„Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ – Gedanken zum Marienmonat

Für die einen eine große Hilfe, um zum Glauben zu kommen oder um in ihm zu leben, für andere wiederum eine Frömmigkeitsform, bei der man auf Distanz geht. An der Marienfröm­migkeit scheiden sich – auch innerkirchlich – die Geister.  Droht sie den Blick auf Christus zu verstellen, sodass ihm nicht mehr die Ehre zukommt, die ihm gebührt, oder hat sie einen nicht nur legitimen, sondern auch wichtigen Platz in der Glaubenspraxis?
In der Tat braucht Marienfrömmigkeit und –verehrung einen tieferen theologischen Grund, wenngleich auch ihre Früchte augenscheinlich sind. Über die Gottesmutter sind eben schon viele zu Gott gekommen, und auch ich persönlich erlebe gerade im ländlichen Raum bei jungen Familien und vor allem bei Kindern Glaubensfreude beim Besuch von  Maialtären und bei Marienwallfahrten.
Es ist interessant, dass es beim Zweiten Vatikanischen Konzil eine kontroverse Diskussion um die Marienfrömmigkeit gab. Papst Benedikt XVI. hat im Jahr 1979 – noch als Kardinal Ratzinger – in einem Aufsatz darauf aufmerksam gemacht. Zwei  Strömungen standen gegeneinander  – die eine, die aus der liturgischen Bewegung gespeist war, stark christuszentriert und mehr vom Kopf her bestimmt, die andere, die gerade von den vielen Marienerscheinungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhundert beeinflusst war und vor allem für einen Glauben stand, der mehr vom Gemüt her kam.
Das Konzil fand eine Antwort in der Verehrung von Maria als Mutter der Glaubenden, als Mutter der Kirche. Die Gottesmutter ist im Grunde das menschliche Musterbeispiel für den Glauben an Christus, der aber in ihr auf ganz besondere Weise konkret wird – nämlich dadurch, dass sie ja durch ihr „Ja“ zur Mutterschaft Jesu in das Erlösungsgeschehen eingebunden war. Was wäre geschehen, hätte sie dem Engel Gabriel bei der Verkündigung „Nein“ gesagt? Es wäre ihr viel erspart geblieben – bis hin zu der Erfahrung, ihren toten Sohn in den Armen zu halten. Aber auch Schönes hätte sie nicht erleben können, vor allem dass ihr nach Ostern die Erfahrung geschenkt war, dass ihr Sohn  nun, auferstanden, zur Rechten seines göttlichen Vaters sitzt. Maria hat durch ihr „Ja“ Heilsgeschichte geschrieben, weil sie persönlich „Ja“ zum Auftrag des Engels gesagt hat – und das zeigt, dass es Gott immer auch um das freiwillige „Ja“ des Menschen geht, wenn er unter und für die Menschen  wirken will. Gott handelt nicht ohne dieses „Ja“.
Doch schauen wir uns Marias „Ja“ genauer an: Ein echtes „Ja“ sage ich dann, wenn ich etwas ganz und gar für richtig halte. Auch wenn Maria nicht alles verstanden hat, was da durch die Verheissung des Engels auf sie zukam, so hat sie doch aus Überzeugung und ehrlichen Herzens zugestimmt. Sie glaubte einfach diesem Gott, von dessen Güte und absoluter Weisheit – er weiß, schon was richtig ist – sie überzeugt war. Und genau dadurch wird sie auch zum Urbild des glaubenden Menschen, zum Urbild der Kirche. Denn die Kirche ist immer auch Empfangende und nimmt so Christus auf, ähnlich wie auch Maria das Wort Gottes aufgenommen hat und dadurch von diesem Gott ausersehen wurde, das göttliche Kind in ihrem Mutterschoß wachsen zu lassen.
Joseph Ratzinger hat immer wieder betont, wie unerlässlich dieser marianische, der empfangende Charakter für die Kirche ist – auch als er als Papst höchster Lehrer dieser Kirche war. Als im Sinne Mariens empfangende ist die Kirche nicht Organisation, sondern Organismus, hat er als Kardinal geschrieben. Und nur in diesem Kontext wird deutlich, was er später als Papst in seiner Freiburger Konzerthausrede mit „Entweltlichung“ gemeint hat: Kirche lebt als Leib Christi aus dem Leib Christi, den die Gottesmutter in ganz besonderer Weise als Mutter empfangen hat. So existiert im Übrigen auch ein Zusammenhang zwischen Mariologie und Eucharistie, dem Sakrament, bei dem der, der ehrlichen Herzens den Weg mit Christus gehen will, dessen Leib in sich aufnehmen darf. Dann aber, wenn er ehrliche Gemeinschaft mit Christus lebt, wird der Christ in der Kirche nicht mehr Organisator sein, ihm wird es nicht um Macht, nicht um Geld, nicht um ein weltliches Luxusleben gehen – sondern die Mitte seines Lebens wird sein, dass Christus in ihm immer mehr lebendig wird und er so Zeuge für diesen Christus ist.
„Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ betet die Gottesmutter im Magnificat. Maria freute sich über ihre Berufung, Vorbild zu sein – nicht aus Stolz, sondern weil sie um Gottes Liebe wusste und gern sein Werkzeug war. Wenn wir Maria preisen, sie verehren, zu ihr wallfahren, ihr Blumen an den Maialtar bringen, kann auch uns das ermutigen, noch bessere Zeugen für Christus zu werden.

Raymund Fobes

Bild: 14./15. Jahrhundert, Bad. Landesbibliothek Karlsruhe. Verlag Simon/Koch Konstanz

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