… und hätte die Liebe nicht …

Der heilige Paulus zeigt uns im dreizehnten Kapitel des ersten Korintherbriefes einen Weg, der alle anderen Wege übersteigt – den Weg der Liebe. Die Liebe ist das Wesen des dreifaltigen Gottes (1 Joh 4,8.16), der die Welt so sehr geliebt hat, dass der Sohn sich für uns am Kreuz dahingab (Joh 3,16), weil Er uns zuerst geliebt hat (1 Joh 4,19). Durch diese Hingabe werden wir Kinder Gottes (1 Joh 3,1) im Heiligen Geist, der in unsere Herzen ausgegossen ist (Röm 5,5), damit wir Ihn und die Nächsten lieben können (Mt 22,37-40). Die Nächstenliebe ist der Beweis der Gottesliebe und schließt die Feindesliebe mit ein (Mt 5,43-48). Der Vater liebt den Sohn und der Sohn liebt den Vater (Eph 1,6) im Heiligen Geist und diese drei sind eins. Der dreieinige Gott liebt die Menschen (Joh 1,13), für die sich der ewige Sohn hingibt.
Wir wollen nun die schönen Verse im dreizehnten Kapitel des ersten Korintherbriefes der Reihe nach betrachten und sie in unserem Leben in die Tat umsetzen.
Alle Sprachen, jegliche Prophetengabe und sogar der Glaube, der Berge versetzen kann, sind ohne die Liebe nichts (1 Kor 13,1f). Der Glaube, das heißt das Vertrauen in Gott und seine Offenbarung, die Er uns durch Mose, die Propheten und vor allem durch seinen Sohn Jesus Christus geschenkt hat, ist eine wesentliche Säule unseres Lebens, bedarf aber notwendigerweise der Liebe, die sich an den dreifaltigen Gott und die Menschen selbstlos verschenkt.
Das Verschenken des ganzen Besitzes und die Hingabe des Lebens (1 Kor 13,3) sind herausragende Tugenden, die aber ohne die Liebe wertlos sind, weil sie erst in dieser Gesinnung Gott wohlgefällig werden. Denn diese Taten werden ohne die Liebe zur bloßen Prahlerei (1 Kor 13,4), so dass wir dem Irrglauben verfallen, alle guten Werke aus eigener Kraft verrichtet zu haben. Wir können aber getrennt von Jesus nichts vollbringen (Joh 15,5).
In 1 Kor 13,4-7 beschreibt der heilige Paulus das Verhalten des liebenden Gottes, dem wir nacheifern sollen: Gott ist langmütig, geduldig und gütig. Ein Mensch, der in der Liebe ist, ereifert sich nicht, er prahlt nicht und er bläht sich nicht auf. Dieser Mensch ist also sanftmütig und demütig von Herzen (Mt 11,29). Die Liebe sucht nicht ihren Vorteil. Jesus hat seine vielen Wunder nicht für sich gewirkt, um sich darzustellen, sondern um den Menschen zu helfen und diese zum Glauben an Ihn zu führen. Jesus heilte Kranke, erweckte Tote zum Leben (Lazarus, die Tochter des Jairus, den Jüngling von Naim), wandelte Wasser in Wein, bewirkte die wunderbare Brotvermehrung und vergab den Menschen ihre Sünden. Durch die Heilung des Gelähmten zeigte Jesus den Pharisäern, dass Er dazu die göttliche Vollmacht hatte. Die Liebe trägt das Böse nicht nach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Jesus steigt nicht vom Kreuz herab. Er vollendet vielmehr aus Liebe zum Vater und zu uns sündigen Menschen sein Opfer der Lebenshingabe, um uns zu erlösen.
