Fatima ist noch lange nicht erfüllt. Ein Essay zum hundertsten Jahrestag der ersten Erscheinung

Fatima ist von allen größeren Wallfahrtsorten der Welt der politischste. Zwar hat die Heilsgeschichte immer mit der Geschichte, mit der Versöhnung des Menschen mit Gott als Voraussetzung für Frieden unter den Menschen zu tun und ist insofern politisch im noblen Sinn, als Wirken in und für die Polis, die Gemeinschaft der Menschen. Insofern sind auch alle Wallfahrtsorte politisch. Aber an keinem Ort wird die Gottesmutter so nachhaltig konkret. „Wenn man auf meine Wünsche hört, wird Russland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören“. Als Maria das den drei Kindern Lucia, Jacinta und Francisco sagt, die vermutlich gar nicht wussten, was Russland ist, geschweige denn wo es liegt, ist Lenin schon einige Monate in Russland, es beginnt der Bürgerkrieg, der mit der Machtergreifung der Kommunisten endet. Und mit dieser Machtergreifung beginnen „Kriege und Kirchenverfolgungen“.

Auch das Ende des Kommunismus und der Fall der Mauer, die übrigens an einem Fatimatag (13. August) errichtet wurde, haben mit den Erscheinungen in dem kleinen Dorf mit seinen armen Bauern, den kargen Feldern und ihren knorrigen Olivenbäumen zu tun. „Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden, am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden“. Die Gottesmutter kündigt sogar an, wie Ulrich Filler in seinem sehr lesenswerten Büchlein „Fatima“ (Fe-Verlag, Kisslegg, 2017) beschreibt, dass der Erste Weltkrieg zu Ende gehen wird, der Zweite Weltkrieg beginnt und zwar unter dem Pontifikat Pius‘ XI. (mit der Besetzung Österreichs) und dass auch ein unbekanntes Licht (das Nordlicht im Januar 1938) diese Ereignisse ankündigt. Auch die  Vision des dritten Geheimnisses erfüllt sich im Laufe des Jahrhunderts. Ganz besonders findet sich der heilige Johannes Paul II. nach dem Attentat vom 13. Mai 1981 – am 64. Jahrestag der ersten Erscheinung – in der Vision wieder und ist sich sicher, dass die Hand der Gottesmutter die Flugbahn der Kugel des Attentäters vom Petersplatz so lenkte, dass sie nicht mehr tödlich wirkte. In seiner Auslegung der Geheimnisse von Fatima schreibt der spätere Papst Benedikt XVI.: „Das Böse hat Macht in der Welt, wir sehen es und erfahren es immer wieder; es hat Macht, weil unsere Freiheit sich immer wieder von Gott abdrängen lässt.  Aber seit Gott selbst ein menschliches Herz hat und so die Freiheit des Menschen ins Gute hinein, auf Gott zu gewendet hat, hat die Freiheit zum Bösen nicht mehr das letzte Wort. Seitdem gilt: ‚In der Welt werdet ihr Drangsal haben, aber seid nur getrost, ich habe die Welt überwunden‘ (Joh 16,33). Dieser Verheißung uns anzuvertrauen, lädt uns die Botschaft von Fatima ein“. Deshalb hat Johannes Paul II. die Welt und die Kirche, Geschichte und Heilsgeschichte in die Hände der Gottesmutter gelegt. Die Kugel, die haarscharf an der Hauptschlagader vorbeiging – hätte sie die Ader getroffen, wäre er innerlich verblutet – sitzt heute in der Krone der Muttergottes von Fatima (siehe Bild) und zwar in einer Fassung, die wie vorgesehen dafür war. Man kann das Attentat als das letzte Aufbäumen der kommunistischen Diktatur gegen die Heilsgeschichte deuten. Zwar folgten noch Unruhen gerade in der Heimat des Papstes, aber sein Gebetswort bei seinem Besuch in Polen („Du wirst das Angesicht der Erde erneuern – dieser Erde“) war sozusagen ein Vorgriff auf die Erfüllung der Prophezeiung von Fatima. Heute steht, am Rand des Platzes zwischen der alten und der neuen Basilika von Fatima, ein Stück der Berliner Mauer, das ein portugiesischer Gastarbeiter aus Berlin auf einen Laster geladen und nach Fatima transportiert hat. Es illustriert die Macht des Gebetes.

Johannes Paul II. wusste, dass der Kommunismus am Ende war und es war nur die Frage, ob dieses Ende friedlich verlaufen würde oder in einem Meer von Blut. Joachim Kardinal Meisner, ein Fatima-Verehrer und Helfer erster Güte, sieht diesen Zusammenhang zwischen Johannes Paul II und Fatima sehr deutlich. In einem Interview mit der Deutschen Tagespost (16. September 2016) sagt er: „Der Papst lebte für eine ganz bestimmte Sendung, die er nie öffentlich thematisiert hat“. Die Einteilung in Heilsgeschichte und Geschichte, in Natur und Übernatur „ist bei  ihm eine Einheit gewesen. Das ist ja sein Charisma und begründete seine Faszination. Er war eine ganz außerordentliche Persönlichkeit, eben ein Heiliger“. Für Kardinal Meisner selbst „bedeuten die Prophezeiungen über Russland, dass Gott seine Welt nicht aus dem Ruder laufen lässt. Wie es konkret weitergehen wird, kann ich mir nicht denken. Fatima ist keine ausgebrannte Batterie, die man jetzt ad acta legen kann, sondern sie ist noch sehr gefüllt. Mit Energien, mit Batterien spielt man nicht, damit es keine Explosionen gibt, aber man kann gespannt sein, was sich dabei noch entladen wird“. Papst Franziskus wird am 13. Mai in Fatima vor vermutlich mehr als einer Million Pilger die Messe lesen. Auch er ist ein großer Verehrer der Gottesmutter von Fatima. Auch er wird vielleicht darauf eingehen, dass die Prophezeihungen noch nicht alle erfüllt sind und es auch nicht sein können, solange die Geschichte nicht in der Heilsgeschichte aufgegangen ist. Neue Gefahren bedrohen die Menschheit heute ganz allgemein und die Christenheit im besonderen, man denke nur an den Genderismus oder die Angriffe auf Ehe und Familie. Oder auch an den Terror und Hass des Islam. Sie sind an die Stelle der Roten Armee getreten. Ihr gegenüber steht eine „Blaue Armee“, jene Armee, deren Waffe der Rosenkranz ist. Blau ist sie wie die Flagge Europas, die der zum Katholizismus konvertierte jüdische Belgier Paul Levi entworfen hatte. Sie zeigt den Kranz der zwölf Sterne, die die Frau der Offenbarung, also die Gottesmutter symbolisiert. Insofern steht Fatima auch für die Rettung Europas, ob es den Politikern gefällt oder nicht.

Jürgen Liminski

Foto(c): J. Liminski

 

 

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Fatima ist noch lange nicht erfüllt. Ein Essay zum hundertsten Jahrestag der ersten Erscheinung

  1. Mathias Wagener sagt:

    Ein sehr guter Artikel, der mit Recht auch die „Blaue Armee“ angesprochen hat. Unsere deutschen Oberhirten sollten mehr über Fatima denn über Luther reden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*