Ich schaue ihn an – und er schaut mich an. Christus begegnen in der Eucharistie

Es gibt ein beeindruckendes Erlebnis, über das der heilige Pfarrer von Ars berichtet hat. Er ging eines Tages in seine Kirche und entdeckt dort einen Bauern, der ganz konzentriert auf den Altar, das Kreuz und den Tabernakel schaut. Kein Gebetbuch, keinen Rosenkranz hat er in der Hand Auf die Frage des Pfarrers, was er denn gerade tue, sagt er nur: „Ich schaue ihn an und er schaut mich an.“ Der Bauer hat damit das eigentliche Wesen christlicher Frömmigkeit ganz einfach ausgedrückt: Es geht darum, beim Herrn zu verweilen, ihm nahe sein zu wollen, so wie die Maria von Bethanien, die vor allem bei Jesus, dem Christus sein und seinen Worten lauschen wollte.
Natürlich hatte es Maria ungleich leichter als der Bauer von Ars oder wir heute – denn sie sah ja Jesus von Angesicht zu Angesicht, während er sich uns nur verborgen zeigt, in dem einfachen, aber doch heiligen, weil gewandelten Brot. Insofern erfordert es zum einen eine tiefe Konzentration, die nur in der Stille und dem Gebet geschehen kann, zum anderen braucht es aber auch den Glauben an die Anwesenheit des Herrn im Altarssakrament – ein Glaube, der das Vertrauen auf den ist, der im Abendmahlssaal das Sakrament eingesetzt hat und der auch zu dieser Einsetzung fähig war, weil er der Sohn Gottes ist.
Es geht also bei der Anbetung des Herrn in der Kirche um Vertrauen einerseits, aber auch darum, sich ganz und gar auf ihn einzulassen, wobei beides nicht zu trennen ist: Nur weil ich darauf vertraue, dass Gott in Wahrheit mir seine Anwesenheit in der Eucharistie zugesagt hat, kann ich mich darauf wirklich bedenkenlos einlassen. Doch indem ich mich darauf einlasse, vertraue ich auch fester, weil ich Zweifel, die sich doch immer wieder einstellen, durch mein inniges Gebet abzuwehren vermag.
Aber hat nicht das Verhüllte und Verborgene auch noch von einer anderen Perspektive her seinen besonderen Wert? Will er uns vielleicht in dieser Einfachheit seine Liebe zeigen und uns dazu animieren, wiederum ihn zu lieben? Käme er mit Blitz und Sturm, würden wir ihn vielleicht gar nicht so sehr als liebevoll begreifen, ja unsere Furcht und unser Zittern wäre so groß, dass wir uns ihm nicht mehr in Liebe zuwenden wollten.
Andererseits wissen wir aus der Bibel, dass Gott sich zuweilen auch machtvoll zeigt – beispielsweise schildert Matthäus, dass die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab mit einem gewaltigen Erdbeben einhergeht (vgl. Mt 28,2). Und auch das brauchen wir zuweilen, damit wir uns bei aller göttlichen Liebe auch über den Ernst der Nachfolge im Klaren sind. Auch wenn Gott so klein und einfach sich in der Eucharistie zeigt, er ist doch der machtvolle Gott, der bei aller Barmherzigkeit auch Gerechtigkeit schafft.
Aber das braucht eben den nicht zu schocken, der die Begegnung mit ihm sucht. Und da sind wir wieder bei dem Bauern aus Ars. Ihm ist es offenbar gelungen, so lange und so intensiv beim Herrn zu verweilen, dass er das spüren konnte, was nach Christi Verheißung auch Realität ist: „Er schaut mich an.“ Und der Bauer brauchte dazu nicht den Empfang der Kommunion, er betete nicht vor dem ausgesetzten Allerheiligsten – nein, er konnte diese Erfahrung machen, obwohl der Eucharistische Herrn hinter der Tabernakeltür verborgen war. Wie sehr musste er dann wohl seine Gegenwart erfahren, wenn er Christi Leib in der Monstranz begegnete– und wie sehr, wenn er ihn in der Heiligen Kommunion empfing?
Wie groß ist unsere Sehnsucht nach der Christusbegegnung im Sakrament der Eucharistie heute? Als der heilige Papst Pius X. zu Beginn des 20. Jahrhunderts die häufige Kommunion – das war vorher nicht üblich – erlaubte, war das für viele fromme Menschen ein besonderes Geschenk. Heute ist die sonntägliche Eucharistiefeier für viele etwas Lästiges. Ausschlafen scheint wichtiger, Fußball hat Vorrang. Das ist sehr bedauerlich, aber heute ein Bewusstsein für das Geschenk der Eucharistie zu schaffen scheint mir nur dadurch möglich, dass wir wieder die Sehnsucht auf die Christusbegegnung wecken. Der erste Schritt dazu, so sagte mir ein erfahrener Jugendseelsorger, ist in Kindern und Jugendlichen – wahrscheinlich auch vielen Erwachsenen – erst einmal ein Bewusstsein für Stille und Ruhe zu schaffen, damit ihnen deutlich wird, dass diese Stille bereichert und genau da die Stimme Jesu zu hören ist und sein Antlitz aufleuchtet. Dann kann es möglich werden, auch im Kirchenraum als heiligem Ort die Gegenwart des Herrn im Tabernakel wahrzunehmen.
Alles in allem ein langer Weg, der den Seelsorger viel Arbeit kostet und sicher auch mit Rückschlägen gepflastert ist. Aber ein Weg, der zur Erneuerung des Glaubens und der Frömmigkeit beitragen wird.

Raymund Fobes

Foto: Archiv FDK

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