecum stare et me tibi sociare in planctu desidero. – „Lass mich wahrhaft mit dir weinen, mich mit Christi Leid vereinen, solang mir das Leben währt. Unterm Kreuz mit dir zu stehen, unverwandt hinaufzusehen, ist es, was mein Herz begehrt“. Der Gläubige, der Fromme verlangt danach, wie Johannes mit der Gottesmutter unter dem Kreuz zu stehen. Warum? Weil er begriffen hat, was dieses Kreuz bedeutet, was der Tod dessen bedeutet, der am Kreuz sein Leben aushaucht und in die Hände des Vaters legt. Er hat begriffen, dass vom Kreuz das Heil ausgeht. Denn das Leiden des Herrn ist nicht ein allgemeines Leiden, ein Leiden wie jedes andere Leiden. Es ist ein Leiden für mich. Es ist ein Leiden für den Menschen. Es ist ein Leiden für die Welt. Es ist ein Leiden, welches jeden Menschen betrifft. Denn es ist ein Leiden, welches den Menschen reinigt und heiligt: Pro peccatis suae gentis vidit Iesum in tormentis et flagellis subditum. „Ach für seiner Brüder Schulden sah sie ihn die Marter dulden, Geißeln, Dornen, Spott und Hohn“. „Für seiner Brüder Schulden“. Dieses „für“ ist von Bedeutung. Das Leiden des Herrn ist ein Leiden, an dem wir deshalb nicht vorbeigehen dürfen. Wir würden an unserem eigenen Heil vorbeigehen. Daher sucht der Gläubige, sucht der Mensch, suche ich Anteil an diesem Leiden zu bekommen: Tui Nati vulnerati, tam dignati pro me pati, poenas mecum divide. „Ach, das Blut, das er vergossen, ist für mich dahingeflossen; lass mich teilen seine Pein“. Ich möchte, dass dieses Leiden an mir wirksam wird, dass es mich rechtfertigt und mir das Leben Gottes schenkt.
Nun fließt dieses Heil vom Kreuz in das heilige Messeopfer hinein. Denn der Herr selber hat das Kreuzesopfer mit dem Messopfer verbunden, mit dem Messopfer in eins gestellt. Das Messopfer ist ein Opfer, weil es das Kreuzesopfer gegenwärtig setzt: „Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird“. Das heilige Messopfer ist sozusagen das Gefäß, welches das Heil vom Kreuz, die Gnade, welche aus dem Herz des Erlösers hervorquillt, aufnimmt und dem Gläubigen ins Heute weiter schenkt und ihn im Heute heiligt. Indem der Gläubige an der heiligen Messe teilnimmt, erfüllt sich das Verlangen der gläubigen Seele: Iuxta Crucem tecum stare et me tibi sociare in planctu desidero. „Unterm Kreuz mit dir zu stehen, unverwandt hinaufzusehen, ist es, was mein Herz begehrt“. Die Teilnahme am heiligen Messopfer ist heute – und so oft es geschieht – das Stehen unter dem Kreuz. Die Teilnahme am heiligen Messopfer ist ein Anteilnehmen am Leiden des Herrn und die Annahme dieses Leidens für mein Heil. Die Teilnahme am heiligen Messopfer ist der Aufblick zum Herrn am Kreuz: Fac me tecum pie flere, Crucifixo condolere. „Lass mich wahrhaft mit dir weinen, mich mit Christi Leid vereinen“. Das ist die einfachste, aber wohl auch klarste Katechese über die Feier der Eucharistie. Wenn ich das weiß und begriffen habe, habe ich das heilige Messopfer begriffen. Das ist das, was jeder Erstkommunikant wissen müsste. Das ist die wirksamste Anleitung zur participatio actuosa (zur tätigen Teilnahme) an der Eucharistiefeier, die tätige Teilnahme, welche mit Bezug auf den heiligen Papst Pius X. vom Zweiten Vatikanischen Konzil so sehr gewünscht wurde (vgl. Sacrosanctum Concilium 14).
