Der steinige Weg der Ökumene im „Land der Reformation“

Papst Benedikt XVI. hat auf seinem Pastoralbesuch 2011 in Deutschland im Kloster Erfurt die Ökumene mit den Protestanten angesprochen und angemerkt: „Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind … Die Ernsthaftigkeit des Glaubens an Gott zeigt sich im Leben seines Wortes. Sie zeigt sich in unserer Zeit ganz praktisch im Eintreten für das Geschöpf, das er als sein Ebenbild wollte – für den Menschen. Wir leben in einer Zeit in der die Maßstäbe des Menschseins fraglich geworden sind. Ethik wird durch das Kalkül der Folgen ersetzt. Dem gegenüber müssen wir als Christen die unantastbare Würde des Menschen verteidigen, von der Empfängnis bis zum Tod – in Fragen von PID bis zur Sterbehilfe“.
Zu den wichtigsten Fragen einer ökumenischen Zusammenarbeit auf sozial-ethischem Gebiet zählt das Verständnis von Ehe und Familie. Der höchste Repräsentant der Protestanten, der Ratsvorsitzende der EKD Präses Dr. h.c. Nikolaus Schneider, hat in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ diese für unsere Gesellschaft fundamentale Gemeinsamkeit von Katholiken und Protestanten infrage gestellt. Der bayerische Staatsminister a.D. Erwin Huber MdL hat im Schreiben vom 6. März 2013 diesen Dissens angesprochen. Erwin Huber hält dem Ratsvorsitzenden vor:
„Sie beschreiben im familienpolitischen Teil nur den Zeitgeist. ‚Vater, Mutter, Kind‘ …‚ ist überholt meinen Sie, Familie sei doch überall, wo Menschen verbindlich zusammenleben. … Ist es tatsächlich aus der Zeit gefallen, Familie im klassischen Sinne zu leben und vor allem: macht es tatsächlich keinen Unterschied mehr, ob Kinder mit ihren verheirateten (biologischen) Eltern aufwachsen oder nicht? Ist das, was immer noch die allermeisten und gerade junge Menschen wieder in hohem Maße voller Sehnsucht anstreben, wie seit Jahren alle Generationenstudien beweisen, nämlich Ehe und Familie zu leben, kein eigener Wert für die evangelische Kirche?
Warum rufen Sie diese Menschen nicht auf, Mut zu haben, Bindungen einzugehen – ernsthaft und verlässlich, z.B. durch Trauschein oder kirchlichen Segen? … Statt Anstoß daran zu nehmen, wie viele Kinder unter Patchwork-Situationen leiden, beschreiben Sie leider auch die „Patchwork-Familien in fast verklärter Idealisierung … Wenn schon der Einfluss der Kirchen in unserer säkularisierenden Zeit zurückgeht, dann sollten Sie wenigstens den Mut haben, klare Signale und Zeichen christlicher Lebensführung zu geben! … Krass finde ich Ihre Feststellung ‚Das Betreuungsgeld ist ein Fehler …‘ und könnte erst in Frage kommen, wenn alle Kinder einen Betreuungsplatz haben. Genau in diesem Sinne äußert sich auch der Arbeitgeberverband Deutschland … Die Arbeitgeber brauchen Frauen und Mütter für den Produktionsprozess und plädieren deshalb für die möglichst frühe und umfassende außerhäusige Fremdbetreuung der Kinder. Arbeitgeberlobby denkt nicht ans Kindeswohl, die Kirche sollte es aber tun. Eigentlich müssten die Kirchen einen besonderen Blick auf die Schwächsten und ihr Wohl haben, nämlich auf die Kinder. Und da kann man beileibe nicht davon sprechen, dass die Kita immer Vorrang haben soll. Was Kinder im Alter von ein bis drei Jahren brauchen ist verlässliche Bindung, was sie brauchen sind Eltern. Die Kita kann das Elternhaus ergänzen, wenn Kleinkinder krippenreif sind, aber nicht ersetzen. Warum hat bei Ihnen der Kita-Platz absolute Priorität vor der elterlichen Betreuung? Das verstehe ich nicht, denn wir sollten die elterliche Verantwortung über allem sehen. Ich bin für elterliche Wahlfreiheit … Eine sinnstiftende und zu Wertorientierung geforderte Institution wie die Kirche sollte nach meiner Meinung den Menschen mehr geistige Nahrung geben, als Sie es in Ihrem Interview zustande brachten, in dem sie sich lediglich dem Zeitgeist angehängt haben.“ So also Erwin Huber zu den Äußerungen des Ratsvorsitzenden der EKD Dr. Nokolaus Schneider.
Wenn der oberste Repräsentant der evangelischen Kirche in der wichtigsten sozial-ethischen Frage die Gemeinsamkeit mit unaufgebbaren Prinzipien der katholischen Soziallehre aufkündigt, wird die Ökumene selbst in dem Bereich schwierig, wo wir bisher meinten, uns noch am ehesten verständigen zu können.
Die von Erwin Huber kritisierten Passagen des Interviews belegen noch einmal, wie unbedacht die Forderung von einigen Politikern und Medienleuten – „Ökumene jetzt!“ – waren. Vor dem „Zusammengehen“ sollte erst einmal das „In sich gehen“ stattfinden!

Hubert Gindert

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