Die Liebe lässt sich nicht zum Zorn reizen, zeigt keine Schadenfreude und freut sich an der Wahrheit (1 Kor 13,5f), die Jesus selbst ist: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Die Liebe erträgt, glaubt und hofft alles (1 Kor 13,7). Gott, der die Liebe selbst ist (1 Joh 4,8.16), kann nichts Böses tun und nichts Böses wollen. Er lässt das Böse zu, um seinen Geschöpfen ihre Freiheit zu lassen, wendet aber unsere bösen Taten zum Guten und hat unendliche Geduld mit uns. Gott, der Vater, sendet seinen Sohn in die Welt, damit dieser durch sein Leiden und Kreuz die Sündenstrafen auf sich nimmt, um uns zu erlösen. Dieses Heilsgeschehen zwingt Er uns nicht auf, sondern wir dürfen in vollkommener Freiheit diese Liebe annehmen. Bei seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten wird Jesus Christus die Spreu vom Weizen trennen und diejenigen, die die Werke der Barmherzigkeit und der Liebe getan haben, zu sich in das ewige Leben führen. Die unbarmherzigen Menschen werden ewig von Gott getrennt sein (Mt 25,31-36). In Seiner Liebe können wir allen Widrigkeiten des Lebens stand halten (1 Kor 13,7), weil Er uns die nötige Kraft und Gnade dazu gibt. Die Gottesmutter Maria, die Märtyrer, die ihr Leben für Jesus und seine Gesetze dahingaben wie Johannes der Täufer, die Apostel und viele andere geben uns dafür ein Beispiel.
„Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,8), denn „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8.16). Prophetisches Reden und irdische Erkenntnisse werden vergehen (1 Kor 13,8.12) und führen sehr schnell in den Hochmut. Unsere irdische Erkenntnis ist unvollkommen, erst in der Ewigkeit erhalten wir durch Ihn eine uns angemessene vollkommenere Erkenntnis, die aber niemals an die unendlich vollkommene Erkenntnis Gottes heranreichen kann (1 Kor 13,12).
„Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (1 Kor 13,13). Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe werden hier vom heiligen Paulus in eine Rangfolge gebracht. Die Liebe ist die größte göttliche Tugend, da Gott selbst die Liebe ist, wie wir gesehen haben. Der Glaube als das gehorsame Vertrauen in den dreifaltigen Gott und seine Offenbarung ist für uns auf Erden notwendig, muss aber mit der Liebe verbunden sein, sonst nützt er uns nichts (1 Kor 13,2). Dies gilt auch für die Hoffnung. Das bedeutet, dass wir alles Gute und das ewige Leben von Gott erwarten, der uns erschaffen und erlöst hat. Auch die Hoffnung bedarf der Liebe, denn sonst würde sie im Egoismus enden. Wir erhoffen das Gute nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mitmenschen, ja sogar für unsere Feinde und üben so die Nächsten- und die Feindesliebe. Es ist natürlich relativ einfach, darüber zu schreiben, denn Papier ist geduldig. In erster Linie gilt es, die Gebote Jesu zu leben, dafür ist es aber auch notwendig, sie zu kennen. Wir selbst sind aus eigener Kraft nicht in der Lage, das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Wir dürfen aber den Vater im Namen Jesu Christi, seines Sohnes, bitten, dann werden wir die entsprechenden Gnaden erhalten (Joh 14,13f). Der Gabentisch Gottes ist übervoll. Gott weiß natürlich besser, was wir brauchen, aber für unsere Demut ist das Bitten notwendig, ansonsten werden wir überheblich und hochmütig und schreiben uns selbst unsere Verdienste zu. Dadurch entfernen wir uns von Ihm und seiner Liebe. Um dies zu vermeiden, empfiehlt es sich, das folgende schöne Gebet immer wieder zu beten: „Jesus, sanftmütig und demütig von Herzen, bilde unser Herz nach Deinem Herzen“. Bitten wir auch um die Gottes- und Nächstenliebe: „Jesus, lass mich Dich immer mehr lieben dürfen und auch meinen Nächsten“.

P. Andreas Hirsch FSSP

Bild: Christus heilt eine kranke Frau. Evangeliar Heinrichs III. Original im Escorial (Madrid)

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