Wenn das Bewusstsein verblasst, dass die Eucharistiefeier ein Opfer ist – und in erster Linie ein Opfer ist – , ist eine wirklich tätige Teilnahme nicht möglich. Und soweit sind wir in der Wirklichkeit des gegenwärtigen kirchlichen Lebens. Wir bedürfen daher dringend der Wiedererwägung. Wir bedürfen der Wiedererwägung in Bezug auf die Wahrheit des heiligen Messopfers. Der Opfercharakter der Eucharistiefeier muss wiederum ins Zentrum kommen. Denn die Eucharistiefeier hat ihren Ursprung im Opfer des Kreuzes. Wir müssen zu diesem Ursprung zurückfinden. Die Erneuerung der Kirche muss von dort ausgehen. Die oft und öfter erwähnte Neu-Evangelisierung muss dort ihren Anfang nehmen: Iuxta Crucem tecum stare et me tibi sociare in planctu desidero. Wir müssen die Heilige Messe wiederum neu entdecken und verstehen als dieses Iuxta Crucem … stare, als dieses Stehen unterm Kreuz, wir müssen die Heilige Messe neu entdecken und verstehen als dieses Crucifixo condolere, als die Vereinigung mit dem leidenden Christus. Warum diese dringende Wiedererwägung? Diese Wiedererwägung ist dringend, weil aus der heiligen Messe sehr oft eine Art Gesellschaftsspiel geworden ist, eine Aufführung, eine Unterhaltung, eine Interaktion, ein Festival, gelegentlich auch eine politische Veranstaltung. Der Vollzug des Opfers ist in den Hintergrund getreten oder ganz weggefallen. Das Hochgebet, das Zentrum der Eucharistiefeier, ist sehr oft nur zu einem Anhängsel geworden, und inzwischen hat man gelernt, sich mit sogenannten Wortgottesfeiern zu begnügen, selbst wenn keine Notwendigkeit besteht. Oft müssen wir sogar Feiern zur Kenntnis nehmen, die sich einem Sakrileg nahen oder gar sakrilegisch sind. Es ist dann nicht mehr ein Iuxta Crucem tecum stare et me tibi sociare in planctu desidero, allenfalls eine Volksbelustigung und ein Unterhaltungsangebot, Veranstaltungen, auf welche wir die Worte des Hebräerbriefes anwenden können: „Denn es ist unmöglich, jene, die einmal erleuchtet worden sind, die von der himmlischen Gabe genossen und Anteil am Heiligen Geist empfangen haben, die das gute Wort Gottes und die Kräfte der kommenden Weltzeit gekostet haben, dann aber abgefallen sind, erneut zur Umkehr zu bringen; da sie den Sohn Gottes noch einmal für sich ans Kreuz schlagen und zum Gespött machen“ (Hebr 6,4-6). Wie oft sind angebliche Gottesdienste nicht mehr ein Stehen unter dem Kreuz, sondern ein Kreuzigen unseres Herrn.
„Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl in der Nacht, da er überliefert wurde, das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zur Wiederkunft fortdauern zu lassen und so der Kirche, seiner geliebten Braut, eine Gedächtnisfeier seines Todes und seiner Auferstehung anzuvertrauen: das Sakrament huldvollen Erbarmens, das Zeichen der Einheit, das Band der Liebe, das Ostermahl, in dem Christus genossen, das Herz mit Gnade erfüllt und uns das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben wird“ (Sacrosanctum Concilium 47). Dieser Konzilstext ist die Norm für die Gestaltung und die Weitergabe der Eucharistiefeier an die kommende Generation. Hat sich diese Norm durchgesetzt? Ich bezweifle es und wiederhole: Wir bedürfen einer dringenden Wiedererwägung dessen, was Sinn und Inhalt der Eucharistiefeier ist, und wie wir diese Feier begehen. Amen.

Bischof Dr. Vitus Huonder, Chur

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