Relativismus pur

Der Jesuitenorden war einmal eine Bastion des Papsttums und der Kirche, beseelt von einem „asketischen und kämpferischen Geist“ (Roberto de Mattei). Deshalb richtete sich der Kampf der Kirchengegner besonders gegen sie. Das ist lange her. Was aber der amtierende Generalobere des Jesuitenordens der Venezolaner-P. Arthuro Sosa SJ fordert, geht über das bisher Bekannte hinaus, wie einige Passagen aus dem Interview des Schweizer Journalisten Giuseppe Rusconi im Blog „Rossoporpora“ mit Pater Sosa zeigen (abgedruckt im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt SKS 5/2017, S.11).
Rusconi: „Kardinal Gerhard Müller, der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, sagte bezüglich der Ehe, dass die Worte Jesu eindeutig sind, und «keine Macht im Himmel und auf Erden, weder ein Engel noch der Papst, weder ein Konzil noch ein Gesetz der Bischöfe, die Vollmacht hat, sie zu ändern».
Arturo Sosa: „Zunächst müsste man eine schöne Überlegung darüber beginnen, was Jesus wirklich gesagt hat. Zu jener Zeit hatte niemand ein Aufnahmegerät, um die Worte festzuhalten. Was man weiß, ist, dass die Worte Jesu in den Kontext zu stellen sind. Sie sind in einer bestimmten Sprache, in einem bestimmten Umfeld gesagt worden, sie sind an jemand Bestimmten gerichtet.“
Rusconi: „Ja, aber, wenn alle Worte Jesu zu überprüfen und auf ihren historischen Kontext zurückzuführen sind, dann haben sie keinen absoluten Wert.“
Arturo Sosa: „In den vergangenen hundert Jahren gab es in der Kirche eine große Blüte von Studien, die versuchen, exakt zu verstehen, was Jesus sagen wollte … Das ist nicht Relativismus, aber belegt, dass das Wort relativ ist, das Evangelium ist von Menschen geschrieben, es ist von der Kirche anerkannt, die aus Menschen gemacht ist … Daher ist es wahr, dass niemand das Wort Jesu ändern kann, aber man muss wissen, welches eines ist! […]“
Rusconi: „Aber die Letztentscheidung gründet sich dann auf ein Urteil zu verschiedenen Hypothesen. Ziehen Sie also auch die Hypothese in Betracht, dass der Satz «Der Mensch darf nicht trennen …» nicht exakt das ist, was er scheint? Kurzum, bezweifeln Sie das Wort Jesu?“
Arturo Sosa: „Nicht das Wort Jesu selber, aber das Wort Jesu, wie wir es interpretiert haben. Die Unterscheidung wählt nicht unter verschiedenen Hypothesen, sondern ist bereit, auf den Heiligen Geist zu hören, der – wie Jesus verheißen hat – uns hilft, die Zeichen der Gegenwart Gottes in der Geschichte der Menschen zu verstehen.“
Bei diesem Relativismus des Generaloberen der Jesuiten, kommen einem unwillkürlich die Worte Jesu in den Sinn: „Wird der Herr noch Glauben finden, wenn er wiederkommt?“ (Lk 18,8).

Hubert Gindert

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2 Antworten auf Relativismus pur

  1. Walter Richter sagt:

    Ach ja, man könnte dazu noch viel sagen, aber wenn ich meine Bibliothek und Erinnerungen befrage komme ich doch zu dem Schluss, dass der Hl. Geist, auf den die Unterscheidung hören soll, vielleicht doch nur der Vogel des P. Sosa, SJ ist. In dieser Kirche fühle ich mich bald nicht mehr daheim. „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“, aber heute haben viele die Werkzeuge, um diesen Felsen zu zerstören und die Jesuiten haben dazu eine Abrissbirne. Sie werden bald alleine in der Kirche stehen, denn die Schafe sind bald nicht mehr da, die solche Hirten weiden könnten. Ich habe die Gnade der frühen Geburt, will heiße, dass ich vieles nicht mehr erleben muss und meine Sehnsucht nach zu Hause wird immer größer. Traurig

  2. Herbert Klupp sagt:

    Das ist ein alter Hut. Schon der Philosoph Peter Abaelard hat Anfang des 12.ten Jahrhunderts ganz raffiniert die Lehre der Kirche und der Bibel „unterwandert“, mit dem scheinheiligen Argument, daß gewiß die Heilige Schrift frei von Fehlern sei, aber wer sage uns eigentlich, daß die uns vorliegenden Schriften nicht korrupt ( verdorben ) seien, nachdem sie ja abgeschrieben und übersetzt und keine Originale mehr sind. Tragisch, daß selbst die wunderbare Textkritik bspw des Neuen Testamentes ( im Nestle-Aland ) welche uns „in einem Guß“ aufzeigt, wie getreu all die Pergamente, Seiten, Ausrisse aus uralten Texten verschiedenster Jahrhunderte untereinander übereinstimmen und so die ( nicht mehr vorhandene ) Originalschrift beweisen – tragisch, daß die heutigen Theologen umso mehr dem verderblichen Ansatz des Peter Abaelard anhängen. Und natürlich ist das ganze noch älter. Man befrage die Heilige Schrift. Schon auf den ersten Seiten steht geschrieben was ( immer ) aus dem Mund des Verführers ( der Schlange ) kommt: „sollte Gott wirklich gesagt haben“.

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